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Der Israelit · 1901-07-18 · Heft 56 (18.7.1901) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 56 (18.7.1901)
Date
1901-07-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Bundeskorrespondenz die höhnische Bemerkung, daß die Juden sonst früher nur als Kravattenmacher — Geld- und Sachwucherer — bekannt waren. Ich frage: Was hat der rechtschaffene jüdische Handwerker mit dem Kravattenmacher, wie stch die „Bundeskorrespondenz" geschmackvoll ausdrückt, zu thun? Was hat der jüdische Mann, der an der lohenden Feueresse dasteht und mit nervigter Hand das Eisen schmiedet, der in glühendem Sonnenbrände die Zinkplatte an den Dachstuhl nietet, der in der staubigen Arbeitsstätte mit dem spitzen Stahl den Stein bearbeitet, was hat dieser Mann mit dem Wucherer gemein? „Dem Kravattenmacher, sei er Christ oder Jude, all jenen unterwerthigen, dunklen Ehrenmännern, welche Geldwucher, Sachwucher oder Kornwucher treiben, unsere Verachtung und unser tiefstes Bedauern: dem Handwerker, sei er Christ oder Jude, all' jenen wackeren Männern, die sich rechtschaffen durch ihrer Hände Arbeit ernähren, unsere Hochachtung und An erkennung. Das ist der Standpunkt, den ich vertrete." Des weiteren ist von mir darauf hingewiesen wor den, daß in Deutschland erfolgreiche Bestrebungen sich geltend machen, um die jüdische Jugend der Landwirthschaft, dem Gartenbau und dem Handwerke zuzuiühren. Die „Bundeskorrespondenz" bezweifelt diesen Erfolg und fragt, warum nicht schon seit längerer Zeit die Juden in der Landwirthschast und dem Handwerke sich bethätigen. Ich will diesen Punkt klarstellen: Es sind in Deutschland zahlreiche Vereine und Organisationen vorhanden, die es stch zur Aufgabe gemacht haben, Handwerk und Ackerbau unter den Juden zu fördern. Der deutsch-israelitische Gemeindebund in Berlin unterhält eine besondere, mit Energie und Umsicht geleitete Abtheilung für Handwerk und technische Gewerbe. Außerdem blüht in Berlin die im Jabre 1813 gegründete „Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate. Gleiche Tendenzen verfolgt der ebenfalls in Berlin domizilirende „Verein zur Beförderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands." Aehnliche Landesvereine, deren Wirksamkeit auf die einzelnen deutschen Bundesstaaten stch erstreckt, blühen in München, Stuttgart, Mannheim, Leipzig, Darmstadt. Karlsruhe, Gießen und in anderen Orten. Nächstdem sind in zahlreichen preußischen und sonstigen deutschen Städten gleichgestimmte Vereine vorhanden, die ihre ersprießliche Thätigkeit auf größere oder ge ringere Bezirke ausdehnen. Um ein Beispiel anzuführen: Bei uns im Oberschlesischen Jndustriebezirk entfalten solche Vereine in Gleiwitz, Veuthen, Kattowitz und Königshütte eine überaus segensreiche Wirksamkeit. Aus der ansehnlichen Reihe dieser Organisationen tritt besonders hervor die „Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem" bei Hannover, die das wichtige Arbeitsfeld der Gärtnerei und der Landwirthschast allen Israeliten eröffnen will. Derselben Richtung folgt das Oberschlesische „Israelitische Waisenhaus ' Rnbnik, indem es bei dem Erziehungswerk seiner Pfleglinge den Handfertigkeitsunterricht und den praktischen Gartenbau besonders berücksichtigt. Diese kurzen Mittheilungen beweisen zur Genüge, daß es auf Seite der Juden nicht an ebenso zielbewußten als nachhaltigen Anregungen fehlt, um nicht nur das Handwert, sondern auch den Ackerbau in jüdischen Kreisen heimisch zu machen. Leider aber stellen sich gerade auf dem Gebiete der Agrikultur unseren ernstgemeinten Bestrebungen große Schwierigkeiten entgegen, nicht innerer, sondern äußerer Natur. Dem jungen Manne jüdischen Glaubens, der stch als Landwirth oder als Gärtner ausgebildet hat und Tüchtiges zu leisten im Stande ist, wird die Möglichkeit entzogen, seine erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten praktisch zur Ausübung zu bringen. Vergebens steht er sich bei den Gutsverwaltungen und Dominien um Arbeit und Stellung um er wird abgelehnt. Monatelang. Jahrelang wiederholt er unter den bescheidensten An sprüchen den Versuch, im landwirthschaftlichen Betriebe dem ihm liebgewordenen Berufe nachgeheu zu können vergebens, für ihn gibt es keinen Platz, er findet keine Stellung.*) llnd doch lassen wir uns von diesem dornenvollen Wege nicht abschrecken, denn Recht muß Recht bleiben, und jedes ernste, moralische Streben muß sich endlich Bahn brechen. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Wir erkennen die hohe Bedeutung und den sittlichen Werth der Landwirthschast an und wollen auch auf diesem Gebiete an der nationalen Arbeit theilnehmen. Es ist darum eine Freude zu sehen, wie in einzelnen stillen oberschlesischen Landstädten der kleine jüdische Ackerbiirger im frohen Wetteifer mit seinem christlichen Freunde und Nachbar sein Feld bestellt und seinen Kohl baut. Auch der jüdische Landwirth ist von jenen: wundersamen Hochgefühl beseelt, wenn er auf eigenem Grund und Boden steht, und mit wonnetrunkenem Auge das wogende Aehrenmeer betrachtet, das sein Fleiß aus der Erdkrume hervorgezaubert. Mit welchem Eifer und welcher Ausdauer liegt er nicht der landwirtbsckastlichen Beschäftigung ob! Ich stand einmal als Prediger an der Bahre eines solchen hochbetagten Ackerbürgers, der in seinem Berufe als Landmann verunglückte. als er an einem schneereichen Wintertage zu seiner entlegenen Scheune hinausgehen wollte, um sich an den Drescharbeiten zu betheiligen. Statt also in kindlich naiver Weise und in vollständiger Verkennung der Thatsachen fortwährend den *) Die Intoleranz auf ronfesiionellem Gebiete scheint bei den Herren Agrariern im klebrigen auch, wo es sich um die beiden christlichen Confessionen handelt, nicht klein zu sein. Ein Bekannter von uns, ein tüchtiaer Landwirth mit vorzüglicher fachmännischer Vorbtlduna, erhielt vor einiger Zeit auf sein Werbegcsnch als Verwalter eines pommerfchen Gutes von dem Herrn Grafen das folgende characteristische Telegramm: „Wenn protestantisch aeceptirt." Red. d. Jsr

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