Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 55 (15.7.1901)
- Date
- 1901-07-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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1335 Pariei, j,„ Juli. (Brief eines jüdischen Ei c f A n f; c n c n a u f St. Helen a.) Dem L'Uni vers Jsraelite lvird ein Schreiben eines unserer Brüder zur Verfügung gestellt, zvelcher in boerischen Kriegsdiensten von den Engländern gesungen genommen wurde und sich jetzt in St. Helena befindet. Wir entnehmen diesem Schreiben folgende Stelle, welche unsere Vcfev interessiren dürfte: Dcadivood Camv. St. Helena, 13. März 1901. . Ich bin Ihren Brüdern nicht ganz uribelannt, da inein lieber Freund Eh. N., welcher den ganzen Feldzug Seite an Seite mit mir durchmachte und mit mir zugleich bei Roshof gefangen genommen wurde, denselben Beruf hat, wie Ihr Bruder Lurien. Sie haben auch vor der Kriegserklärung zusammen in Modderfontein gearbeitet. Ich freue mich daher ganz besonders, daß Ihr Bruder der Gefangenschaft in St. Helena entgangen ist, denn dieselbe ist, dessen kann ich Sie versichern, weder lustig, noch angenehm. Die englische Verpflegung ist nichts weniger als appetitlich, gar nicht zu reden über das Schlafen unter den gelten. Ihr Bruder kann Ihnen eine kleine Schil derung davon entwerfen, zumal, wenn man zu zwölf Mann unter einem solchen Dache liegt. Halten Sie auch nicht für unbescheiden, wenn ich Sie als Volksgenossen und im Namen von mehr als zwanzig Juden, die tvir hier sind, bitte, beim Großrabbiner Zadoc Kahn für uns Schritte zu thun und uns einige Gebetbücher, Taleßim und auch etwas Geld zu verschaffen, welches uns die Gefangenschaft versüßen soll. Wir möchten uns die militärischen Rationen, welche, wie Sie sich denken können, sehr mager ausfallen, etwas ausbeffern. Biele von uns haben ihre ganze Habe, die Frucht jahrelanger, landwirthschasi licher Thätigkeit verloren, und sie haben doch wahrlich für die edelsten und gerechtesten Ziele ihr Leben in die Schanze geschlagen. Sie kämpften für Gerechtigkeit und Recht gegen die Gewalt, doch in unserer materialistischen Zeit geht Macht vor Recht. Wir bedauern nicht im geringsten, was loir gethan haben, und wenn es von neuem los ginge, würden wir uns wieder um das Banner ftir Recht und Freiheit scharen. Israel hat immer diese edlen Grundsätze vertheidigt, und wir thun nichts anders, als daß wir den Lehren und dem Beispiele unserer Vorfahren folgen. Wir rechnen aus Euch, denn unsere Gefangenschaft wird noch lange dauern. Genehmigen Sic etc. . . . Samuel Cohen, Kriegsgefangener. England. London. Die Fremdensrage will im englischen Parlament nicht zur Ruhe kommen. Eine Anzahl sich verschämt konservativ nennender, in der Wirklichkeit antisemitischer Mitglieder des Unterhauses sind fortrvährcnd bemüht, bei jeder passenden und unpastenden Gelegenheit, die Frage der „fremden Paupers" auf's Tapet zu bringen. Dabei wechseln sich die Herren turnusmäßig ab, und bald ist es der famose Mr. Howard Vincent, bald der sehr ehrenwerthe Mr. Lowther, bald der von den Juden East Londons in's Parlament geschickte nicht so sehr ehrenlverthe Mr. Delvar, der, wie auf Verabredung, die Fremdeneinivanderung anschneidet. Am 24. Juni kam wiederum Mr. Howard Vincent an die Reihe. Er richtete an Mr. Gerald Balfour als den Präsident des Board os Trabes — die Anfrage, ob es ihm bekannt sei, vaß im letzten Jahre die fremde Bevölkerung Englands um 14,000 zugenommen habe, daß in diesem Jahre die Zahl der Rumänen um soo, der Italiener um 90 und der Russen und Polen um 20 pCt. gewachsen ist. Ob ihm ferner die Thatsache bekannt sei, daß 19,025 von diesen Fremden in einer solchen Verfassung waren, daß sie vom jüdischen ..Board os guradians" und von den „Vereinigten Komitees für russische Juden und 2015, darunter 1100 Russen u. Polen, von der Londoner Armenkommission unterstützt werden mußten? Gedenkt die Regierung Sr. Majestät in Anbetracht der unter der eigenen armen 'stevistkernng in Süd- und Ostlondon herrschenden Wohnungsnoth sich mit der Materie zu befassen? Mr. Gerald Balfour: Die im ersten Theil der Anfrage angegebene Zahl ist annähernd richtig, obgleich es durchaus unbewiesen ist. daß alle die Fremden sich in London niedergelassen haben. Die zweite Ziffer (19,030) bezeichnet die Zahl a l l e r im Laufe des Jahres unterstützten Personen, fremder sowohl wie einheimischer. Die Zahl der Fremden, welche im Jahre 1900 in ganz England llnterstützung empfangen haben, überstieg nicht 4000. In London betrug diese Zahl 2010, die Hälfte von diesen Leuten haben jedoch ärztliche Hilfe erhalten. Dann waren sehr viele unter den Unterstützten, die bereits seit vielen Jahren in England leben. Ich bin in Bezug aus gesetzliche Maßregeln nicht in der Lage, irgend welche Zusagen zu machen. Zu gleicher Zeit, wie im Parlament, wurde auch im Londoner Stadtrathe von antisemitischer Seite ein Vorstoß gegen die fremden Juden unternommen. Mr. Williams brachte eine Resolution ein, durch welche der Magistrat und die Armenkommission beauftragt werden. über die Fremdeneinwanderung zu berichten und Maßregeln vorzuschlagen, wie eine weitere Zunahme der fremden Bevölkerung Londons zu inhibiren sei. Die Resolution siel jedoch unter den Tisch, da sie nicht einmal so viel Unterstützung fand, daß sie zur Abstimmung gelangen konnte. Rußland. Odessa. Gelegentlich der jetzt in Rußland von dem neuen Minister für Volksaufklärung, dem General Mannowski, eingeleiteten llmfassenden Reform des gesammten Schulwesens gedenken mehrere Professoren