Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 55 (15.7.1901)
- Date
- 1901-07-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1334 Gommern, 4. Juli. Das hier vom Ehrenbürger unserer Stadt, Herrn Moritz Mannheimer, gestiftete Hospital, zu dem am 12. August v. I. der Grundstein gelegt wurde, ist am 29. Juni feierlich eingeweiht worden. Ausgesetzt für den Bau waren 40,000 Mart; zum Betriebe hat Herr Mannheimer 100,000 Mark überwiesen. Das Terrain gab in Größe von etwa 16 Morgen die Stadt; es liegt sehr günstig, fast ganz vom Walde umgeben und doch wieder nahe der Stadt. Die Anstalt ist mit allen Einrichtungen der Neuzeit, Wasserleitung, elektrischem Licht und anderen:, auf's Beste versehen. Am Freitag um 11 Uhr Vormittags trafen der Stifter und seine Gemahlin, sowie der Regierungspräsident und andere Gäste hier ein. Die Stadt war festlich geschmückt. Nach der üblichen Schlüsselübergabe fand im Saale des neuen Hauses eine ansprechende Einweihungsseier statt, bei der Superintendent Rön nete die Festrede hielt, Bürgermeister Henning den Dank der Stadt abstattete und die Schulkinder verschiedene Lieder sangen. Herr Mannheimer dankte für die ihm erwiesenen Ehrungen, insbesondere für den freundlichen Empfang, auf's Herzlichste. Namentlich habe es ihn erfreut, daß zufällig der 28. Juni als Einweihungstag gewählt sei, denn an diesem Tage vor 61 Jahren habe er, 14jährig, schweren Herzens, aber mit leichter Tasche, Gommern verlassen, um als Lehrling in das Geschäft seines in Berlin wohnenden Onkels zu treten. Das Werthvollste, was er mitgenommen, sei ein festes Gottvertrauen ge- >vesen, welches ihn auch stets begleitet habe. Nicht von ihm tMannheimer) komme das Geschenk, sondern vom Vater im Himmel, der ihn nur als Werkzeug erwählt habe. Nachdem ein Ehoral gesungen, folgte die Besich tigung des Hospitals in seinen Einzelheiten. Um 2 Uhr begaben sich sodann die Ehrengäste und Gäste nach den: Schützenhause, wo sie längere Zeit bei einem Festmahle vereinigt waren. München, 14. Juli. Das kgl. daher, statistische Arnt veröffentlicht die Zahlen der Bevölkerungsbewe gung in Bayern während des Jahres 1899. Für die Israeliten ist von Interesse: Geboren wurden: Beide Eltern jüdisch, lebend 916, todt 28; Vater jüdisch, Mut ter katholisch 18, protestantisch 19; Mutter jüdisch, Vater katholisch 8, protestantisch 8, sonstige 1; uneheliche Kinder jüd. Mütter, lebend 17, todt 4. Zählt man die Hälfte der Geburten aus den Mischehen als jüdische, so ergeben sich 969 Lebendgeborene u. 82 Todtgeborene. Dagegen starben im Jahre 1899 im Ganzen 740 Juden, so daß eine rechnungsmäßige Vermehrung von 219 Seelen verbleibt, gleich einer Zunahme von 0,4 Proz., während dieselbe Ziffer bei der nichtjüdischen Ziffer 1,2 Proz. erreicht. Ehen wurden geschlossen per 1899: Beide Theile jüdisch 416; Mann jüdisch, Frau kathol. 8; Frau protestantisch 7; Mann katholisch 8; Mann protestantisch 10; Mann sonstig 1. Esslingen. Das israelitische Waisenhaus „Wilhelmspflege" hier veröffentlicht gegenwärtig seinen 70. Jahresbericht pro 1. April 1900—1901. Der Personenwechsel an der Anstalt war in: Berichtsjahre ein besonders großer. Ihre Kgl. Majestäten unser Königspaar haben auch diesmal der Anstalt ihr Wohlwollen erhalten und sie mit Beiträgen unterstützt. Die Zahl der Zöglinge betrug bloß 21. Verausgabt wurden für dieselben: Besoldungen Mk. 4479.71, für Lebensmittel (nach Abzug der Kostgelder) Mk. 4830, für Kleider und Weißzeug Mk. 1094.47, für Brennmaterialien 641.7.1 Mark, für Arzneikosten Mk. 306, für Beleuchtung 309 Mark, für Schulbedürfnisse Mk. 181.78, für Hausgeräthe Mk. 691, Waschlöhne Mk. 461. Vereinnahiut wurden an Zinsen Mk. 16,690, Stiftungen und Legate Mk. 3870, Spenden Mk. 7920.83. Das Vermögen ist auf Mk. 497,024 angewachsen. Vorstand des Vereins ist Herr M. H. G o l d s ch m i d t, Oberkirchenvorsteher in Stuttgart. Frankreich. Paris, im Juli. Die Ergebnisse der letzten französischen Volkszählung machen auf alle Patrioten einen tiefen Eindruck. Die Einwohnerzahl ist in allen De partements, mit alleiniger Ausnahrne derjenigen, die Großstädte enthalten, zuriickgegaugen. Die Ver niehrung in diesen ist »vahrscheinlich nur auf Rechnung der ausländischen Einwanderung zu setzen. Man sieht schon die Zeit Heranrücken, in der Frankreich unterallen europäischen Mächten den tiefsten Rang einnehmen >vird. Unter diesen Umständen ist es mehr als erbärmlich, wenn die jüdischen Antisemiten des „Matin" die Einwanderung deutscher Juden zum Gegenstand ihrer häßlichen Angriffe machen. Nicht einmal die französischen Antisemiten wagen jetzt noch die starke Judeneinwanderung zu beklagen, da dir Aussichten Frankreichs so düster sind, und es nicht einzusehen ist, wie es seinem Schicksal entrinnen soll, das es nun einmal zum Verluste seines ehemaligen Ranges unter den Mächten verurthcilt. Jenen Antiseiniten aber, in Frankreich so gut wie in England und Deutschland, hat der Ministerpräsident Waldeck Rousseau selbst die beste Antwort gegeben, indem er auf einen diesbezüg lichen Antrag in der Kammer sagte: „Es fei unmöglich, die Ausländer in Frankreich einer besonderen Behandlung zu unterwerfen. Durch das Gesetz sei für die Erfordernisse der nationalen Sicherheit Vorsorge getroffen. Feindseligkeit gegen daS Element der Ausländer fei ein Gefühl, das einem anderen Zeitalter angehöre. Der Austausch arbeitsamer Kräfte habe keine Beschränkung, kenne auch keine Landesgrenze." Diese Worte fanden in der Kammer allgemeinen Beifall.