Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 55 (15.7.1901)
- Date
- 1901-07-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1221 Feuilleton. Der Erbprinz von Tyrnau KistoviflHe Wonelke von Caroline Deutsch. u Die Synagoge füllte sich immer mehr mit Menschen. Der Trauhimmel war ausgespannt. Der Rabbi und der Vorbetcr standen in ihre Gebetmäntel eingehüllt darunter, um Emrich und Hanna auf ewig zu verbinden. Das Brautpaar erschien. Die Braut wurde auf einer Seite von Frauen zu den Stufen des AlmemorS herausgeführt, der Bräutigam auf der anderen von Männern. Das Gesicht Emrich's war ernst und feierlich, aber Glückseligkeit leuchtete aus seinen Zügen, aus seinen Augen. Eben, als die Trauung begonnen hatte, entstand in dem untern Tempelraume eine ungeheure Bewegung, ein Flüstern und Drängen; Alles wich zur Seite und aus dem freigewordenen Wege schritten herzogliche Heiduken einher, hinter ihnen folgte die Herzogin, begleitet vom Kanzler, Kainmerherren, Offizieren und Damen. Sie scbritt bis zum Altäre und stellte sich einige Schritte von den Brautleuten aus. Wenn der Blitz mitten unter eine friedliche Taubenschaar fährt, den Boden unter ihnen zertrümmert und Alles um sie her mit Feuer und Schwefel füllt, die Wirkung hätte nicht entsetzlicher sein können, als jetzt, da die so gefürchtete Frau plötzlich im Tempel erschienen war. Todesblässe überzog alle Gesichter, Entsetzen ergriff alle Gemüther und jeder Laut erstarb in dem großen lreiten Gebäude, als wenn der Tod eingezogen wäre und jeden Hauch des Lebens ertödtet hätte. Rabbi Jsat's Herz hatte auch einen Moment fast stillgesianden, aber in jenem frommen, hingebenden Vertrauen auf Gort, das stärkt und hebt, sammelte sich der Greis und vollzog mit heller, klarer Stimme die Eeremonie, als wäre nichts im Stande, ihn von der heiligen Handlung abzuhalten. Auw Emrich hatte sich bei dem Geräusche umgewendet, und seine Augen begegneten denen seiner Mutter. Todesblässe überzog sein Gesicht; dann arbeiteten seine Züge in heftiger Erregung u. einen Moment! war es, als wenn er vom Almemor stürzen wollte, und! dieser Frau entgegen.! Es war seine Mutter. Er hatte sie zwei Jahre nicht! gesehen; ihre Züge waren gealtert und die Ratur for-! derte ihr Recht, doch nur einen Moment, dann übcrkam j ihn der G<w>.inke der Gefahr, nicht seiner, die hätte ihn j ruhig gelosten, aber Hanna's, die er mehr als sein Leben j liebte, und des edlen Greises, der ihn gewarnt, und den j er wie einen Vater hochhielt, — und des unglücklichen ' Volkes, in das er sich mit Gewalt gedrängt hatte und auf das Marter und Tod wartete. Er wandte sich wieder um und die Trauung ging vor sich. Gleich beim Eintritt in die Synagoge hatte die Gestalt des Bräutigams das Auge der Fürstin gefestelt und je näher sie kain, desto bewegter wurde sie. Jetzt hatte sich der junge Mann zu ihr umgewendet. Was war das!-Ein Blendwerk der Hölle? Ihre Augen starrten ihn stumm an, als hätte sich ihr ganzes Leben in diesen engen Raum gedrängt. Das waren Emrich's Züge, das die Haltung seines Kopfes, jene kühne, königliche Haltung, dies die Gestalt, das sein ganzes Wesen. .So starrte st? ihn einige Minuten lang wie geistesabwesend an. als wäre sie in einem Traume befangen; dann wurde es ihr schwindelig vor den Augen. Sie stieß einen Schrei ans und sank ohnmächtig in die Arme des Kanzlers. Man kann sich das Entsetzen leicht denken, das dieser Vorfall hervorbrachte. Die armen Juden drängten in wilder Flucht zur Thüre hinaus, nicht anders denkend, als der Tod hefte sich an ihre Fersen. Denn jetzt würde man sagen, sie hätten die Luft verpestet, um die Herzogin zu ermorden. Es schien wieder, als wenn Emrich im Begriffe war, seiner Mutter zu Hülse zu eilen, aber wieder bezwang er sich. Die Herzogin wurde von ihren bestürzten Leuten hinansgetragen und in ihren Palast gebracht. „Gott hat es gewollt," sprach der greise Rabbi mit frommer Ergebung, nachdem er allein mit seiner vor Schreck erstarrten Familie in der Synagoge geblieben. Er nabm den jungen Mann bei Seite und sagte mit zitternder Stimme, die nach und nach aber an Festigkeit gewann: „Jetzt, mein Sohn, nimm Dein junges Weib und 'lieb! Flieh nach Wien, so schnell als möglich! Wir haben gespielt und verloren. Deine Mutter hat Dich erkannt, darum flieh!" „Und Ihr? Euch toll ich der Gefahr überlasten und mich feige reiten? Nimmer!" „Ich bin der Hirte und muß bei meiner Heerde bleiben," sagte der Greis. „Durch mich ist das Unglück über sie gekommen und es ist das Wenigste, was ich thun kann, es mit ihnen tragen." „Und ich soll mich retten? Nein! Wenn Ihr untergeht, bin ich unter Euch!" „Und Dein junges, blühendes Weib soll dem grausamen Feinde in die Hände fallen? An ihr soll man Alles rächen, was Du gethan. Mein Sohn, mein geliebter Sohn," bat der Rabbi, mächtig erschüttert, „rette Dich, rette sie. die so unschuldig ist! Vielleicht wird Gott das Unglück auch von uns abwenden. Wir sind sicherer, wenn Du nicht hier bist. Wirst Du den Muth haben, Deiner Mutter in's Gesicht zu sagen, düst Du nicht ihr Sohn bist, wenn man Dich vor sie bringt, Du, bei dem das Gefühl schon hier so mächtig sprach?"