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Der Israelit · 1901-07-15 · Heft 55 (15.7.1901) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 55 (15.7.1901)
Date
1901-07-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1216 setzen, die Orthodoxen meinten es nicht ehrlich, sie seien nicht friedfertig, nicht wohlthätig, so sagt er damit mittelbar, unsere und seine Väter waren auch nicht ehrlich, nicht friedfertig, auch nicht wohlthätig; denn diese waren unstreitig mit Leib und Seele orthodoxe Juden. Eine solche tiefe Verletzung verstorbener Ahnen gegenüber zeugt aber von rohem, ungeschlachtem Herzen und verrätst Mangel an Bildung. Was sollen wir nun zu einem solchen Gebühren sagen, das der eigenen Religion Beleidigung, Schimpf und Spott zufügt? Denn man beschimpft nicht nur den der Vater, sondern auch den eigenen Glauben, wenn man kie Strenggläubigen oder Orthodoxen als inhuman oder unehrlich verschreit; wird doch von den Orthodoxen jene Religion ganz gehalten, welche die Neologen „geläutert" (?), oder richtiger, von der sie nach Willkür ein paar Bruchstücke herausgegriffen haben, die ihnen den Weg zur tünftigen Seligkeit bahnen sollen. Auch sollte man bedenken und sich vergegenwärtigen, daß eine Religion, die mit der Unehrlichkeit oder Inhumanität sich vereinen läßt, sich selbst verneint und aufhebt und ausgehört hat, in Wirklichkeit Religion zu sein. Ist aber zu leugnen, daß es unter Orthodoxen thatfächlich Individuen gegeben hat oder gibt, die sich gegen die Sittlichkeit oder Humanität vergangen haben? Hierauf läßt sich antworten, daß dies nicht nur zu leugnen, sondern auch bestimmt und entschieden unwahr ist. Wohl kann es Individuen geben und leider gibt es auch quantum ratis die sich zum orthodoxen Judenthume mit dem Munde bekennen aus Gründen, die ihnen selbst sicherlich kein Geheimniß sein dürften, aber im Herzen ist ihnen das orthodoxe Judenthum schon längst abgestorben, oder, was noch wahrscheinlicher ist, es hat überhaupt nie bei ihnen, in ihrem Innern, Wurzel geschlagen und gelebt. Diese Schein- und Falschorthodoxen mögen gleich ihren ebenbürtigen und gleichwerthigen Brüdern und Gesinnungsgenossen, die wieder unter neologer Flagge segeln, im Masse u. matten ein gedehntes Gewissen bekunden, mit dem Pfennig geizen und engherzig sein, im gesellschaftlichen Verkehr Zank und Streit heraufbeschwören wegen nichtiger Dinge, aus Neid und Geschäftskonkurrenz an dem Untergänge ihres Menschenbruders rastlos arbeiten, ihn verleumden, physisch und moralisch zu vernichten suchen, nichts Befferes und Wichtigeres kennen, als über ihren charakterfesten Nebenmenschen zu Gericht zu sitzen und ausgerüstet mit all' diesen „schönen Eigenschaften" obendrein noch den „Chasid" spielen wollen, zumal, wenn ein verwahrlostes Aussehen und ein abstoßendes Benehmen die unerläßlichen Vorbedingungen zu diesem Zerrbilde der Orthodoxie (denn was sonst wäre dies?) bilden sollen; allein ein echter, wirklicher, durch und durch orthodoxer Jude kann und darf niemals ein inhumaner, unehrlicher oder auch nur ein unanständiger Mensch sein. Es ist überhaupt ein verhängnisvoller Jrrthum, den Juden vom Menschen trennen zu wollen, oder gar beide in Gegensatz zu stellen, denn Jude sein heißt: ein höherer Mensch sein! Durch diese Erwägung dürfte sich uns vielleicht das Verständniß jener so räthselhaft klingenden Stelle in Tr. Jebamoth 61 a erschließen: px- ,e~x prp cnx c~x pnp Man sollte doch der Meinung sein, daß die Thora unter „Adam" jeden Menschen verstanden haben will! Gewiß, aber nur für den Fall, wenn der Mensch thatfächlich seinen Adam-Beruf ersülleu würde, was erst in der Zukunft geschehen wird, Ivo nicht nur der gesehestreue Jude ^x'Ti.'dL' w-71 Gottes „Statthalter auf Erden" sein, sondern auch die Gesammtmenschheit, nach des Propheten Wort, i:n Lichte des Judenthums wandeln wird. (Vgl. Hirsch's Eommentar zu Genesis 1, 26.) Zu diesem höheren, geläuterten, reinen Menschenthum soll das orthodore Judenthum mit seinen Ceremonien den Juden erziehen! (Vorgl. x*trp> \Z rr;;n n z'v :'z r:zz Px-tr rx rzi? “-pn nin -irx.) (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M, 10. Juli. Die von uns bereits erwähnte „Nichtanstellung jüdischer Lehrerinnen" beschäftigte gestern die Stadtverordneten-Versaminlung in der Form eines „konnexen Gegenstandes." Der Schulausschuß hat der Frage bereits seine volle Aufmerksamkeit zugewendet und es lväre daher vielleicht besser gewesen, erst das Ergebniß seiner Nachforschungen abzuwarten. Ohne Rücksicht auf diesen Umstand sah sich indeß Sanitätsrath Dr. Marcus zu einer Anfrage an den Magistrat veranlaßt, die der gänzlich unvorbereitete Vorsitzende der Schulbehörde alc-bald beantwortete, theilweise an Händen der „zufälligerweise" vor ihm liegenden Akten. Mil dieser Antwort könnte man sich einigermaßen zufrieden erklären, wenn sie sich mit der geübten Praxis in Uebereinstimmung bringen ließe. Stadtrath Grimm hat gesagt, daß die Schulbehörde keinerlei Unterschied religiöser Art mache, doch müsse sie gesetzlichen Vorschriften entsprechend dem Verhältniß der Konfessionen in den Volksschulen Rechnung tragen, woraus sich ein ungünstiges Verhältniß für Israeliten ergebe. Günstiger gestalte sich dieses in den höheren Schulen, die einen größeren Prozentsatz israelitischer Schülerinnen auswiesen: dort ivürden geeignete jüdische Lehrerinnen ohne Weiteres angestellt. Stadtverordneter Sänger konnte diese Antwort gegenüber der Thatsache, daß überhaupt nur 4—5 jüdische Lehrerinnen angestellt sind, nicht ausreichend

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