Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 54 (11.7.1901)
- Date
- 1901-07-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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42. Jahrgang. tzrste Aeilage zu M 54 des „Israelit." Vdtcnfrcr Artikel. (Ein .vor sch lüg wo:i Leopold Anfänger, Lehrer in WUlnm:zs. <5s sind um in Ici’tci' Zeit so vielfach von christlichen Vereinen und Gesellschaften christliche Lesestoffe unb Provagandaschrislen durch die Post zugesandt worden, ja selbst Heiligenbilder und neutestainentliche Evangelienbücher, aast ick mir inanchmal besondere Gedanlen dariibcr inachen mnsttc. Will inan ans diesem Wege "i!va meine „Bekehrung" versuchen'' 'Ober sollte man mich vielleick!, tveil inein 'Jtante nicht besonders se mitisck klingt, gar nicht für einen Juden halten und mich durch jene Zusendungen im Glauben festigen, mir auch Material uir Belehrung Anderer in die Hand geben wallen? Indem ick den letzten Gebauten lveiter ansspann, tarn mir die Idee, ob nicht etwa in ähnlicher Weise für Klärung und Festigung der alten, ewig wahren Bäte Kehre und des überlieferten Bäterglaubens auch im Judenthum, besonders in den breiten Massen des Volles, gar Vieles gethan und geleistet werden tonnte. Wir Juden tvollen ja keine Proselyten im landläufigen Sinne des Wortes machen, wir senden keine Missionare aus, nur erschweren sogar den Ucbertritt aus einer anderen >.ur jüdischen Religion, indem wir pflicktgemäst den Konvertiten auf die Schwierigkeiten \ der treuen, jüdischen Pslichtersüllung aufmerksam j machen: aber eine gewisse „innere Mission", wenn ich! riefen Ausdruck entlehnen darf, erscheint in gar mancher - Hinsicht geboten und auch nicht aussichtslos. j Die Kenntnis: der Thora, namentlich auf dem j Land-', iü sicher nickt im Znnehmen begriffen. Und je j erfreulicher es ist, dast durch das ganze Judenthum die j Rückkehr zur Orthadorie sich Bahn bricht, um so deutlicher trifft die einige Wahrheit des Weisenwortes zu! wcn psrt cy px der Unwistende kann kein Ehasid : sein, er ill nicht im Stande, nach jeder Richtung hin j sein Leben voll und ganz nach den Thoravorschriften! einzurichten, 'venu er auch noch so gerne wollte, da ihm j die Kenntnisse Fehlen, denn nur "rsry wst “x^e ny-rn i Ist es nun allerdings bei den derzeitigen Verhältj nisten selten möglich, Thorakenntniste durch Studium j der OuellenschriKen in genügender Weise zu verbreiten j oder zu erlangen, da hier die Lehrer, dort die Schüler,! hier di" Zeit, dort die Ausfassungskraft oder der gute Wille fehlen dürften, so könnte doch wohl durch popu-! iäre, verständliche, dabei anziehende und überzeugende Darstellungen in der Landessprache auch vielfach das Ziel erreicht werden. loenn solche gelesen würden, wenn insbesondere von maßgebender Seite diese Lektüre empfohlen, vielleicht auch besprochen, soweit nöthig noch erklärt und mit Thoraworten belegt wird. Wohl haben wir Religionsbücher, die diesem Zwecke dienen könnten, ich nenne nur, ohne etwa andere zurücksetzen zu wollen, Stern und Anerbach, aber nach uleinen Beobachtungen und Erfahrungen Hai selten Jenland Energie genug, ein solch' ganzes, umfangreiches Buch durchzustudiren, es lvird bald wieder aus der Hand gelegt, wenn überhaupt die immerhin für gewöhnliche. ländliche Verhältniste nicht unbedeutenden Ansckaffnngskosten die Anschaffung gestatten. Sollte es nun nicht recht zweckmäßig sein, von Zeit zu Zeit einzelne Partien der Thoragebote in Flugschriften zu erörtern, solvohl hinsichtlich ihrer Heiligkeit und Bedeutung, als auch der genauen Art ihrer Ausführung und durch cntsvrechende Vertheilung dieser Elaborate, die auck als zwanglose Beilagen jüdischer Zeitschriften nebenbei erscheinen sonnten, Thorakenntniste zu verbreiten, Eifer für die Thora und die zu wecken? Der Gedanke ist vielleicht nicht einmal neu. Thai sächlich sind in dieser Hinsicht schon Vorstöße unternommen worden. Ich erinnere nur an die Zusammenstellllng der Vorschriften von nc£ ziy am Sabbat, die im „Israelit" enthalten war und in Sonderabdrücken auch von verschiedenen Rabbinen in ihren Gemeinden vertbeilt wurden. Es sind auch zur Abwehr verschiedener Angriffe auf einzelne, religiöse Institutionen des Judenthnms Flugschriften und Brochüren erschienen, die ausllärend wirken sollten, der Sachlage entsprechend aber mehr für die nichtjüdischen Kreise bestimmt waren. Vielfach bat sich auch der Geschäftsgeist, hälisig von nichtjüdischer Seite, der Sache bemächtigt und aus Anlaß einzelner Vorkommniste die jüdische Welt mit Flugblättern überschwemmt, die oft nichs die Ausgabe der paar Pfennige zur Erwerbung derselben werth waren. Im Sinne meiner Anregung müßte die Sache nur von sachkundiger Seite in die Hand genommen werden, es müßte System und Organisation sowohl in die Auswahl, als Reihenfolge der Themata gebracht werden, die Vertheilung der Schriften müßte unentgeltlich erfolgen. Den Vereinigungen für Wahrung orthodorer Interessen wäre vier möglicherweise ein weites, ja unbegrenztes Feld segensreichster Thätigkeit erschlosten. Im Prinzip? sollte in der Volksmeinung kein Unterschied in der Werthschätznng der Mizwoth, bezw. ihrer Wichtigkeit gemacht 'werden dürfen, denn meiner Ansicht und Erfahrung nach ist gerade dieser gesuchte oder selbstgemachte Unterschied vielfach die Grundursache beginnender und einreißender Indifferenz und