Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 54 (11.7.1901)
- Date
- 1901-07-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1197 ruhig entfern™ und geduldig die Frist ausharren, die mir bestimmt worden." Der junge Manu erhob sich vom Schemel, aus welchem er gesessen und hüllte sich in seinen Mantel, dessen Kaduze er über den Kops zog. Hanna fragte ihn, ob sie dem Vater jetzt alles er zahlen dürfe. „Nein," sagte er, „das will ich ihm schon alles selbü sagen, )uenn ich zurückkomme, und unter Freuden thränen soll er mir die gerettete Tochter an's Herz legen." Al-? ihm Hanna die Hand zum Abschiede reichte, zog er dac? geliebte Mädchen an die Brust, dann öffnete er leise und geräuschlos den Laden und schwang sich hinaus. Beim Tenster stand er ein wenig still und horehte, ob ihn Niemand gehört. Die Gefahr, welche aus ihn wartete und der Ge danke, ihn so lange nicht zu leben, vielleicht nie, überwand bei Hanna aus einen Moment alle schüchternen Bedenklichkeiten. „Emrich." flüsterte sie, und neigte sich zu ihm herab, ,.sel vorsichtig um meinetwillen und stürze Dich nicht muthwillig in Gefahr!" „Danke Dir für diese Morte!" gab er zurück, ergriff ihre Hand und presste sie an seine Lippen. „Sei ruhig, Gott ist mit uns!" Gr nickte ihr noch einmal zu, eilte zur Mauer und erreichte aus dem bekannten Wege den Ausgang. Aach gvei Monaten kam Erich zurück und zwar mit demselben festen Entschlüsse, mit dem er sortgegangen war. Noch einmal versuchte Rabbi Jsak den jungen Mann in feinem Vorhaben wankend zu machen. Er schilderte ihm mit furchtbaren, aber leider wahren Farben das politische und gesellschaftliche Leben, das ihn erwarte und alZ der Prinz ibn fragte, warum sie das alles ertrügen und duldeten, erwiderte ihm der Rabbi: „Wir müssen es, denn wird sind Juden. Wir sterben für unsere heilige Religion mit Begeisterung. Wir ertragen alles lür sie, Vertreibung, Scheiterhaufen. Mord, alle Leiden und Drangsale. Wir sinken verblutend mit dem Banner unserer Religion, mit der Thora und lassen sie nicht los. Das müssen wir Juden und thun es gern und willig: doch andere haben nicht nöthig, sich in solche Gefahren zu begeben, da sie aus ihrem Wege, durch Rechtthun und Tugend auch selig werden können. Er schilderte ibm die Pflichten eines Kindes gegen seine Eltern, kurz, er that Alles, was ein rechtlicher, tugendhafter, echt frommer Mann thun kann, der von reiner Liebe zu Gott und Menschen, und nicht von Schwärmerei erfüllt ist. Als Alles umsonst war, hieß er ihn, nach Wien zu Rabbi Salomo gehen, an den er ihm ein Schreiben mitgab. Er wollte ihm Nachkommen u. dort sollte er in den Bund Abrahams ausgenommen werden. In Tvrnau fürchtete er, diese Handlung vor sich gehen zu lassen. IV. Zwei Jahre waren vergangen, seitdem der Erbprinz Tvrnau's aus so unerklärliche Weise verschwunden war. Wenn die Herzogin den Verlust des einzigen Lindes auch noch nicht vergessen hatte, so hatte doch die Zeit die wilden Stacheln des Schmerzes abgestumpft. Sie hatte aus den Wunsch der Landstände ihrem Schwestersohn die Nachfolge bestimmt. Doch seit dieser Zeit hatte sich ihr hartes, aberalänbisches löemüth noch mehr verdüstert und es gab Tage, wo ihre Seele nach Grausamkeiten, nach Bluturtheilen und Schreckensgerichten dürstete, um sich zu betäuben, wie die Seele des Trinkers nach geistigen Getränken, wo sie nichts zerstreuen konnte, weil der Gedanke oft bei ihr wiederkehrte, daß sie Gott darum nur so gestraft, weil sie lässig in Glaubenssachen war. und nicht genug die Interessen ihrer Religion gewahrt hatte. An solchen Tagen — und deren gab es viele im Iabre zitterten alle Hosbedienten, die ganze Umgebung vor ibr, vom -Kanzler bis zum Haiducken herab. Man versuchte allerlei Zerstreuungen, um die bösen und gefährlichen Launen zu vertreiben. Doch nicht immer gelang es, die verdüsterte Seele der Regentin zu besänftigen. Sie hatte auch damals von der Rettung des Judenmädchens durch ihren Sohn gehört, und schrieb seinen unglücklichen Tod diesem Vorfälle zu. Eine Strafe war es, meinte sie, weil er eine Prozession gestört, entweiht, durch die Rettung eines Feindes der Religion. Es tvar ein Wunder, ein besonderer Schutz Gottes, dass sie das noch nicht an der unglücklichen Gemeinde geahndet hatte. Es war an einem klaren, sonnigen Frühlingstage, an einem jener Tage, wo der liebe Gott allen Schimmer und Glanz des Himmels aus die Erde zu schicken scheint und wo aus der ganzen Schöpfung das friedliche, milde Auge des Herrn blickt. Die Herzogin von Tyrnau erging sich in ihrem Garten. Aber oll der Schimmer und Dust um sie her, das leuchtende Bild von Glück und Frieden in der Na- :ur vermochte nicht die Gedrücktheit ihrer Seele zu beben. Sie liest den Kanzler rufen. Dieser Mann batte noch am meisten Macht über sie und er wusste am ehesten, den verwilderten, mit Gestrüpp und Steinen ^iberdeckten Weg zu ihrem Herzen zu finden. „Batvana," sagte sie zu ihm, „ich habe Euch holen lassen, dass Ibr mich zerstreuen sollt: kommt, seht Euch?n mir! Erzählt mir Geschichten, dass ich den Kummer meines Herzens vergesse und daß meine gemarterte Seel? zu sieb kommt. Wisst Ihr nichts Neues? Was geht in Tvrnau vor?" „Tvrnau ist öde und ruhig wie immer," erwiederte der Kanzler. „Aber im Ghetto geht's lustig her." „Was ist's!" ries sie auffahrend, „wie wagt dieses Volk sich zu freuen, das ich nur aus Schwachheit dulde?"