Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 54 (11.7.1901)
- Date
- 1901-07-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1194 Fleisch vom Blute zu befreien und einem Ritus zu genügen." C^r bat das einem Zweiten und Dritten erzählt; der Vierte bat es geglaubt, der Zehnte schwört darauf, und ich bin überzeugt, die große Mehrzahl der Menschen, welche über das Schächten llagen, haben es nie gesehen. Und nun gestatten Sie mir, Ihnen mitzutheilen, wie es sich vor meinen Augen zugetragen hat. Das zum Schlachten bestimmte Thier wurde an beiden Hörnern gefeffelt, an beide Seiten traten handfeste Männer und hielten den Kopf, vor allen Dingen wurden die Augen mit einem Tuche bedeckt. Dann kommt der Schächter mit seinem beinahe dreiviertel Meter langen, haarscharf geschliffenen Meffer, setzt das Messer mit dem Griffende am Halse an, zieht es gedankenschnell durch und schneidet in diesem Augenblick, schneller, als ich es aussprechen kann, die ganze Kehle bis auf das Rückgrat durch. Das Thier stürzt zusammen. das Gehirn wird sofort blutleer und die Schmerzempsindung sofort gehemmt. Neuerdings ist das Schächten, wenn ich den Ausdruck brauchen darf, einigermaßen salonfähig geworden; denn die militärischen Konservenfabriken sollen allgemein die Schächtung eingeführt habet, weil man gefunden hat, daß Fleisch, welches gut ausblutet, haltbarer, also für Konserven geeigneter wird. Als ich das hörte, ist mir der Gedanke gekommen, ob das Schächtgebot bei den Juden nicht rein aus sanitären Rücksichten hervorgegangen ist, wie ja vielfach rituelle Bestimmungen auf sanitäre Gründe sich stützen; zum Beispiel das Verbot des Genusses von Schweinefleisch, was nicht blos bei den Juden, sondern auch bei den Mohammedanern rituell verboten ist, wird darauf zurückgeführt, daß in heißen Gegenden der Genuß des fetten Fleisches für die Gesundheit nachtheilig ist, namentlich den Aussatz befördert und dergleichen. Gibt es doch auch Aerzte, welche die Beschneidung auf derartige Gründe zurückführen, indem sie gewisse Unreinigkeiten vermindere oder verhindere. Sei dem aber, wie ihm wolle, ich glaube nachgewiesen zu haben, daß die „Voreingenommenheit gegen das Schächten ein wirkliches Borurtb.eil ist, welches ohne jeden Halt dasteht!" So urtheilt auf Grund eigener, unmittelbarer Beobachtung ein sicherlich Sachverständiger, dessen Ausführungen an der Stelle, wo sie vorgetragen wurden, gesteigerte Bedeutung erhalten. Aurich, 4. Juli. Der Redakteur der Blätter für Erziehung und Unterricht hat in Nr. 27 des Jsr. Familicnblattes noch einmal Stellung zu den bekannten Artikeln des Herrn Geis-Frankfurt genommen und seinem Leserkreise begreiflich zn machen gesucht, daß die jüdische L^hrerwelt sich durch die folgenden Sätze in ihren tiefsten Gefühlen verletzt fühlen müsse. „Unsere Lehrer! Mit der im Seminar erlangten Halbbildung ausgerüstet, tritt der junge Mann sein Amt an. Die ersten Jahre werden ausgcfüllt mit der Vorbereitung zum zweiten Lehrerexamen. Der Talmud, sowie alle jüd. Schriften werden während dieser Zeit vernachlässigt. Es fehlt auch die Anregung, da der jüd. Lehrer gewöhnlich in seiner Gemeinde der Einzige ist, der überhaupt jüdisches Wissen besitzt. Wer nicht zunimmt, nimmt ab. Bald verheiratet er sich, cs treten Erwerbssorgen hinzu und kaum sind wenige Jahre vergangen, da hat das Judenthum mit allem, was drum und dran hängt, nur insoweit Interesse für ihn, als er seiner für sein Amt dringend bedarf. Nur Wenige studieren weiter, nur Wenige haben Geld dafür übrig, sich die Erscheinungen auf dem jüd. Litteraturmarkte anzuschassen. Eine ticftraurige Erscheinung, wenn man bedenkt, daß es ein Licblingsgedanke des jüd. Lehrers sein sollte, an der jüd. Litteratur mitzuwiiken." Aus diesen Sätzen folgert Kollege Steinhardt die Beleidung, die die jüd. Lehrerschaft unmöglich ruhig hinnehmen konnte und die nach ihm 1) in der Verallgemeinerung und 2) in den gesperrt gedruckten Sätzen: „Mit der im Seminar erlangten Halbbildung", und „da hat das Judenthum mit allem, was drum und dran hängt, nur insoweit Interesse für ihn, als er seiner für sein Amt dringend bedarf", gefunden werden solle. Ich bestreite, daß der betreffende Mitarbeiter „verallgemeinerte", sondern nur einige Lehrer im Auge hatte, deren jüd. Wissen zu wünschen übrig ließ; denn er spricht geradezu von dem jüd. Lehrer, der in seiner Gemeinde der Einzige ist, der überhaupt jüdisches Wissen hat. Damit scheiden alle Lehrer aus, die in Großgemcinden amti.en oder am Sitze eines Rabbiners oder Milkollegen sich befinden. Diese hat Herr Geis keineswegs treffen wollen; denn er kennt sicherlich an seinem Wohnsitze solche Lehrer, vor deren Wissen und Streben nach Fortbildung er Hochachtung hat. Und wie in Frankfurt, so giebt es in allen größeren Gemeinden strebsame junge Lehrer, die bemüht sind, in allen Zweigen der jüdischen Wissenschaft sich zu vervollkommenen, wenn nur Gelegenheit dazu geboten wird. Wenn nun Herr Steinhardt in seinen Blättern für Erziehung und Unterricht selber sagt: „Niemand von uns bestreitet, daß es auch solche (mangelhaft ausgebildete) Lehrer giebt", so weiß ich wirklich nicht, wie man dem Herrn Geis die Sünde der Verallgemeinerung zum Vorwurf machen kann. Ich bestreite aber auch, daß sich die jüdische Lehrcrwelt durch den Passus: „Mit der im Seminar erlangten Halbbildung" beleidigt fühlen kann, denn seit Jahren wird gerade auf die mangelhafte Ausbildung der Seminarzöglinge hingewiesen, und es liegt die Zeit noch nicht allzufern, in welcher auf fast allen Lehrerversammlungen, die energische Forderung einer besseren Unterweisung im Jüdischen an die Seminarien gestellt wurden. Am 23. Aug. 1899 referirte Hauptlehrer Selig-Emden über das vom Verbände der jüd. Lehrervereine ausgestellte Thema: Welche Anforderungen müssen an die jüd. Lehrer und Lehrerbildungsanstalten gestellt und von beiden erfüllt werdend und stellte dabei nach dem mir vorliegenden Protokolle fest, „daß die jüd. Präparandieen und Seminarien ihre Zöglinge nicht mit dem wünschenswerthen Maße von hebräischen Kenntnissen entlassen." Der Wunsch, daß die Seminarien ihre Kurse auf vier Jahre ausdehnen möchten, wurde dabei in einem besonderen Leitsätze festgelegt. Herrn Steinhardt, der Mitglied im Vorstande des Verbandes ist und in