Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 53 (8.7.1901)
- Date
- 1901-07-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1179 Partei, sie alle getrauten sich aus der Abstinenzparole nicht heraus; eigene Kandidaten aufzustellen, wäre schon gar lächerlich gewesen; nur in der verschiedenartigen Nuancirung ihrer Passivität suchten sie ihre Sonderstellung zu markiren. Die Deutsche Volkspartei trat diese Differenzirung so gründlich, daß sie zwei bis drei verschiedene Haltungen produziren konnte. Im Grunde kam es aber — und das ist bezeichnend für die weite Gestaltung des Wiener Parteiwesens — auf diese Parteien gar nicht an. Es standen lediglich Christlichsoziale und Sozialdemokraten gegeneinander. .Die Christliebsozialen im Besitze aller Machtmittel einer herrschenden Partei, setzten die Methode der Wahlbeeinflusiung nach Kräften fort; die Wählerliste wurde mit den gewohnten Pfiffen und Kniffen traktirt, und ein förmliches System zur Erzeugung falscher Anzeigen geübt, um gegnerische Wähler aus der Liste hinauszuescamotiren, vobei der gefügige Magistrat und die nicht eben nackensteife Statthaltcrci mitthaten. Umso höher ist der Erfolg der sozialdemokratischen Partei anzuschlaaen. Der Wahlakt erhielt ein eigenthümlich modernes Gepräge, indem die Sozialdemokraten sich des Automobils zur Herbeischasfung ihrer Wähler bedienten. An ihrer Agitation nahmen von den bürgerlichen Parteien nur etliche Sozialpolitiker theil; dagegen waren von der jüngeren Garde viele Studenten und Studentinnen zu demselben Zweck in Bereitschaft. Daß die christlich-soziale Partei ihren ganzen AgitationWpparat, die bewährten Wahlmacher aus allen Bezirken, aufbot, ist selbstverständlich. Die Niederlage trifft üe hart, nicht um des vereinzelten Mandatsverlustes willen, sondern weil man darin ein Symptom für die im nächsten Jahre stattfindenden allgemeinen Landtagswahlen erblicken kann. Schon bei den letzten Reichsrathswahlen ist bekanntlich die chrsilich-soziale Partei aus früher festen Stellungen im Lande Niederösterreich hinausgeworfen worden. Die nächsten Landtagswahlen werden voraussichtlich die Herrschaft dieser Partei im niederösterreichischen Landtag beenden. Der Wiener Landtag war zu Beginn der konsti tutionellen Aera eine Domäne des Freisinns in Oesterreich und ist jetzt zur Dependence des bornirtesten Wiener Spießbürgerthums herabgesunken. Eine Aenderung diests Zustandes mag auch über das Erbe Ungewißheit herrschen — ist jedenfalls wünschenswerth. Wichtiger aber noch würde der Sturz der antisemitischen Landesherrschast darum, weil von der niederösterreichischen Landstube aus die Wahlgeometrie von Wien regulirt wird — und dann endlich dem Luegerschen Gemeindestatut, diesem ausgepichtesten Parteimachwerk, ein Ende gemacht werden könnte. Der Verfall des nackten Antisemitismus in den Provinzen ist politisch von minderem Belang. Wien ist die verwundbare Stelle. Erst der Verlust der Reichshauptstadt schdneidet den Ast ab, auf dem sich der in allen Farben schillernde, nur in seinem rohen Grundzug dauerhafte Antisemitismus festgesetzt hat. Und als ein tüchtiger Anfang zu diesem Reinigungswerke darf der Ausgang der favoritener Landtagswahl betrachtet werden. Aussig. Anläßlich des Kaiserbesuches daselbst hat der hiesige .Kohlenexporteur Herr Ed. I. W e i n - m a n rt, den Intentionen des Kaisers entsprechend, den Betrag von 50,000 Kronen zum Zwecke der Unterstützung hilfsbedürftiger Kohlenverladearbeiter gewidmet. Dem Stistsbriefe gemäß werden die Zinsen dieses Betrages zur Unterstützung der Kohlenverladearbeiter und deren Angehörigen (Wittwen und Waisen) auf den Umschlagevlätzen in Auffig und Rosawitz, insoweit diese durest besondere Umstände hilfsbedürftig werden, verwendet. Die Stiftung tritt sofort in Kraft. Der Kaiser hat über Ersuchen des Stifters bewilligt, daß die hochherzige Stiftung seinen Ramen führe. England. London. (Reiche Sammlung.) Am 12. Juni fand unter dem Vorsitze des Sir George Faudel- Plüllips ein Diner zu Gunsten der unter dem Protektorate des Königs Eduard VN. stehenden jüdischen Alters- und Waiscnversorgungsanstalt zu West-Norwood statt. Die Anstalt, welche 328 Waisen und 126 Lehrlinge, nebst 12 Greisen beherbergt, gehört zu den größten jüdischen Waisenhäusern der ganzen Welt. Zur Tilgung von Schulden etc. waren 200,000 Mk. erforderlich. Tie beim Diner veranstaltete Sammlung ergab den anständigen Betrag bon Mk. 212,800. London. (Synagogen bau in Hongk o n g.) Am 7. Mai ist am Robinson Road zu Hongkong in China der Grundstein zum Bau einer Synagoge gelegt worden. Dieselbe wird aus rothen Ziegelsteinen ausgesührt, 80 Fuß lang, 36 breit und 26 hoch sein und 260 Sitze für Männer und 90 Sitze für Frauen haben. Die Kosten des Baues, welche sich auf '100,000 Tftf. belaufen dürfen, werden von Jakob Sasioon getragen, lvelcher die Synagoge zum Andenken an seine verstorbene Mutter errichten läßt. Die Juden von Hongkong sind, ebenso wie die von Shanghai, großentheils über Indien aus Bagdad nach China herüber gekommen. Der Nest besteht aus Aschkenasim. von demn die meisten aus Deutschland stammen und von denen viele auch den „Israelit" eifrig lesen. Rumänien. Bukarest. Dem „Wr. Jüd. Bolksbl." wird geschrieben: Der 30. Mai ist der rumänische Krönungstag. Zu diesem Feste wurden die Straßen feierlich geschmückt und von Staat, Gemeinde und Armee auf den Boulevards Tribünen errichtet. Für diese Decoration!var eine öffentliche Lieitation ausgeschrieben. Die rumänischen Handwerker griffen aber in brutaler Weise die jüdischen Coneurrenten an, und obwohl die jüdischen Offerten um 20 pCt. unter dem Kostenvoranschlag waren, gab der neue Herr Bürgermeister, ein „libera-