Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 51 (1.7.1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1136 Macht der alles beherrschenden Mode bescheiden oder seige zurücktreten müßte. Wohl sind da einige Gebote, die in der Thora enthalten sind, als: Menschenliebe, Wohlthätigkeit, Ehrlichkeit etc., die auch unsere neologen Brüder in höchst rühmlicher Weise bethätigen. Allein diese Tugenden werden nicht deßhalb von ihnen geübt, weil sie Postulats des Judenthums sind, sondern einfach deßhalb, weil hierzu die menschliche Vernunft, die allgemeine Moral verpflichtet. Damit eben ist aber das Judenthum von allen Religionen unterschieden, daß es die Beobachtung und Verwirklichung der Moralgesetze als „R e l i - gionsgesetze" fordert. Auch ist speziell die jüd., aus Bibel und Talmud hervorgehende Moral eine um Himmelweiten höhere und erhabenere, als diejenige, zu der bloß die Menschlichkeit verpflichtet. — Glauben etwa die Neologen, gleich den Ehristen, daß die Thora zwar für die Zeit, in der sie zeitgemäß ist oder war, aber immerhin doch von Gott gegeben wurde? Auch diese Frage müssen wir verneinen, denn wäre dies der Fall, wie wäre bei ihnen eine Bibelkritik möglich? Wie wir bereits erwähnt haben, ist das Judenthum eine „Religion der T h a t," der Glaube wird nur vorausgesetzt. Nun könnte man vielleicht der Vermuthung Raum geben, daß, nachdem das „neologe Judenthum" als Religion der That — ein bodenloses Nichts ist, so doch als Religion des Glaubens wenigstens — Etwas ist. Allein bei allem Nachdenken, Forschen und Suchen finden wir kein einziges Dogma, das bei den Neologen aus bedingungslose Anerkennung rechnen dürste. Den Glauben an einen einzigen Gott könnten wir noch herausnehmen, obgleich wir hiermit vielleicht auch nicht ganz sicher gehen, wenn dies freilich nur ein jüdisches Dogma wäre: aber mit diesem Glauben allein ist man ebensogut Unitarier, wie Jude. Etwa? Positives bietet also das neologe Judenthum nicht, wohl aber negativ, und wir wollen nicht verhehlen, daß wir aus der gesummten exegetischen, homiletischen, apologetischen und polemischen Litteratur der Neologie folgendes wunderliche Glaubensbekenntniß herausgelesen haben: „Die neologen Juden glauben und halten dasselbe, was die orthodoxen Juden glauben und halten; die Thora ist dem neologen Juden ebenso heilig, wie dem orthodoxen Juden, jedoch nur so weit und so lange, — und das ist die conditio sine qua non — als ihre Worte und Gesetze dem eigenen und dem Geschmacke der Zeit nicht widersprechen. Unter allen Umständen muß die Tbora so viel Anstand besitzen, daß sie dem „Zeitgeiste" sich nicht widersetze, sondern ihm willig sich unrerordne und füge!" Ist dieses großartige Glaubensbekenntniß nicht geeignet, die Fabel von einem Bruche im Judenthume vollends gii zerstören? Denn bei allem Geschrei und Getöse, mit welchem man einerseits auf die Berechtigung eine* zeitgemäßen Reform hinweist, bei aller Mühe, mit der man andererseits doch die Einheitlichkeit der Heiden Fractionen innerhalb der Judenheit zu beweisen sucht, legt man doch offen oder zwischen den Zeilen nur dieses Glaubensbekenntniß ab. Und weil dieses Bekenntniß das Kriterium für neolog-gläubigen Sinn ist, so iß es ganz nutz und belanglos, das Unjüdische neologer Einrichtungen erst aus der Halacha beweisen zu wollen. Indem die Neologen vom Judenthume nur diejenigen Parthien für wahr und verpflichtend anerkennen, die dem jeweiligen Geschmack der Zeit entsprechen, so ist von vornherein der Boden fiir eine Auseinandersetzung zwischen Orthodoxen und Neologen völlig entzogen. Daß das erwäfynle &taubenäbetenntniß — man verzeihe uns diesen schlechtgewählten Ausdruck —- in der That dem Jdeengang der Neologeu vollkommen entspricht, erhellt einfach schon aus dem Standpunkte, den sie in Bezug auf die Opseraesetze der Tbora ohne Ausnahme einnehmen. Zum Ueberflusse wollen wir nur auf einen der ersten Reformrabbiuer par excellence verweisen, der in Ungarn noch jetzt wohl bekannt sein dürfte. Dr. Zivser, einst Rabbiner in Stuhlweisenburg, nachher in Nechnitz, sagt in dem Werkchen: „Zulässigkeit und Dringlichkeit der Synagogenreformen" (Wien, 1845), Pag. 72 u. A.: „Da die Opfer bei dem „vorgeschrittenen Zeitgeiste" nicht mehr zur Hervorbringung jener religiösen Gefühle nothwendig waren, oder gar mit demselben im „Wider- Spruche" standen, so wurden sie von der ersten Synagoge gänzlich aufgehoben." . . . (S. rnni orib-, Wien 1855. Vorrede.) Resumiren wir das in diesem Kapitel Erörterte, so gelangen wir zu dem Ergebniß, daß das neologe Judenthum. abgesehen von seinen Aeußerungen in praxi schon theoretisch mit dem jüdischen Geiste im vollkommenen Widerspruche steht und höchstens noch ein Parade-Judenthum ist. IV. Neolog — liberal — fortschrittlich. Auch dem pronocirtesten Reformfreunde kann es kein Geheimniß bleiben, daß Judenthum und Neologie sich gegenseitig ausschließen und bei aller sophistischen Anstrengung durchaus nicht zu verciubaren sind. Schließlich müssen es die Reformer fühlen, daß schon der Name „neolog" dem göttlichen Geiste des Judenthums durchwegs widerspreche; sie suchen daher, diesen Namen womöglich zu vermänteln und geben lieber für ihr Machwerk einer anderen Bezeichnung den Vorzug, die, nach ihrer Berechnung, mehr Anklang und Anhänger finden dürfte, nämlich die Bezeichnung' liberal (freisinnig), oder fortschrittlich. Es ändert gar nichts an der Sache, und ist für die Stellungnahme der Orthodoxie der Reform gegenüber ganz ohne Belang, unter welcher Maske sie immer auftritt, denn ihr Wesen und ihr Geist bleibt immerhin neolog, ob sie sich liberal nennt, oder fortschrittlich zu