Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 50 (27.6.1901)
- Date
- 1901-06-27
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1124 gedeihliche Weiterentwickelnng in verdiente Erwägung gezogen werden. Es wird in unserer schreib- und druckseligen Zeit so viel geschrieben und gedruckt, daß das geschriebene und gedruckte Wort viel von der nachhaltigen Wirkung verloren hat, die es in früherer Zeit besessen haben mag. Wie wir uns für die Entfaltung unseres geschäftlichen Wirkens nicht auf gedruckte Cirkulare und briefliche Anregung beschränken, sondern persönlich eintreten, reisen und thätig Hand und Fuß dafür rühren, so und in noch viel böherem Grade sind alle idealen Anliegen auf unser persönliches Eingreifen angewiesen, wenn sie blühen und gedeihen sollen. Je mehr Jemand durch Beruf und Neigung zum Lesen und Schreiben hinneigt, desto weniger wirkungsvoller erweist sich bei ihm das gedruckte und geschriebene Wort. Dagegen ist merkwürdiger Weise Niemand leichter durch das überzeugend vom Herzen kommende gesprochene Wort zu bceinslussen, als diejenigen, die, wie z. B. unsere Rabbinen und Prediger, den Beruf haben, durch ihr Wort andere zu beeinflussen und für ihre Ueberzeugung zu gewinnen. Jede Probe wird diese Erfahrung auf's neue bestätigen und oer alten Wahrheit die Anerkennung sichern, daß wir idealen, göttlichen Zwecken nicht besser dienen können, als wenn wir sie mit denselben Augen ansehen und sie mit derselben ernsten Umsicht behandeln, mit welchen wir über trnfere geschäftlichen Anliegen wahren. rafm *n dkt par rx njjpcnn cvöäöct rprr rrjtrpzn cs 4(n ,1 ,a xarar s Das schließt aber selbstverständlich nicht aus, daß der Verein auch durch die Presse für seine immer größere Verbreitung wirkt. Es geschieht dies bereits in sehr wirkungsvoller Weise durch die Veröffentlichungen der Speisehäuser, die unter dem Protektorate des Vereins stehen. Aber diese Publikationen kommen dem Verein nur mittelbar zu gut. Unmittelbar dienen sie denjenigen, die dadurch eine sichere Anleitung für Kenntniß der Speisebäuser besitzen, in welchen sie ohne religiöse Bedenken koscher essen können. Auch ein alljährlich erscheinender Jahresbericht, so unerläßlich derselbe ist, fördert die eigentliche Propaganda nur in sehr bedingter Weise. Viel nachdrücklicher dürfte dieser Zweck erreicht werden durch periodisch wiederkehrende Notizen und Berichte in den jüdischen Zeitungen über den Stand, die Ausgestaltung und Fortschritte des Vereins. Von den Frauen mag es gewiß richtig sein, daß diejenige die beste ist, von der man am wenigsten spricht. Von Vereinen gilt dies nicht, und am wenigsten von Vereinen, die, wie der in Rede stehende, ideale Zwecke verfolgen verfolgen. Da gehört die Reklame geradezu zur Lebensbedingung. Man wird es von den Gründern und Leitern des Vereins begreiflich finden, je selbstloser und hingebender ihre Bemühungen sind, daß sie nur schwer den Widerwillen überwinden mögen, von sich und ihrer Thätig - keil fort und fort öffentlich zu sprechen. Aber die hier zu iibende Ueberwindung gehört mit zu den Akten der Selbstverleugnung, ohne welche ein so großes, rein D'ctp auszuführendes Unternehmen nicht möglich ist. Wird erst der Verein die verdiente allgemeine Kenntniß und Anerkenntniß errungen haben, so wird sich auch außerhalb der Vereinsleitung die genügend? Anzahl von Gesinnungsgenossen finden, die dem Vorstand diese Seite seiner Thätigkeit abnehmen, indem sie ihre Feder der allseitigen Würdigung des Vereins zur Verfügung stellen. Dann wird es nicht mehr des Hinweises auf das Jahrbuch des „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur" bedürfen, um den neuen Geist zu konstatiren, der in die jüdischen Gemeinden Deutschlands eingekehrt sein soll, wie es in dem vorliegenden Jahresbericht geschieht. Der in jenem Jahrbuch konstatirte Geist mag ein neuer sein. Der Geist, der den Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser geschaffen hat, wird dann nicht als Glied in der Kette von Bestrebungen dieses Geistes ta.rirt werden. Das ist Geist von dem alten Geiste, den der Hamburger Gemeinde Rabbi Eibenschütz s. A. in so hohem Grade wegen ihrer religiösen Gewissenhaftigkeit hinsichtlich der Speisegesetze zuerkannt hat, daß sie ihn zu dem Ausruf: *zt?Tn or-iirx Ji'san p“p begeisterte.*) In diesem alten Ahnengeiste, der in der Brust der Enkel noch so jugendlich die Schwingen regt, daß sie ihn für einen neuen halten, liegt die Bürgschaft für den ihm erblühten Verein. Mögen sich alle Hoffnungen und Wünsche in schönster Weise erfüllen, welche die bxiL" -oics daran zu knüpfen alle Ursache haben! Mögen dieselben nicht erst eine spezielle Aufforderung zum Eintritt in den Verein abwarten, sondern, wie sie sich sonst alspv'^pc p'-n bewähren, dem Verein beitreten und cbm ihre Mitarbeiterschaft an diesem bbcn nri» aus eigener Initiative anbieten!**) Zeitungsnachrichten nnd Correspondenzen. Deutschland. Berlin, im Juni. Die Vereine jüdischer Studenten im „V. I. C." (Bund jüdischer Corporationen) versenden folgenden Aufruf: „Ihr steht an einem Wendepunkt Eures Lebens! Ihr verlaßt das Gymnasium und tretet in die Freiheit des akademischen Lebens hinaus. Aber noch kennt Ihr dieselbe nicht. Ihr, die Ihr eben des Zwanges der Schule ledig geworden seid, träumt vielleicht in erster Linie von einer schrankenlosen individuellen Unabhängigkeit, welche Euch die Freuden eines völlig neuen Lebens erschließen soll. „Das, jüdische Abiturienten, ist aber nicht die Hauptsache!" Höher müßt Ihr es an- *) J"* ,P"D ,l2"b ,’"D ,TTD. **) Adresse: Hugo Mainz, Hamburg, Börsenhof.