Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-06-27 · Heft 50 (27.6.1901) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 50 (27.6.1901)
Date
1901-06-27
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449194--53655-2504331
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

42« Jahrgang. Iweite Meikage zu M 50 des „Israelit". leitender Artikel. Lin wackerer Oerein. Mainz, 26. Juni. Ein wackerer Verein ist der „Verein zur Fördeung ritueller Speisehäuser," der seinen Sitz in Hamburg hat. Er will einem wirklich tief empfundenen Bedürfniß gerecht werden und sein soeben erschienener erster Jahresbericht zeigt, wie er dieser Aufgabe in überaus erfreulicher Weise während des ersten Jahres seines Bestehens gerecht geworden ist. Obwohl oder vielmehr weil der „Israelit" den wesentlichen Inhalt dieses Jahresberichts bereits veröffentlicht hat, scheint es geboten. zur richtigen Würdigung desselben noch einmal auf ihn zurückzukommen, um auf diejenigen Momente die Aufmerksamkeit zu lenken, welche mehr zwischen den Zeilen liegen, weil hie Selbstlosigkeit des Vorstandes sich hier eine Reserve auferlegen mußte, die für den unbetheiligten Referenten glücklicherweise wegfällt. Der Bericht spricht mehr von der Aufgabe, die sich der junge Verein gestellt, als von dem, was er bereits erreicht hat. Und doch ist die bloße Thatsache, daß seine erste Jahresbilanz mit einer Summe von fast 8400 Mk. absckließt, ein sprechender Beweis für die Rührigkeit und Prosperität des Vereins! Ein Blick auf das Verzeichniß seiner Mitglieder zeigt, wie sehr dasselbe noch der Erweiterung fähig ist. Selbst in Großgemeinden, in welchen Lokalkomitees bestehen, ist die Vetheiligung vielfach eine so verschwindend geringe, daß die Propaganda für das gemeinnützige, acht jüdische Unternehmen dort augenscheinlich noch nicht begonnen hat. Wenn diese sich nunmehr entfalten wird, müßte es wunderbar zugehen, wenn die Mitgliederzahl bis zur Ausgabe des zweiten Jahresberichtes sich nicht verzehnfachen sollte und auch die materiellen Mittel des Vereins dementsprechend erstarken. Der Verein hat nämlich durch seine ganze Anlage und Tendenz Vieles vor ähnlichen Bestrebungen voraus, was ihm überaus erfolgreiche Propaganda sichert, wenn dieselbe nur einmal erst richtig in die Wege geleitet wird. Erstens handelt es um das Erstreben eines Zieles, dessen Erreichung dem Gros der jüdischen Geschäftswelt in erster Reihe zu Gute kommt. Bei dem Zug unseres ganzen heutigen Geschäftslebens ruht der Schwerpunkt desselben im Reisen. Es bedarf daher nickt vieler Worte, um die Nothwendgkeit der Schaffung und Förderung ritueller Speisehäuser in's rechte Licht zu setzen. Jeder gewissenhafte, jüdische Reisende hat ein persönliches Interesse an der Förderung des Zieles, das sich der Verein gesetzt hat und wird daher eben dadurch zum Agitator für dieses ihm selber in so hohem Grade nahe gehende Anliegen. Bei der Zurücksetzung, die in unserer judenfeindlichen Zeitströmung jüdische Reisende an nichtjüdischer Tadle d'hote vielfach riskiren, sind es übrigens nicht nur die gesetzestreu lebenden Reisenden, welche ein sehr lebhaftes Interesse an der Förderung ritueller Speisehäuser haben. Dazu kommt noch die gehässige Agitation gegen die Schechita, die in Sachsen und in der Sckweiz bereits zu einem Schächtverbot geführt hat und in Deutschland vielfach auf dieses Ziel lossteuert. Unter diesen Verhältnissen wird es nicht schwer fallen, auch diejenigen jüdischen Reisenden, die noch keine unliebsamen Erfahrungen in christlichen Hotels gemacht haben, selbst wenn die Rücksicht auf das Religionsgesetz bei ihnen nicht stark genug ist, um streng koscher auf der Reise zu leben, ihnen trotzdem nahe zu legen, wie es der bloße esprit du corps unter den heutigen Verhältnissen es verlangt, sich fester als sonst aneinander zu schließen. Heutzutage ist es für den Juden, der unseren Feinden nicht in die Hände arbeiten will, geradezu eine Ehrenpflicht, koscher besonders auf der Reise zu leben. Jeder Jude, der beute trepha ißt, dient unseren Feinden als willkommener Beweis dafür, daß unsere Speisegesetze und vor allem die Schechita-Jnstitution doch nicht die unbedingte religionsgesetzliche Verbindlichkeit haben können, wie dies jüdischerseits behauptet wird. Es wäre vielleicht empfehlenswerth, wenn von dem Vorstand diese und ähnliche Momente zusammengestellt und dem Reisenden, der sich für das Aufblühen des Vereines interessirt, zur Direktive für ihre zu entfaltende Propaganda mit auf die Reise gegeben würden. Es wäre speziell Aufgabe der Lokalkomitees, die Namen der Reisenden festzustellen, die Fähigkeit und Verständnis für eine solche Propaganda haben und ihnen dann mit Rath und That dafür an die Hand zu gehen. Eine aufmerksame Musterung des mit dem Jahresberichte veröffentlichten Mitgliederverzeichnisses zeigt auch, wie die Propaganda sich nicht auf die Kaufleute zu beschränken braucht. Es fehlen darin die Namen so vieler thatkräftigen Rabbinen und Lehrer, daß die Kunde von den Zwecken und Zielen des Vereins noch nicht zu ihnen gelangt sein kann, sonst hätten sie sich gewiß allen voran beeilt, diese Bestrebungen zu den ihrigen zu machen und sie wenigstens durch ihre Mitgliedschaft zu fördern. Seiner ganzen Tendenz nach ist ja der Verein mehr wie andere Vereine auf die Mitwirkung gerade unserer Rabbinen angewiesen. Man darf sicher auf diese Mitwirkung rechnen, wenn sie den Betreffenden persönlich nahe gelegt wird. Das scheint bislang noch nicht in dem wünschenswerthen Umfang geschehen zu sein und >vird von der umsichtigen Vereinsleitung gewiß für eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.