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Der Israelit · 1901-06-27 · Heft 50 (27.6.1901) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 50 (27.6.1901)
Date
1901-06-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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4L Jahrgang. Grste Aeilage zu M 50 des „Israelit." Leitender Artikel. TmnusgedsnKen. Von 'ninl. j.Iiil. Hermann Klein—Bern. -"ex ppp; zrrzz *P :sen p „Je größer sie wurden, um so mehr sündigten sie gegen mich, deßhalb muß Ich ihre Ehre in Schande umwandeln." Es ist eine traurige Erscheinung im jüdischen Volksleben, daß ans die Höhen bald die Tiefen folgen. Nie konnte das jüdische Volt längere Zeit hindurch sich auf der Höhe behaupten. Je größer und mächtiger das Volt imtrbe, mit so leichter vergast es Desjenigen, dem es seine Größe und und Macht verdankte. Im Unglück sind wir Söhne Gottes geblieben, im Glück jedoch, im Sonnenschein, haben lrür uns noch nie auf die Dauer als die Seinen bewährt. Mir haben bisher, in den dunklen Jahrhunderten, für Ihn v.\ Üerben gewußt, aber wir haben es noch nicht gelernt, unter den Strahlen Seiner Gnade für Ihn zu leben. Der gegenwärtige Monat lveckt diese traurigen Gedanken in uns. Ist ia dieser Monat der Sonnenmonat Ms Jahres. Lachend blickt die Sonne auf die Geschöpfe der Erde und heitere Freude am Dasein dringt in die Herzen der Menschen. Nur uns lacht diese Sonne nicht, nur wir empfinden nicht ihre belebende und weckende Wirkung, denn unser Herz trauert und iveint. Selten brachte uns die Tamusfonne Glück. Ließen mir uns je von der Sonne befcheinen, so bezahlten wir cs noch immer mit einem Sonnenstich. Und doch scheint die Sonne, sie toeckt die in der Natur schlummernden Kräfte, sie erzeugt neues Leben — und Vas Lebende freut sich des Lebens. „Ein Jeder lebt, ein Jeder liebt, und läßt ihn seiner Pein, Ja. laßt mich meiner Qual! Und kann ich nur einniak recht einsam sein, dann bin ich nicht allein." Gestalten ans der fernen Vergangenheit suchen mich dann heim, Schatten aus längst verschwundenen Tagen huschen an mir vorüber; elende, abgehärmte Gesichter sind Genossen nieines Jammers. Meine Phantasie erzeugt grausige Bilder, — nein, sie erzeugt diese Bilder nicht, sie revroducirt sie nur. Ich sah diese Bilder einst in den heißen Tamustagen der Vergangenheit. Väter sah ich, die bei den verstümmelten Leichen ihrer Kinder stehen; Mütter, die ihre tobten Lieblinge an die ichmerzdurchwühlte Brust pressen; und Kinder, die nach den theuren Resten der Eltern suchen. Die Sonne bescheint dieses Bild, als lache sie ob der Qual der Erdenkinder. Sie brennt und schmerzt auch jetzt und sie weckt mich aus meinem dumpfen Brüten. Doch sie weckt nur zu neuer Qual, denn die Gedanken, die sie heraufbcschworen, lassen mich nicht los. Im Tamns war es, als Moses die Gesetzestafeln zerbrach. Kanni hatte das jüdische Volk die Höhe erstiegen, kaum waren die gewaltigen Schlußakkorde der Erlösnngsspmphonie am Sinai verhallt, da vergaß das Volk Alles und umtanzte das goldene Kalb. Die Luchos entsanken den Händen des Lehrers und die Buchstaben flogen in die Höhe, das Volk war gestürzt. Das nrar das erste Tamusunglück, dem noch viele folgen sollten. Jisroel ward wieder glücklich, es erhielt sein Land, sein Heiligthum, und es war ein lebendiges Denkmal der Gottesherrschaft auf Erden. Die Glückessonne schien, aber bald trat eine Sonnensinsterniß ein. TaS Volk konnte noch immer die Höhenluft nicht ertragen, denn es war etwas in ihm, das es in die Tiefe zog. Seiner Thora ward es wieder untreu, tie es begleitet hat aus seinen Wanderungen durch die Wüste: da kam ein Fremder und überlieferte die Thorarollen dem Teuer. Seinem Gotte ward das Volk untreu und es trug ein fremdes Bild im Herzen; da kam ein Anderer und pflanzte dieses Bild im Heiligthum aus, das bisher die Quelle und zugleich die Sammelstätte jüdischen Geisteslebens war. Seine Mauern beengten das Volk, es wollte hinaus unter die Fremden, da wurden die Mauern geschleift. Es hat verlernt, reinen Herzens zu opfern, und die Opfer hörten auf. Beraubt und verlassen stand nun das Volk da. Die Mauern schützten es nicht mehr, das Heiligthum war entweiht, die Thora verbrannt und es hatte nichts mehr, woran es sich noch klammern konnte. Bald mußte es auch die Trümmer seiner Habe verlassen. Es schied das Volk gebrochenen Herzens von den Ruinen, es nahm herzzerreißendenAbschied von den theuren Grabhügeln, die die heiligen Reste der Väter bargen. Es wandelt unter den Völkern schon so lange und es hat die Freude noch immer nicht erlernt. Die Hälfte seines Herzens ließ das Volk dort in Zion, es kebt hier nur ein halbes Leben. Und wenn die Tamustage kommen, dann setzt sich das Volk zur Erde und herzerschütternd ertönt eine uralte Melodie, und wir hören, daß die Sehnsucht noch nicht erstorben ist. Das Herz seufzt, die Thräne quillt und zitternden Lippen entfährt das alte Sehnsuchtslied: N22x H271 bx *n? p'x mxerto nbM ee*.\ „Erwache, mein Volk, erhebe dich aus dem Staube!" Nicht für immer hat Gott uns verlassen, Brüder, wir bestehen noch immer wie der Himmel da droben,

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