Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 50 (27.6.1901)
- Date
- 1901-06-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449194--53645-2504321- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1113 fenb seine Augen auf die des jungen Mannes gerichtet. Prinz Emrich schwieg '.md schlug die Augen nieder. — „Kindliche Liebe zu den Eltern ist wohlgefällig den Augen des Herrn, wohlgefälliger als alles Andere," sprach der Rabbi mit sanfter Stimme. „Ich habe mich von meiner Mutter losgesagt," erwiederte der junge düster, „sie ist grausam und blutdürstig, sie drückt ihre Unterthanen, und opfert ihrer Religion in wilder Schwärmerei Menschenleben. Dreimal während ihrer Regierung hatte sie den Pöbel gegen Euer Voll ausgchetzt, und Blut ist in Strömen geflossen. Mein Herz schaudert vor solchen Thaien und es hat den Mutternamen verlernt " „Gnädiger Herr, mit Thronen in den Augen baute ich Euch für die Liebe, das Mitleid, das Ihr für unser gedrücktes, unglückliches Voll fühlt; denn jemehr Hast und Grimm mit Schwere und Dunkelheit uns umgeben, desto, lindernder und erauickender fällt ein Sonnenlächeln der Liebe auf unser lvundes Herz. — Doch, hoher Herr! Wenn Ihr auf die Worte eines Greises hören wollt, so bleibet in dem Glauben, in dem Ihr geboren wurdet, bcn Ihr sozusagen mit der Muttermilch eingesoge-n habt. Richt gut ist es, mit dem Glauben seines Herzens, nüc mit einem Kleidungsstück zu wechseln." „Das sag! Ihr mir, ein IudeR" ries der Prinz im höchsten Grade erstaunt. „Ein Jude einem Christen! Heißt denn Eure Religion Euch nicht, ihr Ansehen unter den Völkern zu v-rbreiten'!'" „Rein, hoher Herr! Auf solche Weise nicht. Sie heistt uns, ihr Ansehen zu verschaffen durch Tugend und Menschlichkeit, sowie reinen Lebenswandel; aber nicht mit Gewalt sie aufdrängen. Einer Wahrheit braucht man leine Anhänger zu werben, üe ist für sich eine Wahrheit ohne Anerkennung und Anbetung. Dann sagen unsere Weisen: Jede Religion führt zu Gott, und jeder Mensch kann der Seligkeit theilhaft werden, wenn Tugend sein Herz erfüllt." „Unb unsere sagt wieder!" rief der Prinz mit einem bitteren Lächeln, „wer nicht in ihre?n Schostc ausgenommen ist, ist verflucht. Mit Teuer und Schwert unterwirft sie sich alles, und indem sie den Andersgläubigen die Truden des Erdenlebens entzieht, nimiut sie ihnen noch die Hoffnung auf das Jenseits." „Das sagt Eure Religion nicht, gnädiger Herr! Das sagen und thun Eure Priester: Eure Religion ist au und für sich sanfi und mild." „Ich sehe nur die Priester, die Alles mit Jener und Schwert vernichten. Kann ich dafür, daß durch dieses Blutmeer die Strahlen der Religion nicht zu mir dringen?" „Jeder Mensch, der eine reine Gottesliebe im Herzen trägt, der die Pflichten seiner Religion mit wahrer Frömmigkeit erfüllt, der Liebe und Milde im Busen hegt, ist ein Priester seiner Religion, wenn er auch keine Weihen empfangen hat; denn sein Herz gibt sie ihm." Prinz Emrich sah in das Gesicht des Greises mit einer Art von Verehrung. „Rabbi," saate er dann, „Ihr bewegt mein Herz auf wunderbare Weise. Ihr seid das reine Bild eines Priesters, eines Verkünders der Gottheit ans Erden. So habe ich mir immer die Vollstrecker des göttlichen Wortes gedacht, so und nicht anders; doch je mehr Ihr Eure Pflicht erfüllt, desto mehr bestärkt Ihr mich in der meinen. Ick will Jude werden. Warum weist Ihr mich zurück, ehrwürdiger Rabbi?" „Ich meife Euch nicht zurück, gnädiger Herr! Ihr seid noch ein junger Mann, und es ist meine Pflicht. Euch zu bitten, den Schritt zn überlegen, den Ihr thun wollt. Ihr reistt Euch von Allem kos, was das Leben angenebm macht; von Freiheit, Ruhmesglanz, Freude und Leben, und wollt zu einem unglücklichen Volke treten, dem kaum die Höhlen der Erde zum Aufenthalte angewiesen sind, dessen Existenz von der Laune eines Menschenherzens abhängt, von dem heißeren oder sanf- :eren Wallen des Blutes. Ihr seid Erbprinz von Tprnan und Gott hat Euch ein schöneres Loos gegeben, als in die Tiefe zu diesem Volke zu treten und seine Fesseln zu tragen. Ihr könnt ihm Sonnenlicht und Freiheit geben, Ihr könnt es glücklich machen, Ihr könnt ibm die schweren Fesseln abnehmen, die sich seit Jahrhunderten immer mehr und mehr in's Fleisch eindriicken und schon das bloße Herz berühren. — O, hoher Herr!" fuhr Rabbi Isal fort, und Thränen drangen unter seinen grauen Wimpern hervor, „Gott hat Euch ein mildes, sanftes, aroßmüthiges Herz gegeben und ein solches auf dem Throne ist Segen für die Völker; bleibet dort und weihet Euch dazu, armen gemarterten Menschen Unterdrückung und langjährige Grausamkeiten vergessen zu machen." Tiefe Stille trat nach diesen Worten ein. Bis in's Innerste erschüttert saß der junge Prinz, in tiefes Sinnen verloren, das Haupt auf die Hände stützend. Die Dnnkeheit war indessen eingetreten. Rabbi Isal stand ans, machte Licht und schloß die Läden an den Fenstern. Dann setzte er sich wieder dem Prinzen gegenüber. Dieser war noch immer in tiefes Sinnen verloren. Plötzlich, wie von einem großen Bilde, einer Erinnerung ergriffen, blickte er ans. seine schönen, großen Augen leuchteten von einem sonderbaren Feuer. Ruhe und Festigkeit breitete sich über seine hohe, kühne Stirne aus. „Rabbi," sagte er, „es ist umsonst, ich habe es fest beschlossen. ich werde Jude. Nichts bringt mich von diesem Vorsatz mehr zurück." „Gnädiger Herr! überlegt es nochmals. Ihr kennt nicht die Gefabr dieses Schrittes. Ihr setzt Euch und uns einer Todesgefahr aus. Denkt an den Zorn Eurer Mutter, an ihren gereckten Zorn!" — — „Deßwegen habt Ihr nichts zu fürchten," erwiderte der junge Mann fest und unerschrocken. „Ich bin