Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 49 (24.6.1901)
- Date
- 1901-06-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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---ysorq" 1097 Der Rabbi schien in eine scharfsinnige Schlußfolgerung vertieft zu sein; denn oft blickte er von dem Buche zur Decke auf, als erwarte er einen Lichtstrahl von oben, oer ihm ein Wegweiser in diesem verschlunge nen, dunkeln Labyrinthe sein könnte; manchmal wieder lehnte er sich in seinen Lehnstuhl zurück und schloß die Augen, als wollt' er diesen Lichtstrahl nur aus der Tiefe seines Geistcsschachtes heraufholen. Nach einiger Zeit öffnete sich die Thüre und eine kleine, hagere Gestalt trat herein. Obwohl noch nicht über Dreißig, ging der Mann doch schon gebückt, und sein Gang hatte etwas schleichendes, iin höchsten Grade ungeschicktes. Es lnar der Hausdiener des Rabbi, der saß immer um seine Person war. „Was willst Du, Menasche?" fragte der Rabbi, von seinen Büchern aufblickend. „Herr!" sagte der Mann mit leiser Stimme und geheimnißvoll nähertretend, „ein Fremder, bis an die Zähne in einen langen, schwarzen Mantel verhüllt, Wärter im Vorzimmer und will Euch sprechen. Er kam durch die Hinterthüre so geheimnißvoll in die Küche, lvo gerade Frau Rebecka das Nachtmahl bereitete, daß ihr vor Schrecken fast die Schüssel aus der Hand fiel, als sie die dunkle Gestalt erblickte. „Erschreckt nicht, liebe Frau," sagte der Fremde zutraulich, „ich lvill den Rabbi sprechen, und so wartet er im Vorzimmer." „Führe ihn herein," sagte der Rabbi, ohne durch die schauerliche Geschickte seines Faktotums im Geringsten berührt zu werden, denn er kannte schon seit Langem die Gewohnheit Menasches, im Erzählen so viel als möglich zu iibertreiben. Menasche entfernte sich. Rach einiger Zeit öffnete sich lvieder die Thiire und eine hohe Gestalt trat herein, hinter welcher die Thüre wieder geschloffen wurde Ohne um die Erlaubnis; des Rabbi zu fragen, legte der Fremde seine dunkle Verhüllung ab und trat in seiner glänzenden, goldgestickten Rüstung näher. E§ war eine hohe, schlanke Gestalt und mochte einige zwanzig Fahre zählen. Seine Gesicht hatte einen edlen, majestätischen Ausdruck und große, schwarze, kühnblickende Augen, über welchen sich eine hohe, freie Stirne wölbte, gaben biefem Gesicht einen unendlichen Zauber, eine großartige Schönheit. Der Rabbi hatte sich überrascht erhoben und lüftete höflich sein schwarzes Käppchen; denn an der Gestalt, an dem Wesen des Fremden, an seiner reichen Kleidung merkte er, daß ein hoher Herr vor ihm stand. „Ich bin der Erbprinz Emrich von Tvrnau, Sohn der regierenden Herzogin," sprach der Fremde mit einer klangvollen Stimme. „Herr des Himmels!" rief Rabbi Isak im höchsten Grade bestürzt, einen Schritt zurücktretend. „Ihr seid der Erbprinz, der schon seit mehr als einem halben Fahre verschwunden ist, den eine jammernde Mutter, eine verzweifelnde Braut beklagt und beweint, den ein Volk betrauert? Auch zu uns, in's Ghetto, ist die Schreckenskunde gedrungen und Fast- und Bettage haben wir im Tempel gehalten. Ihr seid also zurückge-- kehrt, edler Herr? Gelobt sei Gott, dem es gefallen hat, die Thränen eines Mutterauges zu trocknen!" Die Augen des jungen Mannes zuckten einen Moment bei den letzten Worten. Dann sagte er. während er den Rabbi zum Seffel zurttckführte und ihn Platz zu nehmen bat, „setzt Euch, ehrwürdiger Rabbi, Ihr seid alt und ein gelehrter Mann und es ziemt sich nicht, daß Ihr vor nur lieht, der ich noch jung bin." „Aber hoher Herr!" stotterte Rabbi Isak im höchsten Grade verlegen. Der Prinz zog einen Seffel herbei und setzte sich ihm gegenüber. „Ich habe ein Anliegen an Euch, frommer Rabbi," sagte er nach einer Pause, „doch sind wir allein und kann uns Niemand hören?" Der Rabbi erhob sich, ging zur Thüre und schob den Riegel vor. „Wir ünd sicher," sagte er zuriicklehrend. „Bevor ich Euch mein Anliegen vorbringe, will ich Euch eine Fabel erzählen; ich erachte es als nothwendiq." „Ich höre," versetzte Rabbi Isak und seine Augen verweilten mit Bewunderung auf dem so edlen, so wunderschönen Gefickte seines hohen Besuchers. Der Prinz begann: „Es paar einmal ein großer, großer Wald, in dem alle Arten von Bäumen in großer Zahl und Menge vertreten waren. Sie wurzelten tief in der Erde und breiteten kühn nnd hoch die stolzen, blätterreichen Aeste in die Lütte und ihre Wivfel wiegten sich in den Strahlen der Sonne. Sie blühten und blätterten und gewannen immer mehr Boden und breiteten sich immer weiter aus, denn sie hatten Alles, was zu ihrem Wachsthum nöthig war: Sonne, Freiheit, Licht und Leben, und in mächtigen Wogen strömte das Leben von Außen auf sie ein. Nnd über Alle herrschten die hohen, königlichen Tannen, die höchsten an Macht und Ansehen. Unter allen diesen stolzen, mächtigen Bäumen war auch eine arme Baumart, meist niedere Zwergeichen; die hatten fest und mannigfaltig ihre Wurzeln in die Erde geschlagen, und als wenn die Höhe, die freie Luft für sie unsicher wäre, zogen sie ihre ganze Lebenskraft in die Wurzeln und Stämme. Ihre Wurzeln waren ineinandergeschlungen, eng und fest, eine mit der anderen verbunden, daß man sie gar nicht batte ausscheiden können. Das war aber eine von allen klebrigen verachtete und angegriffene Baumart. Man erregte Stürme wider sie und Gewitter, man enrzog ihnen immer mehr Boden und preßte sie in einen immer engeren Raun? ein. Aber die Eichen, sie brachen nicht unter den Stürmen und schlagenden Wettern; sie beugten nur das Haupt und wenn der Stoß vorüber war, richteten sie sich wieder auf und entfalteten ihre festen und gesunden Blätter. Sie! verkümmerten nicht in den engen Räumen; denn ihre