Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 48 (20.6.1901)
- Date
- 1901-06-20
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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1085 Studium des Talmuds mit ihrer Religion bekannt gemacht werden. Das Erlernen der weltlichen Wissenszweige verlangt mit Rothwendigkeit. daß wir unsere Kinder auf kurzem Wege mit der Religion vertraut macken. Wenn die Schule stets und allerorten von den Eltern kräftig unterstützt wird, dann läßt sich auch auf diesem Wege viel erreichen. Aber die Unterstützung der Eltern fehlt leider häufig und selbst da. wo man religiös sein will. Der Religionsschule fällt also trotz der kurzen Unterrichtszeit eine zweifache Aufgabe zu. Sie muß auch oft theilweise das Elternhaus ersetzen. Der Lehrer muß gar oft erst in dem Kinde den religiösen Sinn wecken und besten Interesse für den religiösen Lehrgegenstand gewinnen. Er hat also eine Aufgabe zu erfüllen, von der er früher entbunden war. Im allgemeinen verlangt daher die Gegenwart von der Religionsschule, daß sie nicht bloß Lernschule, sondern eine Pflanzstätte guter Zucht und Sitte, daß aller Unterricht mehr in den Dienst der Erziehung gestellt werde. Die erste Aufgabe der Religionsschule der Gegenwart muß also sein, neben Aufklärung des Kopfes, die Kultur der Gefühle, die sittliche Bildung des Herzens und Willens in verdoppeltem Maße zu pflegen. Jetzt thun wir nicht unsere Pflicht, wenn wir nur Kenntnisse vermitteln und nicht daran denken, das jüdische Wesen in das Kind hineinzubilden. ntpyo '-iH K'ae tb^w. Das Lernen muß z u r T h a t f ü h r e n. Es genügt daher nicht, wenn wir das Pensum bewältigt haben, und die Schüler die Pentateuch- und Gebetabschnitte übersehen und die bibl. Geschichten hersagen können, sondern die Schule muß die Kinder zum religiösen Leben anleiten und fromme Gesinnungen in den Schülern herausbilden. Nicht vielerlei. sondern viel — d. h. eingehende Behandlung — sei daher unsere Losung; ein verständiger Geist, ein gutes, jüdisches Herz und ein des Rechts und der religiösen Pflicht bewußter Wille fei das Ziel. Das zweite Haupterforderniß unserer Zeit ist die Bildung des Charakters und Willens. Eigentlich gehören beide zusammen: denn der Charakter ist gar nichts anderes als ein vollkommen gebildeter Wille. Charakter und fester Wille fehlen dem jetzigen Geschlechte ganz besonders. Daher das Schwinden der Ideale und sittlichen Ideen. Freilich ist die Charakterbildung das Schwierigste, aber auch eines der höchsten Zwecke der Erziehung. Der Charakter ist das edelste Gut des Mannes, das ihm wahren und inneren Adel verleiht. Das Gute, das Sittliche und Menschenwürdige zu wollen, isi sein Ziel. Wahrhaftigkeit, Lauterkeit und Bravheit sind seine Quintessenz. Auf ihn kann de'' Erzieher nicht genug Gewicht legen. Das zu bessern isi Aufgabe eines jeden Unterrichts. Doch die Religionsschule hat darin noch eine besondere Aufgabe. Sie soll den Schüler zu einem religiösen Charakter bilden. Den Willen des Kindes beständig auf das Gute. Edle und Mahre zu richten, in dem Herzen des Kindes Liebe und Lust zur angestammten Religion zu wecken, daß es das Judenthum achten und lieben lerne und selbst ein begeisterter Jude, ein Makkabäer, werde, das sei unser Hauptbestreben. Ein guter Geschichtsunterricht kann dieses Ziel erreichen. „Dir biblische Geschichte." sagt ein hervorragender Jugendschriftsteller, „hat einen hohen Werth in Absicht und Sittenlehre. Sie ist ein hohes, herrliches, liebevolles Gemälde der Sitten, stellt sittliche Charaktere aller Arten auf. Es ist keine Tugend, kein Laster, die man hier nickt in mehreren Menschen ganz nach dem Leben gezeichnet fände, wobei noch die Gegensätze ergreifend wirken. Die Tugend reißt zur Nachahmung hin, das Laster erregt Widerwillen und Abscheu. Die Charaktere der Bibel sind keine Ideale, S sind Menschen. Bei aller Tugendgröße haben sie noch ihre menschlichen Schwachheiten, bei aller Verworfenheit noch ihre glücklichen Augenblicke, ihr Gutes. Sie stellen uns Tugenden vor. die wir erreichen, Laster, in die wir auch versinken können. Was den moralischen Schilderungen ven höchsten Werth giebt, ist dies, daß gezeigt wird, aus welchen Quellen die Tugend und das Laster entspringen, und daß am Leben sittlicher Personen nachgewiesen wird, wie sie sowohl zur Gottähnlichkeit kommen, als andererseits auch zu immer größerer Versunkenheit gelangen." Man schildere daher dem Kinde anschaulich das Leben seiner großen Ahnen, mache es auf die großen Epochen Israels in der Vorzeit und auf die Wunder Gottes aufmerksam und führe ihm in lebendigen Farben seine Propheten, Könige, Feldherren und Dichter vor die Seele. Bei diesem Gange durch Israels Geschichte biete man aber dem Kinde nicht nur allgemeine Religionswcchrheiten, die jeder Nation heilig sind, sondern vorzüglich jene, die nur Israel heilig sind. In dritter Linie verlangt unsere Zeit, daß wir die Religion weniger zu einer Sache des Gedächtnisses und Verstandes, als der des Herzens und Lebens machen. Herzenseinfalt und fromme Sitte thut vor ollem noth. Wohl müssen wir die Jugend von der Wahrheit der einzelnen Lehrsätze überzeugen, nicht ein augenblickliches Fürwahrhalten, sondern eine dauerhafte, religiöse Ueberzeugung begründen. Es ist ein Bedürfniß. den mächtigen Einfluß der einzelnen Religionslehren auf die Tugend und den wohlthätigen Einfluß auf die Ruhe und Seligkeit des Menschen einleuchtend und fühlbar zu machen, damit die Kinder die Religion nicht als willkürliches Joch, sondern als ein wohlthätiges Geschenk des Himmels ansehen. Denn „dasjenige, was man liebt, vergißt und verwirft man nicht so leicht." Darum fort mit den Katechismen? Das Auswendiglernen. des für die Prüfungsparaden berechneten Compendienstils derselben ist nur eine unnütze Plage