Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 48 (20.6.1901)
- Date
- 1901-06-20
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Unfere Zeit uni) Deren Anforderungen mi" "' ' und LehreNWft. Fürwahr, wir leben in einer hocherregten Zeit. Auf allen Gebieten der Geisteskultur begegnen wir einem unstillbaren Drange nach Erweiterung und Vervollkommnung des menschlichen Wiffens und Erkennens, einer fieberhaften Hast im Schaffen und Wirken. Die Lage unseres Landes im Herzen Europas, die Rüstungen und Leidenschaften besiegter, neidischer Feinde sind zunächst dem deutschen Patrioten Ursache wichtiger Sorge. Mehr aber noch dräuen innere Feinde. Der Umschwung in der Industrie durch die großen Erfindungen der Neuzeit, der unaufhaltsam vorwärtseilende technische Fortschritt, namentlich die maschinelle Verwendung der Dampfkrast, theilweise auch das Jahrzehnte lange Niederhalten der „kleinen Leute" haben uns eine innere Gefahr, die des Klaffenkampfes und des sozialen Umsturzes gebracht. Sie ist es, die heute vorzugsweise im Vordergründe des öffentlichen Jntereffes steht und die alle, welche treu und aus voller Ueberzeugung zum Vaterlande stehen, welche das Wohl der Menschheit in Uebereinstimmung mit den göttlichen Absichten und der Ordnung des Weltalls erhalten wollen, in die Schranken rufen. Mißachtung der Autorität, Brechen mit den Idealen des Lebens, eine stark ausgeprägte Richtung auf den Lebensgenuß, allgemeine Unzufriedenheit und ein selbstsüchtiges Streben sind ihre markantesten Aeußerungen. Es ist wohl selbstverständlich, daß diese hochgehenden Wogen der Zeit auch hineinspülen in den Bereich der jüdischen Religionsschule, denn dieser Wellenschlag der Zeit hat einen Jndifferentismus gegen alles Religiöse gezeitigt, der erschreckende Dimensionen angenommen hat. Im harten Ringen um die Existenz, in dem schweren Kamps um's Dasein wird die Religion als Bürde betrachtet. „Viele glauben, man müffe, um glücklich zu leben, Gott vergessen, und müsse den Kindern, um sie gut zu erziehen, den Gottesgedanken fern Hallen; den Kindern keine Religion geben, sei Ausgabe der Erziehung. Andere meinen dies wohl nicht so entschieden, halten aber den Religionsunterricht für unwichtig, und da das Kind so schon mit vielen Lehrstunden belastet ist. so soll es nicht mit Entbehrlichem noch geplagt werden." (Prof. Dr. Steinthal: Ueber den Werth des Religionsunterrichts. Ein Mahnwort an die Eltern.) Die Bethätigung der Mizwos, die Ausübung der religiösen Gebräuche und Gebote sind aus vielen jüdischen Häusern in Stadt und Land entschwunden. Vielen Kindern fehlt daher häufig jeder Sonnenstrahl der Religion, fehlt die Wohnstube und ca:— - die Mutter, welche, wie Pestalozzi sagt, „auf der gesunden Grundlage von Gottesfurcht in einfacher Sitte den ersten und wichtigsten Theil der Menschenbildung übernehmen soll." Doch, es ist hier nicht meine Aufgabe, Anklagen gegen den ersten Erziehungsfaktor zu schleudern, nur ausgesprochen soll es sein, daß die Religionsschule stets unverrückt ihrem Ziele: ein gesittetes, vor Gott und Menschen tüchtiges Geschlecht zu erziehen, entgegenllrebte. Wo ein Uebel so allgemein ist, wo der Egoismus, die sittliche Gleichgültigkeit und der religiöse Jndifferentismus einen solchen Höhegrad erreicht haben, wie in unseren Tagen, da müssen wir alle, Eltern und Lehrer, danach streben besseren Zuständen die Bahn zu brechen. Es ist aber ein Unrecht einem Stande, dem Lehrerstande, die Verantwortung allein aufladcn zu wollen, nvn nbv xtwi rrbi "jjtöj? dk rrow ran An Muth und Entschlossenheit soll es uns nicht fehlen. Hand in Hand mit Familie, Staat und Rabbinat und getragen von dem aufrichtigen Wohlwollen dieser, nur so vermag aber die Religionsschule ihre schwere Aufgabe hoffnungsfreudig zu erfüllen. Früher hatte Israels Jugend Zeit, die Religion in allen Beziehungen kennen zu lernen, denn man überlud dieselbe noch nicht mit einem — den meisten Kindern auch jetzt noch entbehrlichen — Wüste von Sachen und Sprachen auf Kosten ihrer leiblichen und geistigen Tüchtigkeit. Alle Zweige des weltlichen Wissens, die man lehrte, waren dem religiösen Unterrichte untergeordnet. Einen besonderen Religionsunterricht gab es noch nicht. Jeder Unterricht war eben Religionsunterricht. Jetzt ist es anders. Die neue Zeit brachte andere Verhältnisse. Israel ist der früheren Abgeschlossenheit entrissen. Es will und darf nicht seinem Nebenmenschen in allgemeiner Bildung nachstehen. Deshalb fing es auch an, sich dem zu entziehen, was ihm allein in seiner Abgeschlossenheit Unterhaltung, Trost und Beruhigung gewährte. Es beschäftigte sich nicht mehr in den: Maße, wie früher, mit der Gesetzesforschung und schlug andere Wege zu einer zeitgemäßen Bildung ein. In den Volksschulen und Lehranstalten vermehrten sich di: Lehrgegenstände. Der Religionsunterricht füllt nun nicht mehr den größten Theil des Tages aus. Er bildet da, wo er obligatorisch ist. unter den Lehrgegenständen ein Hauptfach und spielt dort, wo er facultativ ist, eine Nebenrolle im Schulgetriebe. In Folge dessen kann die jüdische Jugend im allgemeinen nicht mehr durch das 84642764