Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 48 (20.6.1901)
- Date
- 1901-06-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1076 Preten des Gotteswortes. — Wir haben ihnen Glauben zu schenken und vertrauensvoll Folge zu leisten, weil die T h o r a befohlen hat, ihnen zu glauben und ihren Worten Gehör zu verleihen. Wir glauben ihnen und müssen ihnen glauben, ohne uns das Recht zu vindiciren, ihre Entscheidungen zu überprüfen, da wir aus derBibel den Grundsatz haben, in zweifelhaft c n Fällen entscheide die Mehrheit und sobald die Mehrheit einmal entschieden hat, hat der Fall aufgehört, zweifelhaft zu sein. Wir halten auch diejenigen Gebote pm nna» die nicht unmittelbar in der Thora ihre Begründung haben; ferner rr;pm nriTj ihre Vorsichtsmaßregeln, Verordnungen und Einrichtungen, weil die Thora befiehlt, dieselben zu befolgen. Auch darin erblicken wir die Weisheit der Thora, daß sie den Verordnungen der Weisen eine verpflichtende Kraft zuerkennt, denn sonst würde di? Thora in vielen Fällen lückenhaft erscheinen: wir würden z. B. die Vorschriften während der Trauer um verstorbene Eltern und Verwandte vermissen; wir würden auch nicht das Recht (Recht insoferne, weil die Gemeinde zum Beitritt in ihre Gemeinschaft den Einzelnen zwingen kann), eigentlich die Pflicht kennen, daß mehrere Israeliten eine Gemeinde bilden sollen, welches Recht oder welche Pflicht von allen Juden anerkannt wird. So aber wird uns die Liicke erklärlich, — die Thora hat sich eben in vielen Beziehungen auf die Weisen Israels verlassen. Wir befolgen die von unfern Vätern uns überlieferten Gebräuche, ornr: die sie aus welchem Grunde immer, aber zweifelsohne zur Hebung und Befestigung des religiösen Gefühles, zur Förderung der heiligen Religion, der Religion der T h a t angenommen haben; möge dieser Minhag nun positiv als Gebot, oder negativ als Verbot auftreten. Wir beobachten dieselben, weil sie Gelöbnisse td*» nu sind, zu deren Erfüllung wir religiös und moralisch verpflichtet sind. Diese Gesetze, Vorschriften, Vorsichtsmaßregeln, Verordnungen, Einrichtungen und Gebräuche sind, insofern ihre Geltung und Verwirklichung kein eigenes jüdisches Land bedingen, in dem großartigen Werke Schulchan-Aruch niedergelegt und systematisch geordnet. Unter Schulchan-Aruch verstehen wir nicht nur das Werk an sich, das Rabbi Josef Karo unter diesem Namen zusammenaestellt hat, sondern auch die Mappe, Decke, welche Rabbi Mosche Jsserlis swi über diesen Tisch ausgebreitet hat, wie auch die bedeutsamen Kommentare und Glossen, welche diesem Werke erklärend berichtigend und ergänzend beigefügt sind. Wenn wir also Die göttliche Bibel wirklich gewissenhaft halten wollen, so müssen wir consequenterweise aus dem Schulchan-Aruch die Belehrung schöpfen. — Im Vorstehenden haben wir dargelegt, was im Allgemeinen das orthodoxe Judenthum ist und werden im nächsten Abschnitt auch ein Gegenbild, das sog. neologe Judenthum, einer kleinen Prüfung unterziehen und auf seine innere Haltlosigkeit und Gehaltlosigkeit überhaupt Hinweisen. Wir sind aber schon überzeugt, daß derjenige, der mit Ernst die Wahrheit sucht, und nicht mit Gewalt Augen und Ohren verschließt, wie der Prophet spricht (Jes. 6, 10): xr-L" fc p-' iaach daß er mit seinen Augen nicht sehe, mit seinen Ohren nicht höre und sein Herz begreife . daß derjenige, der einen blassen Begriff von Religion überhaupt und vom Judenthum im Besonderen hat, daß also dieser nach dem Vorhergesagten zugeben muß, daß die Orthodoxen, indem sie die Anerkennung des Schulchan-Aruch fordern, nur die Anerkennung der göttlichen Thora, freilich mit allen ihren Eonseauenzen fordern, und er dürfte den Worten eines unserer Heimgegangenen Großen zustimmen: i-nrr d:' n:nö) pbn 'b px ntpe rnna er yyzw nmirz “sre vtz (Ti pre [h"x] rr a^n. Wir wagen hier noch einen Grundsatz auszusprechen. nämlich: wir kennen und anerkennen nur e i n Dogma im Judethume, und dieses lautet: „Gott hat die Thora durch Moses uns gegeben zur Richtschnur fiir alle Verhältnisse des Lebens, sie ist unser Heil." Der Umstand, daß der große Forscher Maimonides, dreizehn Glaubensartikel aufstellte, welche wir auch täglich in der Jigdal-Hymne wiederholen, widerlegt unsere Thora nicht. Denn man braucht keinen besonders großen Scharfsinn dazu, um sämmtliche Glaubensartikel auf diesen einen, den wir erwähnten, zurückführen zu können. Von den ersten fünf Dogmen, die von Gott handeln und von den darauffolgenden vier, dw von der Thora und von der Prophetie sprechen, dies näher zu motiviren, ist ganz überflüssig. Zum Tbeil müssen sie von der Thora vorausgesetzt werden, zum Theil sind sie in der Thora ausdrücklich enthalten. Ebenso ist es selbstredend, wenn Gott uns die Thora gegeben, so wird Er wohl für die Erfüllung ihrer Gebote Belohnung, wie auch für die Leiden, die wir durch Beobachtung ihrer Satzungen erdulden, Ersatz bieten. Ueberbaupt, da die Lehre von Lohn und Strafe in der Thora enthalten ist. so ist es schon ein Postulat der Thora, an dieselbe zu glauben. Hiermit haben wir auch den elften und zwölften Glaubensartikel. Das letzte Dogma, nämlich die Lehre von der Auferstehung, findet der Talmud auch in der Thora angedeutet. lS. pvn:c yy ’2t). „Das einzige, aber feste Band also, das nach echtjüdischer Auffassung die Juden glaubensbrüderlich einigen sollte, ist der Glaube an die Göttlichkeit der Thora mit allen Eonsequenzen, die aus diesem Glauben fließen."