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Der Israelit · 1901-06-20 · Heft 48 (20.6.1901) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 48 (20.6.1901)
Date
1901-06-20
Page
– (sequence 17)
Language
German
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41 Jahrgang. Zweite Aeilage zu M 48 des „Israelit". Leit endet Artikel. Das orthodoxe 3u5entl)um. Von Will). Löwy in Sarbogard, Ungarn.*) II. Was ist das orthodoxe Judenthum? Diese Frage scheint unrichtig aufgeworfen zu sein und kann schlechthin gar nicht beantwortet werden. Denn wenn wir von einem orthodoxen Judenthum sprechen, geben wir ja stillschweigend zu, daß es noch ein Judenthum gebe, das nicht orthodox sei. Wenn wir nun, wie es gar nicht anders denkbar, unter Judenthum d i e Religion verstehen, die uns von Gott am Berge Sinai geofsenbart wurde und zu der uns eine vierzigjährige Wanderung in der Wüste und ein dreitausendjähriges Martyrium hätte erziehen sollen, so ist es geradezu Blödsinn, von mehr als einem Judenthum zu sprechen, denn es ist doch gewiß und zweifellos, daß Gott uns nn.r ein Judenthum geofsenbart hat, das für die Neuzeit ebenso wie für das Mittelalter und Alterthum, das für „Moderne" ebenso wie für „Altmodische" verpflichtend sein sollte. Allein wenn wir mit tiefster Vetrübniß und unsäglichem Schmerze sehen müssen, daß ein Machwerk für Judenthum ausgegeben und angenommen wird, »voran unsere Väter sicherlich nicht geglaubt hatten; >venn ein Machwerk — Judenthum genannt wird, das nicht einmal den Namen „Positive Religion" verdient, dann hat wohl die Frage eine Berechtigung, was ist unser, das heißt der Orthodoxen Judenthum, oder was ist das orthodoxe Judenthum? Darin dürften alle Parteien innerhalb der Judenheit, die Karaiten inbegriffen, einig sein, daß die heil. Thora oder die Bibel die Religonsquelle des Judenthums ist. Nur wird zwischen Talmudjuden, Pharisäer — c'vr.Ei — und Karaiten unterschieden, indem erstere neben der Thora noch eine Religionsquelle, nämlich den Talmud haben, während letztere sich nur auf die Tbora beschränken. Entgegen dieser Unterscheidung erklären wir ausdrücklich und feierlichst, daß auch wir nur eine Religionsquelle kennen, nämlich die Bibel, und wir fürchten hierfür keine Verketzerung von talmudgläubiger Seite; im Gegentheil, wir glauben der bereitwilligsten Zustimmung aller Talmudjnden und Orthodoxen sicher zu sein. *) Fortsetzung aus Nummer 39. „Wir glauben ausschließlich nur an die Bibel und wir anerkennen ausschließlich und nur allein die Bibel als Richtschnur für unseren irdischen Lebensgang." Wie können wir aber dessen gewiß sein, daß wir die Bibel richtig verstanden haben? Ist es ja zur Genüge bekannt, daß die Bibel auf sehr verschiedene Weise erklärt und ausgeleat werden kann und somit ist die Möglichkeit gegeben, daß wir glauben, dem göttlichen Willen, wie er in der Thora ausgezeichnet ist, entsprochen zu haben, während wir in Wirklichkeit nur unserer Laune nachgekommen sind. Auch ist es doch klar, daß wenn wir die Thora etwa so halten wollten, wie sie etwa z. B. Philivpson interpretirt hat, wir nach Gräß' Auffassung — Ketzer sind, und zwar mit Fug und Recht, denn seine „sprachliche und sachliche" Forschung hat zu anderen Resultaten geführt. Die absolut richtige, wahrheitsgetreue Erklärung der heiligen Schrift kann also nur die sein, die uns Gott selbst geofsenbart hat und die uns von Geschlecht zu Geschlecht durch mündliche Ueberlieferung erhalten blieb, bis sie endlich durch das Bedürfniß der Zeit in dem Talmud ausgezeichnet wurde. Könnten wir doch die Bibel in ihrer ursprünglichen Gestalt, ohne Vokale und ohne Interpunktion, ohne die Ueberlieferung nicht einmal lesen.* (In Parenthese möchten wir hier nur darauf Hinweisen, daß wir in Tr. Sabbath 31 a die Richtigkeit unserer Auffassung, die wir freilich für selbstverständlich halten, bestätigt finden. ,22b L" rrmr na-;b -es 'sar? rras» nrx nnaya rtryo ansap b ias;nc bjnir n-nm eroat? ,n-iin ,dw ib -as mn -pasa ’is Ans die Frage des Heiden, der zum Judenthum übertreten wollte, wie viele Lehren habt ihr?, antwortete Schummai unpräcis: zwei; nämlich die schriftliche und mündliche Lehre; was den Heiden zu der logischen Conseauenz führte, daß er nur eine annehmen möchte. Dieser Jrrthum wurde jedoch von Hillel geistreich berichtigt.) „Wir glauben also an die Thora, wie sie durch Moses aus Gottes Befehl ausgezeichnet wurde und durch die mündliche Lehre — nc HTrn — interpretirt ist." Wir halten und beobachten aber auch die Gesetze und Vorschriften — mr^n — die unsere Talmudweisen nach den göttlichen Deutungsregeln aus den Worten und Sätzen der Thora abgeleitet haben. Standen sie doch überhaupt der großen, denkwürdigen Stunde, in der die Thora geofsenbart wurde, viel näher als wir, und find demnach die zuverlässigsten Jnter- *) Merkwürdig, daß das Ehristenthuni, daS anfänglich nur gegen die mündliche Lehre und deren Vertreter gerichtet war, später sich veranlaßt sah, das ganze Eeremonialgesetz aufzugeben, da es letzeres ohne die erstere nicht halten konnte.

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