Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 48 (20.6.1901)
- Date
- 1901-06-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1060 V I 1 nichts durch die Thatsache, daß es nicht an Versuchen fehlt, uns Juden in diesen Kampf zu zerren. Es ist dies katbvlicherseits wiederholt geschehen, indem man für die Aeußerungen demokratischer, und freisinniger Zeitungen, wie z. B. die „Frankfurter Zeitung" u. a., die Juden verantwortlich macht. Aus den uns vorliegenden Flugschriften greifen wir eine Rede heraus, die Herr Rikola Racke aus Mainz am 12. Mai in einer Volksversammlung zu Dortmund gehalten hat. Der Redner rechnete hier mit den zahlreichen Bekämpfern des Katholizismus in einer Weise ab, aus der in jedem Wort die Entrüstung nachzittert, die emen in seinen heiligsten Empfindungen verletzten Mann erfüllt und die deßhalb auch aus den nichtbetheiligten Leser von wirkungsvollem Eindruck ist. Unter anderem wird dabei eine kürzlich erfolgte Veröffentlichung der „Monita secreta", die geheimen Instruktionen der Jesuiten" und ihre Besprechung in der „Frankfurter Zeitung" erwähnt. Das genannte Blatt hat in einer Rencenston zwar konstatirt, daß die Schrift eine Fälschung oder Satyre ist, aber daran folgende Bemerkung geknüpft: ..Immerhin kann auch eine Satyre Wahrheiten enthalten, wenn auch verzerrt, und so wird der Leser in den „Monita secreta" neben den offenbar übertriebenen oder geradezu unmöglichen Vorschriften auch solche finden. denen das tatsächliche Verhalten des Ordens und seiner Mitglieder genau entspricht. Das ist auch der Grund, warum die Fälschung ein so zähes Leben hat." Dazu bemerkt nun Herr Racke: „Ich möchte der katholischen Presse rathen, sich diese demokratische Methode historischer Kritik genau zu merken kür den Fall, daß nächstens wieder einmal die Sprache auf die „Ritualmorde" der Juden oder auf den Talmud kommt. „Der Glaube weiter Volkskreise" an die jüdischen „Ritualmorde" oder die „Monita secreta" des Talmud ist unter allen Umständen viel älteren Datums, viel weiter verbreitet und fristet ein zehnmal zäheres Leben, als die künstlich genährte, von gewissenlosen Skribenten a la Hochstätter, trotz der feststehenden Ergebnisse exakter Forschung, immer wieder von neuem in frivoler Weife hervorgerufene Gespensterfurcht abergläubiger und unwissender protestantischer Wadenstrümpfler, die sich einen Jesuiten ohne Pferdefuß gar nicht vorstellen können. Ergo muß es nach der Logik des Frankfurter Orakels mit dem jüdischen „Ritualmord" und dem Talmud doch seine Richtigkeit haben — Wir bedauern diesen Rath, den Herr Racke der katholischen Prelle hier ertheilt, nicht nur in unserem Jnterelle, sondern auch in dem des Redners, und hoffen zuversichtlich, daß der gestnnungstüchtige Theil derselben ihn nicht befolgen wird. So sehr uns jede taktlose Kritik der religiösen Interna Andersgläubiger in tiefster Seele zuwider ist, so hart und entschieden wir sie auch verurtheilen, gehe sie aus, von wem auch immer, so können wir doch nicht umhin, das Gebühren ebenso rückhaltlos zu verurtheilen, das einen solchen Anlaß ausschlachtet, um für die Sünden liberaler Blätter Juden und Judenthum büßen zu lassen. Diese Zeitungen werden nicht von Juden und für Juden redigirt, ihre verantwortlichen Redakteure sind in der großen Mehrzahl Christen, die ihre Blätter für christliche, jüdische, konfessions- und religionslose Leser schreiben. Spezifisch jüdische Blätter sind ausschließlich diejenigen, welche von Juden für Juden hmausgegebcn werden, wie z. B. der „Israelit" und andere. Entscheide aber die Religion des Verlegers wirklich über den religiösen Charakter des in seinem Verlag erscheinenden Blattes, dann wäre z. B. auch der „Israelit", der lange Jahre im Verlag eines christlichen Verlegers erschien, ein christliches Blatt! Man sieht, zu welcher Absurdität Abgeschmacktheiten dieser Art führen. Rehmen wir aber einmal an, es habe wirklich eine jüdische Hand diese Taktlosigkeit niedergeschrieben, hätte man selbst dann ein Recht, solche Repressalien zu ergreifen. Dürfen wir Juden nicht ebensogut unseren Pöbel haben, als die Bekenner anderer Religionen? Ist es je einem Juden eingefallen, das Christenthum für die Rohheit und Schlechtigkeit verantwortlich zu machen, welche in einer eigens zur Beschimpfung der Juden gegründeten Presse, gewissenlose Skribler tagtäglich an den Bekennern des Judenthums verüben? Wir wissen, daß diese Verleumder und Ehrabschneider nicht christlich, sondern unchristlich handeln, wenn sie für feilen Sold, Haß uno Zwietracht Zwischen den Angehörigen eines und desselben Staates säen. Wir wissen, daß diese Elenden nicht auf Grund ihres Christenthums ihre Schlechtigkeiten begehen, daß sie die Moral, die Tugenden und die offenkundigen Vorschriften des Christenthums mit Füßen treten müssen, um ihr schmachvolles Gewerbe der Verhetzung und Vergiftung der Geister und Gemüther ausüben Zu können. Genau dasselbe ist bei dem Juden der Fall, der das, was seinen christlichen Mitbürgern heilig ist, in den Koth zieht, um es dem Gelächter und Gesvötte preiszugeben. Cr begeht diese Schlechtigkeit nicht, weil er Jude ist, sondern trotzdem er Jude ist. In den meisten Fällen ist er nicht einmal in Wirklichkeit Jude, wenn er dem Judenthum auch durch Geburt, Abstammung und die Form seiner Rase angehört. Er ist ein moderner Heide, eine Spezies, die leider heute unter Juden und Christen in bedauerlicher Weise reichlich vertreten ist. An diesen einfachen Wahrheiten, welche den wirklich Gebildeten unter Juden und Christen alle Zeit als Richtschnur ihres Denkens und Handelns dienten, sollten wir auch in dieser bewegten Zeit festhakten. Vor allen Dingen sollten sie Denjenigen als unverletzlich gelten, welche durch ihr Wort die Erbitterung der