Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 48 (20.6.1901)
- Date
- 1901-06-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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M 48. Der Israelit. Ein Kenlrat-Hrgan für das orthodoxe IudenIHum. Begründet von . »r, in Hains* L Donnerstag, den 20. Juni 566Jr(l&01). Da mit dem 1. Juli 1901 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir unS, die geehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. In der Postzeitungsliste pro 1901 eingetragen unter Nr. 3702. Neu eintretende Abonnenten (Postabonnenten gegen Vorlage der Postquittung) erhalten das Blatt bis Ende dieses Monats gratis. __ Leitender Artikel. Sit '' ' BkNWiiz «»!> iit Mi>. Mainz, 19. Juni. Es macht sich seit einiger Zeit eine starke, tiefgehende Bewegung gegen den Katholizismus und seine Bekenner geltend, die an und für sich für uns Juden nicht von unmittelbarem Interesse ist. Aber sie wird von Erscheinungen begleitet, die auch uns nahe gehen und uns nöthigen, über unsere Stellung dazu keine Unklarheit aufkommen zu lasten. Wir brauchen die einzelnen Phasen dieses Kampfes hier nicht eingehend zu erörtern. Es hat mit der Unabhängigkeit Italiens begonnen, dem dann die Niederlage des katholischen Frankreichs folgte. Daran schloß sich der sog. „Kulturkampf" in Deutschland, und beute erstreckt sich der Kampf gegen die katholische Kirche sogar auf Oesterreich, in besten Landen sich eine Bewegung vollzieht, die ßch von Rom lossagen will und selbst in Spanien erheben sich die Masten, um das Regiment der katholischen Kirche abzuwerfen. Mer aus diesen den Katholizismus von allen Seiten umtosenden Kämpfen seine Erschütterung oder gar seinen Niedergang in absehbarer Zeit folgern wollte, würde nicht viel historische Erfahrung bekunden. Die letztere lehrt, daß die kath. Kirche immer in demselben Maße an Kraft gewonnen, wie sie an Macht verlor. Sie hat denn auch in diesen Tagen den Fehde-Handschuh ausgenommen, der ihr von allen Seiten hingeworfen wurde und kämpft in diesem Augenblick einen erbitterten Kampf, der für uns Juden ungemein viel Lehrreiches bietet. Wenn wir die maßlose Entfestelung aller Leidenschaften hüben und drüben gewahren, die Verkennung alles Guten und Wahren an dem Gegner, wie sich Katholiken und Protestanten in fast unglaublicher Gebästigkeit bekämpfen, so lehrt uns dieser häßliche Kampf, unsere eigene kritische Lage milder als sonst beurtheilen. Wenn uns sonst der Wahn und das Vorurtheil schmerzlich berührt, welche man uns Juden christlicherseits so vielfach entgegenbringt, trotzdem unsere Bekenntnißschrist und das aus ihnen sich gestaltende jüdische Pflichtleben vor aller Welt seit Jahrtausenden offen da liegen, obwohl die Grundlage dieser Bekenntuißschriften, die Bibel, ein Juden und Christen gleich theures Hciligthum ist, so mag uns angesichts dieser widrigen Kämpfe, die Christen gegen Christen kämpfen, wohl der Gedanke trösten: Wie sollen wir eine gerechte Würdigung von Juden und Judenthum seitens unserer christlichen Brüder erwarten dürfen, wenn sie in der Erbitterung des Streites gegen sich selber die Rücksichtslosigkeit in noch höherem Grade walten lasten, als gegen uns Juden. Wir Juden haben in keinem dreißigjährigen Kriege den Gegensatz ausgekämvft, der uns von unseren nichtjüdischen Mitbürgern auf religiösem Gebiete scheidet, wir haben keine Augsburgische Konvention zu unserem Schutze; wenn wir von der Lieblosigkeit so mancher christlichen Kreise zu leiden haben, so haben wir kein Recht, uns darüber zu beklagen, so lange wir sehen, daß Katholiken und Protestanten sich in Wirklichkeit viel verbitterter und gehästiger, als beide zusammen uns Juden gegenüberstehen. Dieser Trost, der aus dem wüsten Lärm der christlichen Religion? kämpfe uns entgegen klingt, verliert