Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 47 (17.6.1901)
- Date
- 1901-06-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449191--53570-2504243- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1052 kurzerhand Vor die Thür zu setzen, vertrat lebhaft nur ein Redner, Herr Prof. Dr. Geiger, dessen eindrucksvollen Worten es wohl nicht zu allerletzt zu danken ist, daß der Vorstandsantrag abgelehnt und eine neue Kommission mit erweiterter Vollmacht zur Eruirung eines Bauplatzes für die Schule gewählt wurde. Damit dürfte die Frage, insoweit sie die Veth-Hamidrasch- Mitglieder angeht, für absehbare Zeit wohl in deren Sinngelöst sein. Hannover. Unter der Leitung des Herrn Senator Fischer sind von den Freunden des verstorbenen Isaak Hirsch 18,000 Mk. zu einer sog. „Hirschstiftung" gespendet worden. Diese 18,000 Mk. sind dem jüdischen Krankenhause mit der Bedingung überwiesen worden, daß m demselben ein besonderer Saal, über dessen Eingang die Inschrift „Hirschstiftung" angebracht wird, für arme und kranke Kinder eingerichtet werden soll, die unentgeltlich dort Pflege und Heilung finden können. Flatow. Der Ostgau des antisemitischen Deutschen Turnerbundes hat in den Pfingsttagen unser Städtchen mit seiner Gegenwart beehrt und die Enthüllung eines Denkmals mitgefeiert, für das Prinz Leopold den Grund und Boden zur Verfügung gestellt hatte. Auf der Empfangskneipe, der ein Amtsrichter prässdirte, hatte „Turngenosse" Wilhelm Bruhn eine schwungvolle Rede gehalten, worin er zur rücksichtslosen Bekämpfung des Judenthums, „das in der preußischen Ostmark am frechsten sein Haupt erhebe," anseuerte. Derartige Hetzreden hielten den Landrath des Kreises, Herrn von Massenbach, nicht ab, am folgenden Tage, bei der Fortsetzung der Empfangskneipe, einen Toast auszubringen. Der Bürgermeister von Flatow hatte die Einladung dankend abgelehnt mit der Begründung, daß er an der Festlichkeit eines Vereins, der den Juden gegenüber eine feindliche Haltung einnehme, nicht theilnehmen könne. Ttolp i. P m Juni. Am 21. Mai fand dahier die feierliche Grundsteinlegung der neuen Synagoge bei strahlendem Frühlingswetter statt. Die Errichtung derselben war zur zwingenden Nothwendigkeit geworden, oa der bisherige Tempel für die Zahl der Besucher nicht mehr ausreichte. Die Feier wurde mit einer ausdrucksvollen Ansprache des Herrn Rabbiner Dr. Kali s ch e r eröffnet. O e st e r r. - U n g. Monarchie. Wien, im Juni. (K r i m i n a l st a t i st i k in O e st e r r e i ch.) Im Wiener Landesgericht in Strafsachen, im sog. Kriminal, hat der Zählungsbogen der am 31. Dezember 1900 daselbst befindlichen Jnhaftirten das Resultat ergeben, daß 1160 Häftlinge anwesend waren. Rach der Konfession 991 Katholiken, 108 Protestanten und 23 Juden. Die Juden betragen demnach ganz genau zwei Prozent der Häftlinge, während der Prozentsatz der Juden in Wien über neun Prozent und der Juden in Oesterreich nahezu sechs Prozent beträgt, daher den Juden mit Rücksicht auf Wien 80 und mit Rücksicht auf ganz Oesterreich 46 Ziffern zugute konimen. Als Pendant sei eine weitere interessante statistische Notiz erwähnt, die wir der „Oesterr. Wochenschr." entnehmen. Von den 132 in Wien unschuldig Jnhaftirten waren 13 Juden, demnach neun Prozent. Zu den unschuldig Verhafteten, die nachher als schuldlos aus der Haft entlassen werden, stellen die Juden einen viel höheren Prozentsatz. Es gilt als eine Art Objektivität, gegen angeschuldigte Juden sofort mit aller Strenge vorzugehen. Von diesem Gesichtspunkte aus besitzen die angeführten Daten soziologisch eine besondere Bedeutung. Aus guter Quelle verlautet, daß der statistische Bericht des Justizministeriums über die Kriminalität in Oesterreich nach wie vor einen verhältnißmäßig namhaften Riickgang der Kriminalverbrechen unter den Juden aukweisen wird. Dieser Rückgang, bemerkt das obengenannte Organ hierzu, vollzieht sich in der Aera des Antisemitismus, demnach während der letzten drei Jahrzehnte allmählich und kontinuirlich, während der Prozentsatz der Verurtheilungen bei den Ariern fortwährend steigt. Diese Erscheinung liegt auch in der Natur der Sache. Die Juden leben unter besonderer Zucht. Die Bedrängnisse, unter welchen sie dulden, stählen gewissermaßen ihren Charakter. Ganz anders verhält es sich bei den Antisemiten. Die agitatorische Hetze übt eine demoralisirende Wirkung auf die christliche Bevölkerung und gerade die ärmeren Schichten des Mittelstandes werden zur Unmäßigkeit, Völlerei und Müßiggang verleitet. Die. Folgen treten auch mit einer Klarheit, die nichts zu wünschen übrig läßt, an die Oeffentlichkeit. Wien. Der Kreisturntag des 16. Kreises der deutschen Turnerschaft hat den Antrag, daß fortan nur „Deutsche arischer Abstammung" als Mitglieder in die Verbandsvereine ausgenommen werden dürfen, daß Juden also aus allen Turnvereinen des 16. Kreises ausgeschlossen sein sollen, mit 120 gegen 16 Stimmen angenommen. Die jüdischen Vereine geben eine Erklärung ab. daß sie den Beschluß als nicht rechtsverbindlich anschen, so lange die Leitung der deutschen Turnerschaft sich nicht geäußert habe. — Für den Dr. Lueger ist jetzt eine arge Zeit gekommen; er, der sich so gerne reden hört, ist nicht im Stande, im Abgeordnetenhause eine Rede vom Stapel zu lassen. Die Schönerianer haben jüngst die Scenen wiederholt, mit denen die Christlich-Sozialen in früheren Tagen die Liberalen an ihren Ausführungen hinderten. Budapest. Nach einem langen, rastloser künstlerischer Arbeit gewidmeten Leben, ist der Nestor der ungarischen Bildhauer, der Schöpfer des Szecheniy- Denkmals, Joseph Engel, gestorben. Er erreichte das hohe Alter von sechsundachtzig Jahren und erst im letz-