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Der Israelit · 1901-06-17 · Heft 47 (17.6.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 47 (17.6.1901)
Date
1901-06-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1049 Also — o. entsetzlicher Willkommengruß der Heimath — der Vater tobt! — Da begann der Vorbeter mit lauter Stimme das« festtägliche „Borchu" und Alles erhob sich, um freudig in die fromme Aufforderung zum Preise des Höchsten einzustimmen. Nur da hinten auf der letzten Bank saß ein Armer, ein Aermster im bestaubten Gewände, tief hinabgebeugt, das Haupt in die Hand gestützt, und sein Mund zuckte und aus seinen Augen strömten heiße, heiße Thränen, und aus dem Festgcsange, der ihn umtönte, drangen in sein Bewußtsein nur die zwei Worte, die furchtbarsten, die es für den Menschen geben kann: „Zu spät!" Der letzte Kaddisch war gesprochen, ein fröhlicher Jigdal gesungen, und Alles schickte sich an, unter herzlichen „Gut Joules-Grüßen das Gotteshaus zu verlassen. Simon Wahl hatte während des ganzen Gottesdienstes wie vernichtet auf seinem Platze gesessen. Jetzt ging er schnell hinaus und war eben im Begriff, draußen seine Habseligkeiten wieder aufzunehmen, als einer der Sunagogenbesucher freundlich auf ihn zukam: „Kommen Sie mit mir zum Essen!" Auf eine solebc Aufforderung war Simon Wahl nicht gefaßt. Essen war in diesem Augenblick seine geringste Sorge, obwohl er bei seiner kleinen Vaarschaft heute noch nicht viel zu sich genommen hatte. Aber die schreckliche Botschaft, die ihm eben im Gotteshaus so still und doch so furchtbar in die Seele tönte, sie hatte jetzt von seinem ganzen Wesen Besitz ergriffen. Er war so verwirrt, daß er im ersten Moment den Herrn, der ihn da so freundlich einlud, sprachlos anstarrte. Erst als diese»- in dem Glauben, er sei nicht verstanden worden, seine Aufforderung wiederholte, entgegnete Simon Wahl leise: „Wenn Sie erlauben, bin ich so frei!" Schließlich war es auch wirtlich das Beste. Oder sollte er setzt, mit dem furchtbaren Bewußtsein in der Seele, eine Herberge oder einen billigen Gasthof aufsuchen? Dorten sich in Einsamkeit abmartern mit den tausend guälenden Gedanken, die jetzt gleich glühenden Kohlen sein Inneres verzehrten? Nein, besser war es wirklich, unter Menschen zu bleiben. Und unter solchen Menschen! — Wie würde es beruhigend auf seine Seele wirken, wenn er nach so langer, langer Zeit wieder einmal den unvergleichlichen Frieden eines jüdischen Festabends einathmete! Ja, er lechzte förnilich darnach! Der beseligende Hauch jüdischen Lebens hatte den längst Entfremdeten wieder leise berührt und wie mit Zaubermacht eine tieie Sebnsucht nach den alten Heiligtümern in keiner Seele auferweckt. Und dann: Vor allen Dingen fand er wohl Gelegenheit, Näheres über seinen Vater zu hören. Vorläufig wußte er nichts, als die Thatsache, daß er nicht mehr unter den Lebenden weilte. Aber seit wann war der Vater tobt? Wie hatte er gelebt? Wie war er gestorben? Wo war Tante Gutta, die ihm nach der Mutter Tode den Haushalt führte 2 Was war aus dem Häuschen des Vaters geworden? An all' das dachte Simon Wahl, als er neben seinem freundlichen Gastgeber die Gasse hinunterichritt. Aber auch von dem, was seine Augen sahen, war er in Anspruch genommen. Im Zwielicht der Straßenlaterne erkannte er tausend Kleinigkeiten der Heimath wieder: fast wie lebende Wesen begrüßte er sie: dort den Eckstein an dem kleinen, grünen Hause, hier den Brunnen mit der schweren, eisernen Kugel an der Pumpstange, und wie eben die llhr des Kirchthurmes schlug, tönte ihm der Klang in die Ohren wie ein Märchen aus alten Zeiten. Und jetzt — jetzt bogen sie in die Gaffe an der katholischen Kirche ein und — o, wie ihn das Schicksal führte — gingen gerade auf das schmale Häuschen zu, welches schon seit Jahren sein Sehnsuch'tsziel war — sein Vaterhaus! Er befand sich also nun in den Händen dieses Mannes, der ihn zu sich geladen, — in fremden Händen! Mit welchen Gefühlen trat Simon Wohl hinein! Wie er die paar Sieinstufen hinaufstieg und dann gleich rechts hinter seinem Gastgeber in die festlich erleuchtete Stube trat, von der Hausfrau mit einem freundlichen Gruße empfangen, und den sauber gedeckten Tisch gewahrte, mit den bunten Feldblumenfträußen darauf — da auoll es ihm heiß zu Herzen, und er mußte mit Gewalt an sich halten, um nicht in Thränen auszubrechen! Das war ja Alles wie in alter Zeit; die Stube, der Tisch, die Lichter, ja, er glaubte, wie durch einen Schleier die verklärten Gestalten von Vater und Mutter neben sich zu sehen. Sein gedrücktes und doch auch erregtes Wesen schien feinen Gastgebern nicht zu entgehen. Denn als man sich gewaschen hatte und bei Tische saß, und Simon Wahl manchmal minutenlang die Augen geschloffen hielt, weil ihn die Bilder der Erinnerung überwältigten, fragte ihn der Hausherr: „Der Weg hat Euch wohl sehr müde gemacht?" „Müde? Nein!" erwiederte Simon Wahl kurz. „Nun, ich meine nur, weil Euch fast die Augen zusallen!," fuhr der Hausherr fort. Simon Wahl erschrak. Er mußte sich mehr zusammennehmen hier in dem — fremden Hause. „Das — das ist." stammelte er verlegen, „so eine Gewohnheit von mir!" „Woher kommt Ihr heute schon?" Simon Wahl nannte den Namen einer Stadt, die etwa zwanzig Kilometer entfernt lag. „Nun, da dürftet Ihr auch müde sein! Warum benützt Ihr nicht die Bahn?" „Lieber Herr, dazu reicht mir's nicht!" „Wart Ihr schon einmal hier?" „O ja!" gab Simon Wahl zurück. , vor langen Jahren, und damals —" wie ein Blitz kam ihm der Ge-

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