Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 47 (17.6.1901)
- Date
- 1901-06-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1045 jeden Einfluß auf die religiöse Haltung, sondern sogar jeden Versuch dazu und vermeidet selbst jeden Ausdruck, der eine Deutung in diesem Sinne fähig ist. Und damit glaubt man den Orthodoxen, oder wie es in Berlin heißt, den Konservativen, eine Konzeffion oder doch eine zarte Rücksicht erwiesen zu haben! Run verlangen aber in Wirklichkeit die Orthodoxen gerade das Gegentbeil. Sie gestatten nicht nur einen Einfluß auf die religiöse Haltung, sondern sie erachten ihn für ganz unerläßlich, freilich verlangen sie keine Beeinfluffung zu Gunsten der Religion, wie es diejenige ist, zu der sich das Gros der Herren am Vorstandstische bekennt, sondern eine solche, die geeignet ist, die konservative Richtung im Orient zu erhalten, zu stärken und in jeder Weise zu fördern. Sie wollen dasselbe sogar im Occident und können daher nicht mitrathen und mitthateu in einem Verein, desien Vorstand erklärt, daß bei ihm jede religiöse Beeinflussung ausgeschloffen ist. Aus diesem Dilemma kommt man nicht heraus und kein guter Wille ist stark genug, um hier ohne Verleugnung unantastbarer Lebensprinzipien einen friedlichen Ausgleich zu finden. Diesem Umstand und ihm allein ist es zuzuschreiben, daß die Pariser „Alliance" in Deutschland sich so wenig thätiger Sympathie erfreut. Ihre Devise beißt: v'-Qn vxie" bz, die jüdische Wahrheit dagegen lautete brriL" bz D'i2i In dieser veränderten Wortstellung spricht sich der tiefe Gegensatz zweier grundverschiedener Anschauungen in seiner ganzen Schärfe aus. Der verhängnißvolle moderne Jrrthum glaubt, durch äußere Alliancen, Verbindungen und Vereinigungen könnten die zerstreuten Glieder des Hauses Israel .zusammengeführt und zusammengehalten werden, auch wenn im Herzen der Zwiespalt lebt und die gleiche Gesinnung fehlt. Ihm ist es daher in erster Linie darum zu thun, diese äußere scheinbare Einheit herzustellen und gibt sich dann gerne der Täuschung hin, wenn aus den Einzelnen erst eine solche äußere Gesammtheit geschaffen sei, so mache es sich hinterher ganz von selbst, daß die so verbundenen dann auch GesinnungSgenoffen 2'i2n werden. Rach der alten, ernsten, jüdischen Wahrheit gibt es dagegen ohne vorherige Gemeinschaft der Gesinnung keine dauernde Verbindung. Die Einzelnen müffen erst Gesinnungsgenossen, aisn Gesinnungsgenoffen sein, wenn sie sich zu einer einheitlichen Gesammtheit zu bz ‘ijnir vereinigen sollen. Das einzige natürliche Band, das uns Alle unauflöslich verbindet, ist die religiöse Beeinfluffung durch rrnn und rrsro die der neue Berliner Verein ausschließen zu wollen vorgibt. Deßhalb kann ihm kein aesetzestreuer Jude beitreten. NIUI '"2-1 2N'Z'2 ,".w s'2L"!'L> 12X |‘wn p '21 .22'' >6 2"2d 2LN22: "OSiK’ 2812 1* '1,1 Zertimgsnachrichten und ^Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, im Juni. Die unter dem Protektorat der Kaiserin Friedrich stehenden Baruch Auerbach'schen Waisenerziehungsanstalten bieten nach ihrem eben erschienenen 68. Jahresbericht in ihrem neuen Heim an der Schönhauser Allee einer um die Hälfte des bisherigen Bestandes erhöhten Zahl von Zöglingen Raum; doch reichen die Einnahmen zu einer wesentlichen Erweiterung der ganz aus eigenen Mitteln unterhaltenen Anstalten noch nicht aus, so daß im Ganzen nur erst fünf neue Zöglingsstellen geschaffen werden konnten. Am Schluß des Berichtsjahres zählte das Knabenwaisenhaus 53, das Mädchenwaisenhaus 29 Zöglinge, die den Unterricht größtentheils in höheren Schulen genoffen. Besonders begabte Knaben bleiben bis zur Abgangsprüfung, die Mädchen in der Regel bis zur erlangten Erwersfähigkeit im Hause. Der weit reichenden Fürsorge für die entlassenen Zöglinge, welche besonders wirksam bei ihrer Sestständigmachung oder Verheirathung eintritt, dient eine größere Anzahl von besonders verwalteten Stiftungen, die für die unmittelbaren Anstaltszwecke unantastbar bleiben. Für die Bestreitung ihrer Bedürfnisse, die einschließlich Gottesdienst, Bureau. Renten, Stipendien u. a. Zuschüsse 73,000 Mark betragen haben, davon zur Verpflegung 17,739 Mark, d. h. für den Kopf und Tag etwa 49 Pfennig, sind die Anstalten auf die Zinsen ihres Vermögens im Betrage von rund 47,500 Mark und 9300 Mark Jahresbeiträge und auf sonstige Zuwendungen ihrer Freunde und Gönner angewiesen. Hamburg. (Sardinen.) In dem neuesten Heft der rabbinischen Wochenschrift „Hapeles" berichtet der Herausgeber, Herr Rabbiner Rabbinowitsch in Pultawa, er habe bei seinem jüngsten Aufenthalte in Frankfurt a. M. von Herrn Dr. Israel Roos gehört, daß gewissenhafte Iehudim in Deutschland sich den Genuß von Sardinen versagen. Da in Rußland die Sardinen allgemein auch von den Allerfrömmsten unbeanstandet genossen werden, glaubte Herr Rabbiner R. den vorgebrachten Bedenken, welche das Oel, in dem die Sardinen liegen, betreffen, nicht die Bedeutung zuerkennen zu sollen, die ein allgemeines Verbot rechtfertigen würde. Run erzählte ihm ein Großkaufmann, Herr Jsak Lechz in Pultawa, daß er seit Jahren keine Sardinen genieß-. Als Grund gibt er an, er habe vor vielen Jahren einmal eine große Bestellung von Sardinen bei der bekannten Firma Philipp Kano in Marseille aufgegeben. Der Firmeninhaber fragte ihn darauf in einem Briefe, den Herr Lechz heute noch besitzt, an, wie er die Sardinen eingemacht wünsche, ob in „Oel, Butler oder in Fett, aus Gehirn von Katzen hergestellt?"