Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 47 (17.6.1901)
- Date
- 1901-06-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1044 gehen. Sie behandelt auch eingehend das Verhältniß des neuen Vereins zur Pariser „Alliance Jsraelite." Aus den hierhergehörigen Ausführungen dürsten folgende Sätze von Interesse sein: „(*§ ist bekannt, daß auch nach anderer Richtung hin Beschwerden gegen die „Alliance" vorliegen, und besonvers wir, von dem Standpunkte des konservativen Judenthums, haben Gründe genug, uns über den irreligiösen Einfluß zu beklagen, welchen die Vertreter der „Alliance" auf die Juden des Orients ausüben. Was soll man dazu sagen, wenn ein leitendes Mitglied der „Alliance," Herr Salomon Reinach, öffentlich in den Zeitungen erklärt, daß den Juden Osteuropas nur dann wirklich zu helfen ist, wenn ste sich bereit finden lasten, die Gebote unserer Religon, welche sie jetzt so sorgfältig und treu beobachten, in Zukunft außer acht zu lasten. Es soll also angeblich nur dann möglich sein zu helfen, wenn der Sabbat entheiligt und die Speiseaesetze übertreten werden. Wenn ein solcher Standpunkt bei den leitenden Persönlichkeiten der „Alliance" herrscht, darf man sich nicht wundern, wenn auch die Lehrer und Beamten derselben im Orient ihr Amt in gleicher Weise ausüben." Wir hören von diesen Aeußerungen des Herrn Reinach in Paris durch unseren Berliner Correspondenten hier zum ersten Male und müssen ihm die Verantwortlichkeit dafür überlassen. So betrübend diese Gesinnung auch ist, so sicher steht es leider fest, daß unser geehrter Berichterstatter nicht erst in die Ferne zu schweifen braucht, um auf solche destruktive Anschauungen zu stoßen. Sie sind in seiner nächsten Nähe zu finden, ohne daß man erst danach suchen muß. Aber man plaudert in Berlin diese seineHerzensmeinung nicht so treuherzig in Zeitungen aus, wie es die Gesinnungsgenossen in Paris thun. Ob aber diese Zurückhaltung zu größerem oder geringerem Mißtrauen veranlaßt, das dürfen wir ruhig der Entscheidung eines jeden unbefangenen Beurtheilers anheimstellen. Unser Berichterstatter erfreut sich dabei eines Optimismus, den er durch folgende Ausführung begründet: „Bei dem neuen „Hilfsverein der deutschen Juden" sind wir vor der Geltendmachung eines derartigen Prinzips gesichert. Interessant ist nach dieser Richtung hin ein Vorfall aus der konstituirenden Versammlung: Von Seiten eines anwesenden Rabbiners war der Antrag gestellt worden, in Paragraph 1 zu setzen: daß der Verein bestrebt sei, die religiös-sittliche Entwickelung zu fördern. Vom Vorsiandstische wurde dieser Antrag zurllckgewiesen mit folgender Begründung: „Religiössittliche Entwickelung läßt es als möglich zu, daß von Seiten des Vereins ein Einfluß versucht wird, auf die religiöse Haltung derjenigen, denen die Wohlthaten des Vereins in Zukunft zu Gute kommen sollen. Eine solche Einflußnahme muß durchaus vermieden werden. Wie auch immer die deutschen Mitglieder des neuen Vereins sich zu den religiösen Fragen stellen mögen, fest steht jedenfalls, daß die Juden des Orients der konservativen Richtung angehören, und es darf nichts geschehen, was auch nur die entfernteste Möglichkeit erscheinen ließe, als wolle man diese religiöse Haltung irgendwie beeinflussen." Diese zarte Rücksichtnahme, welche vor den bloßen Worten: „religiös-sittliche Entwickelung" einen solchen Horor hat, ist in der That hochinteressant, da sie weit über dasjenige hinausgeht, was die Orthodoxen selber fordern. Sehen wir uns doch einen Augenblick die Dinge an, wie sie in Wirklichkeit liegen. Paragraph 1 der Vereinssatzungen bezeichnet als Ziel des Vereins: die sittliche, geistige und wirthschaftliche Entwickelung der „Glaubensgenossen" zu fördern. Ein Rabbiner schlägt die religiös-sittliche Entwickelung der Glaubensgenossen zu fördern vor. Mir haben für die Bedeutung dieses Zusatzes zivar kein rechtes Verständnis, aber der Vorstand lehnt die Fassung ab, weil religiös-sittliche Entwickelung die Auffassung zuläßt, als werde ein Einfluß aiU die religiöse Haltung derjenigen versucht, welchen die Wohlthaten des Vereins zu Gute kommen. Also aus die Sittlichkeit und den Geist will der Verein ausgesprochenernraßen einen Einfluß ausüben, indem er die sittliche und geistige Entwickelung der Glaubensgenossen sich zur Aufgabe stellt, aber die Religion will er nicht fördern. Warum nicht? Was hat die Religion verbrochen, daß sie nicht gefördert werden soll? Will man wirklich die Sittlichkeit und den Geist ohne Religion, ohne Rücksicht auf die Wahrheiten fördern, welche unsere heiligen, jüdischen Bekenntnißschriften enthalten? Ist ober die zu fördernde Sittlichkeit und der zu fördernde Geist selbstverständlich jüdisch-religiöse Sittlichkeit und jüdisch-religiöser Geist, warum darf es dann nicht ausgesprochen werden? Weil es sonst den Anschein habe, als wolle man den religiösen Geist beeinflussen! Wäre eine solche Beeinflussung wirklich ein so großes Malheur? Will man denn Schulen gründen, ohne den religiösen Geist zu beeinflussen? Will man denn Eolonien anlegen, ohne sich vorher darüber klar zu werden, ob und wie durch Entweihung oder Heilighaltung des Sabbat der religiöse Geist beeinflußt wird? Will man z. B. Auswanderer befördern, ohne durch Verpflegung mit rituell zulässigen oder mit verbotenen Speisen deren religiösen Geist zu beeinflussen? Jedenfalls steht es bei den Herren fest, daß im Orient, dessen jüdische Bevölkerung konservativ ist, die religiöse Haltung nicht beeinflußt werden darf. Und im Occident? Doch wir wollen die Fluth von Fragen unterdrücken, welche diese Haltung uns aufdrängt, wir wollen nur die Thatsache ihrer Kuriosität willen konstatiren: Am Vorstandstische des neuen Berliner „Hilssvereins" hat man das Bestreben, mit den Konservativen guten Fußes zu stehen und nichts zu thun, was diese kopfscheu machen könnte. Deßhalb perhorrescirt man nicht nur