Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 46 (13.6.1901)
- Date
- 1901-06-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1018 Bemerkung des Synagogenvorstandes zu Witzenhausen in Nr. 46 dss. Bl., welche sich auf die bevorstehende Versetzung des Stelleninhabers bezieht, ist doch nur der Ausdruck der Verlegenheit. Wer sich einmal in eine Sackgaffe verrannt hat, kommt so leicht nicht wieder heraus. (Der Vorstand der israelitischen Gemeinde zu Witzenhausen hat nunmehr wieder das Wort. Red. d. „Jsr.") Memel. Dem Bericht des „Jüdischen Krankenhauses" vom 1. November 1896 bis 31. Dez. 1900 entnehmen wir: Unsere Stadt bildet als Seehafen das naturgemäße Handelszentrum für weite Strecken eines von einer armen jüdischen Bevölkerung bewohnten Landstrichs. In den nahegelegenen ruffischen Grenzbezirken sind angemessene und ausreichende Anstalten für Krankenpflege nirgends vorhanden, die ärztliche Behandlung daselbst ist sehr theuer und für den Armen völlig unerschwingbar, auch nicht an jedem Orte zu erlangen. So haben sich naturgemäß seit vielen Jahrzehnten die Unglücklichen daran gewöhnt, in Krankheitsfällen bei hiesigen Aerzten Rath und Hilfe zu suchen. Da gab es denn hier in Memel in einem besonderen Stadttheile eine arme jüdische Bevölkerung von Kleinhändlern und Handwerkern, die gegen geringes Entgelt Kranke in ihren Wohnungen aufnahmen. Nicht selten ist aber der Fall eingetreten, daß der von allen Mitteln entblößte Kranke nirgends Aufnahme fand, oder daß sich Jeder scheute, ihm wegen der Natur seines Leidens Aufnahme zu gewähren. In solchen Fällen baben die Unglücklichen in Ställen und Bretterverschlägen, ja auf offener Straße, selbst bei strengem Winterwetter, sich niederlegen müssen, oft — um nie wieder aufzustehen. Solch jammervollen Zuständen bereitete die Errichtung eines kleinen Krankenhauses — Hintere Wallstraße 3 — ein Ende, das im Jahre 1870 unter großen Schwierigkeiten in's Leben gerufen und durch freiwillige Gaben auswärtiger Glaubensgenossen, Beiträge der hiesigen Synagogen-Gemeinde, sowie durch milde Beisteuern der hier verkehrenden Kaufleute erhalten wurde. Dieses konnte um so segensreicher wirken, als nach den Ausweisungen ruffischer Unterthanen in unserer Stadt eine Gelegenheit zur Unterkunft kaum mehr gefunden werden konnte. Ungeachtet seiner wenigen, nur sehr dürftig ausgestatteten Räume, und trotzdem ihm nur sehr geringe Geldmittel zur Verfügung standen, konnte das Krankenhaus während der Zeit seines Bestehens annähernd 1200, größtentheils schwerkranken Personen, unentgeltlich Hilfe und Pflege zu Tbeil werden laffen, und häufig wurden die Geheilten auch mit neuen Kleidern und dem nöthigen Reisegeld versehen, in ihre Heimath entlasten. Aber das völlig unzweckmäßig angelegte, einstöckige Haus wurde derart baufällig, daß an seiner Stelle ein anderes, den Anforderungen der Neuzeit entsprechendes Haus errichtet werden mußte; auch hatte die Aufsichtsbehörde ihr Mißfallen über den Zustand des Krankenhauses in unzweideutiger Weise zu erkennen gegeben, und es stand zu befiirchten, daß das Haus aus sanitätspolizeilichen Gründen geschloffen werden könnte. Da erließen denn. Ende des Jahres 1894, mehrere Mitglieder unserer Gemeinde in Gemeinschaft mit einer Anzahl angesehener Männer von auswärts, besonders Königsberg und Berlin, einen Aufruf zu Gunsten des Neubaues eines Krankenhauses. Die zahlreichen Eingänge zusammengenommen, mit den aus früheren Zeiten vorhandenen Beständen, sowie Ankauf und Geschenk eines wohlgeeigneten Platzes von Seiten des ersten Vorstehers unserer Synagogen-Gemeinde, des Herrn Kommerzienrathes Leopold Alexander, ermöglichten es uns, den Bau schon im August 1896 in Angriff zu nehmen, und am 22. Oktober 1896 wurde das Haus in Gegenwart zahlreicher Gäste, darunter die Spitzen der königl. und städtischen Verwaltungsbehörden, eingeweiht. Das neue Kranlenhaus erhebt sich auf einem Theile der früheren Festungswälle nahe dem Centrum der Stadt in gesunder, ruhiger, isolirter Lage, und gewährt durch Anlegung entsprechender Baumpflanzungen einen überaus gefälligen und freundlichen Eindruck. In hygienischer Beziehung konnten wir eine günstigere Baustelle nicht finden. Die freie und erhöhte Lage bietet die Sicherheit guter Luft, ein Vortheil, der durch die Nähe der See noch vermehrt wird. Das Haus selbst fft ein zweistöckiger Bau von etwa 18 Met. Front, der im Souterrain die Wirthschaftsräume, im Hochparterre neben einigen Krankenzimmern die Wohnung für die Vorsteherin, Bade- und Operationszimmer, im ersten Stock die übrigen Krankenzimmer enthält. Ein kleines Stallgebäude ist in einiger Entfernung von dem. Hauptgebäude aufgeführt. Bei der Anlage ist auf solide Ausführung, aber möglichste Einfachheit Rücksicht genommen, um alle unnöthigen Ausgaben zu vermeiden. Wenn es uns auch gelungen ist, ein Haus zum Schuhe der Kraulen zu erbauen, die nicht in der Lage sind, sich selbst zu helfen, und mit einer gewissen freudigen Genugthuung auf das bisher Erreichte blicken dürfen, so sind wir noch weit von dem, was uns angesichts der großen Noth als unabweisbare Pflicht obliegt, entfernt. Noch können wir den an uns gestellten Anforderungen nicht völlig gerecht werden, noch nicht all' den zahlreichen Gesuchen armer Kranker, um unentgeltiche Aufnahme und freie Medikamente, entsprechen. N'ederdrückend aber und geradezu beängstigend mußte auf alle, die einen Einblick in die segensreiche Thätigkeit unserer Anstalt gewonnen haben, die Thatsache wirken, daß das schon vorhandene Defizit, mit dem das Unterzeichnete Curatorium die Verwaltung im November 1896 übernahm, von Jahr zu Jahr größer wurde, bis es gegen Ende des verfloffenen Jahres auf über 66000 Mk. gestiegen war.