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Der Israelit · 1901-06-13 · Heft 46 (13.6.1901) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 46 (13.6.1901)
Date
1901-06-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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WWW« möchte sie nicht vielmehr unter dem Gesichtspunkte dieser Männer als das vollendete Gegentheil erscheinen? Und der orthodoxe Jude, der für seine geistige und sittliche Entwickelung keine andere, keine höhere Norm als oas Gesetz seines Gottes kennt, der diesem seinem Gott auch vertrauensvoll seine wirthschaftliche Entwickelung unterstellt, dieser Jude könnte Hand in Hand mit seinen Antipoden die hier vroklamirten Ziele anstreben, ohne sich einer groben Täuschung, und im günstigsten Falle einer Selbsttäuschung schuldig zu machen? -Ohne eine solche Selbsttäuschung ist die bloße Aufforderung zu gemeinsamer Mitarbeit an diesem Hilfswert nicht denkbar, geschweige Venn ihre Verwirklichung. Es gibt leider immer noch viele sonst einsichtige Männer auf beiden Seiten, welche jede kühle, besonnene Erwägung nach dieser Richtung hin als einen Ausfluß von Trenmmas- und Sonderbündler-Bestrebungen ansehen. In Wirklichkeit ist sie der Ausdruck des Strebens, friedlich nebeneinander zu wirken, so lange ein friedliches Miteinanderwirken durch die brutale Macht der Thatsachen ohne Verleugnung von Princip und Charakter unmöglich ist. Was würde man sagen, wenn heute irgend eine politische Partei die sittliche, geistige und wirthschaftliche Entwickelung bestimmter Voltsklassen als Programm aufstellte und die anderen Parteien zur Mitwirkung aufforderte? Gewiß treten alle politischen Parteien ohne Ausnahme für diese Ziele begeistert ein, aber jede in ihrer Weise und ihrem Kreise. Wird die Fortschrittspartei sich für die geistige und sittliche Entwickelung begeistern können, die z. B. Konservative und Anhänger des Zentrums fordern? Werden Schutzzöllner sich für die wirthschaftliche Entwickelung engagiren können, wie sie Freihändlern dorschwebt? Und was bei politischen Parteiverschiedenheiten als naturwidrige, unmögliche Verbindung sofort richtig beurtheilt und verurtheilt wird, sollte bei religiösen Gegensätzen, die wie Ja und Rein, wie Sein und Nichtsein, wie Orthodor und Reform einander gegenüberstehen, erst bewiesen werden müssen? Da sollte ein dehnbares, wächsernes Schlagwort, wie sittliche, geistige und wirthschaftliche Entwickelung genügen, um Alle unter eine Fahne zu sammeln, die sonst in Schrift und Mort, in Gedanke und That, die in allen Äußerungen ihres religiösen Lebens unvereinbare Gegensätze bilden? Zur Erklärung der Unbegreiflichkeit dieser Zumuthung muß daran erinnert werden, daß bei den Bekennern der religiösen Richtung, aus deren Mitte die Initiative zu dem neuen Verein entstanden ist, das religiöse Moment nicht die hohe Beachtung findet, als bei ihren Gegnern. Dieser Mangel an Rücksichtnahme auf das religiöse Moment ist ja eines, ist vielleicht das erste und letzte der Kriterien, welche den Resormjuden von dem orthodoxen Juden scheiden. Diese geringe Rücksichtnahme auf alles spezifisch Religiöse mag im Laufe der Zeit dazu geführt haben, in einer Verschiedenheit auf diesem Gebiete noch kein Hinderniß für ein Zusammenwirken zur Förderung humanitärer und philantropischer Ziele zu erblicken. Verliert durch diese Erwägung die Aufforderung zu einer gemeinsamen Mitwirkung auch orthodoxer Juden etwas von ihrer Unbegreiflichkeit, so bliebe es dennoch eine Verleugnung nicht nur des orthodoxen Prinzipes, sondern auch jeden gesunden Menschenverstandes, wenn aufrichtige Bekenner des orthodoxen Judenthums diesem Rufe Folge leisteten. Von einzelnen Herren abgesehen, die schon seit Jahren dem orthodoxen Judenthum zu dienen glauben, wenn sie in reform-jüdischen Kreisen und Verbänden als weiße Raben figuriren, glauben wir denn auch, daß dieser Aufforderung wenig entsprochen wird. Daß bei der spärlichen Vertretung des orthodoxen Elementes dieses im Central-Comitee nicht in der Lage ist, seinen Standpunkt mit Erfolg zu vertreten, und daher nur einen dekorativen Charakter hat, braucht nicht erst gesagt zu werden. Unsere Bedenken gegen jedes Zusammengehen orthodoxer Juden mit ihren prinzipiellen Gegnern würden aber nichts von ihrer Entschiedenheit verlieren, wenn selbst die Orthodoxen die Majorität des Central-Comitees bildeten. Majoritäten wechseln, Prinzipien bleiben. Das Constante in Abhängigkeit von etwas zu setzen, das wie eine Majorität jeden Tag wechseln kann, würde wenig der unbedingten Hingebung entsprechen, mit welcher die Bekenner des orthodoxen Judenthums sonst zu ihren Grundsätzen stehen. Wir wollen die hier gebotene Jnnehaltung dieses unseres Standpunktes noch durch einige Hinweise veranschaulichen. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzerr. Deutschland. Auo dem Regierungsbezirk Cassel. Wie uns von durchaus zuverläsiiger Seite mitgetheilt wird, entspricht das in Nr. 42 des „Israelit" mitgetheilte Vorkommniß der vollen Wahrheit. Nicht nur wegen der geringen Schülerzahl — es gibt In Hessen an Zahl noch kleinere Schulen sondern wegen des unerklärlichen Benehmens des Vorstandes der israelitischen Gemeinde zu Witzenhausen der Kgl. Regierung gegenüber, hat diese die Auflösung der Schule, welche eine der ältesten Hessens ist, in sichere Aussicht gestellt. Bemerkt sei noch, daß die Gemeindeältesten das Anerbieten der Königl. Regierung, mit der vom Herrn Minister bereitwilligst gewährten Staatsbeihülfe von 200 Mt., das Grundgehalt des jüdischen Lehrers mit dem der christlichen gleichzustellen, zurückgewiesen haben, ohne vorher die Gemeinde zu befragen, worüber ein Theil der Gemeinde sehr entrüstet ist. Die

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