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Der Israelit · 1901-06-13 · Heft 46 (13.6.1901) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 46 (13.6.1901)
Date
1901-06-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1016 mä) dem Orient zu schicken, und die Bildung, die Aufklärung und den Fortschritt dort zu verbreiten, der für sie identisch ist mit Leugnung der Göttlichkeit der Thora und der Verbindlichkeit der Mizwoh? Die Herren in Paris, die hier in Betracht kommen, sind gerade, offene, ehrliche Charaktere. Sie wollen Niemand über ihre wahre Gesinnung täuschen. Ihr Leben und Wirken, das fick in ganz anderen Bahnen bewegt, als sie Gottes Thora für den gewissenhaften Juden vorschreibt, liegt offen da. Jeder, der sich nicht selber täuschen will, muß sich sagen: Wenn die Herren zu Paris Bildung, Aufklärung und Fortschritt im Orient verbreiten wollen, so ist es ihre Bildung, ihre Aufklärung, i h r Fortschritt, wie er sich in dem Gegensatz zu den Satzungen des Religionsgesetzes manifestirt. Man kann von ihnen nicht verlangen, daß sie im Orient das als Fortschritt lehren lassen, was ihnen > in Paris als kläglicher Rückschritt gilt. Jeder, der einen Funken von Charakter hat, wird keine andere Bildung und Gesittung verbreiten, als diejenige, die er! selber hat. Die leitenden Kreise der Pariser „Alliance" trifft daher der Vorwurf nur mittelbar, der unmittelbar auf denjenigen lastet, die diese Art der Erziehung und Bildung unterstützen und sanktioniren, obwohl sie nicht ver religiösen, oder richtiger irreligiösen Richtung huldiaen, die durch die Schulen der „Alliance" verbreitet wird. — Wenn nun die Thätigkeit der „Alliance" von Paris nach Berlin übertragen werden soll, wandern dann nicht auch die Bedenken mit, die wir hier angedeutet haben? Existirt ein Unterschied zwischen der Pariser und der Berliner „Allianz," dann besieht er zu Gunsten der erstcren. Hinsichtlich der bürgerlichen Unbescholtenheit und des guten Willens, die Lage unserer Brüder und j Schwestern im Orient zu besiern, mögen beide gleich I sein, wie sie auch in Bezug auf ihre äußere gegensätzliche > Stellung zu dem jüdischen Religionsgesehe denselben j Standpunkt im praktischen, täglichen Leben einnehmen.! Für die Wortführer der alten „Allianz" wie für die der I neuen sind die fundamentalsten Gesetze des Judenthums j außer Curs gesetzt, sie haben die Tage der Ruhe aus i chrem Leben gestrichen, setzen sich über die Satzungen von Speise und Trank ostentativ hinweg und haben sich fast sovollständig von dem gesammten Religionsgesetz losgesagt, daß ihr ganzer Zusammenhang mit ihm meist nur an einem einzigen Faden, dem Jomkivpur, hängt. Und dennoch unterscheidet sich der Abfall, wie er sich in j Paris vollzieht und wie er von Berlin ausgeht, ganz so, wie sich die Gesetzesverachtung aus Leidenschaft von der Verachtung des Gottesgesetzes aus Princip, wie sich der ieib von dem iviv unterscheidet. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß in diesen Heiden Centrcn des europäischen Weltverkehrs sich Verächter des Gottesgesetzes von jeder Nuance finden, aber dieser Umstand kann doch nicht die Thatsache erschüttern, daß der weitschichtige, principielle Abfall von dem überlieferten, historischen, einzigen Judenthume, dos man zur Unterscheidung gewöhnlich das orthodoxe nennt, als R e f o r m j u d e n t b u m von Berlin ausging und auch heute noch in der offiziellen jüdischen Gemeinde seine Hochburg hat. Wie lose oder innig die Verbindung der Gründer dieses neuen Vereins n;it dem offiziellen Berliner Reformjudenthum ist, entziebi sich unserer Kenntnis», wix wir auch die große Zahl der in Rede stehenden Herren nicht die Ehre haben, persönlich zu kennen. Diese Herren wollen nun die sittliche, geistige und wirthschaftliche Entwickelung der Glaubensgenoffen fördern und fordern auch orthodoxe Juden zur Mitarbeit an dieser Wirlsamkeit auf. Wenn die letzteren die jüngsten siebenzig Jahre vollständig verschlafen hätten, wenn sie nicht wüßten, was unter der Flagge sittlicher, geistiger und wirthschaftlickier Entwickelung nicht alles an Contrebande in die jüdischen Geister und Gemüther zu schmuggeln versucht wurde, die bloße Persönlichkeit der Herren genügt, um ihre Aufforderung als eine ganz unbegreifliche Zumuthung erscheinen zu lasten. I? höher man von der Biederkeit, dem Rechtlichleitssinn und dem Charakter dieser einladenden Herren denkt, umso auffallender muß. dieses ihr Vorgehen erscheinen. Dieselben haben mit den Satzungen des Judenthums mehr oder weniger vollständig gebrochen, und zwar haben sie das, wie wir zur Ehre ihres Charakters annehmen, nicht aus Leidenschaft, sondern aus Prinzip gethan. Ihr Geist weiß sich erhaben über die alten Formen der jüdischen Gottesverehrung, ihre Sittlichkeit sträubt sich dagegen durch die That ihres Lebens, etwas zu bekunden, das ihnen in Geist und Gemüth als rückständiger Köhlerglaube gilt, sie sahen zudem die wirthschaftlicheSchädiguna, welche das unentwegte Festhalten an diesem nach ihrer Meinung für ganz andere Zeiten 'and Verhältnisse bestimmten Gesetze allenthalben nach sich zieht, kann dann die Richtung ihrer sittlichen, geistigen und wirthschaftlichen Entwickelung eine andere sein, als diejenige, in der sie selber begriffen sind, die sie zur Richtschnur ihres eigenen Lebens gemacht haben und die sie nun Allen bringen möchten, deren Förderung ihnen wirklich am Herzen liegt? Daß man bei der Geradheit eines männlichen Charakters an ein solches Intellekt-Opfer dieser Männer glauben, daß sie ihre Glaubensgenossen in Anschauungen erziehen und erhalten wollen, die sie als Fesseln eines verjährten Wahnes für ihre Person längst abgestreist? Wäre das in ihren Augen noch eine geistige und sittliche Entwickelung? Wäre die Wiederaufführung und Aufrechterhaltung der religiösen Schranken, welche die gewissenhafte Befolgung der biblischen und talmudischen Gesetze doch in der That bedeutet, die beabsichtigte wirthschaftliche Entwickelung,

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