Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 45 (10.6.1901)
- Date
- 1901-06-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1000 war ein herftänbiger und begeisterungsfähiger Mann, '.mb auf sein empfängliches Gemüth machte die Wahrheit, die hier vertreten wurde, einen unauslöschlichen Eindruck. Es bauerte nicht lange, da erkannte man, welch' unschätzbarer Gewinn der israelitischen Religionsgesellschaft mit diesem Manne zugefallcn war. Rabbiner Hirsch s. A. hatte bald die freudige Genugtbuung, iyn zu seinen begeisterten Anhängern zählen zu können. Verehrungsvoll schaute er zu seinem großen Rabbiner empor, der ihn auf der Kanzel mit beredten Worten das Judenthum in seiner Größe und Erhabenheit kennen und schätzen lehrte, für besten Ideen er großes Verständniß zeigte und die er im eigenen Leben in so schöner Weise zu verwirklichen strebte. Keinen Tag ließ er nun vorübergehen, ohne bei einem eigens hierfür angestellten Lehrer Thora gelernt zu haben. Keine Institution trat in's Leben, die er nicht mit beträchtlichen Geldsummen unterstützt hätte. Als vor einigen Jahren der Zudrang zu den Vorträgen unseres hochverehrten Herrn Rabbiners in den Räumen des Gemeindehauses in sanitärer Hinsicht verhängnißvoll zu werden drohte, da war es Falk Goldschmidt, der den Gedanken eines in Verbindung mit einem Mazzehaus zu errichtenden Hörsaales anregte. Die Verwirklichung dieser Idee verdantt unsere Gemeinde zum großen Theile der edlen Munisizenz des vor fünf Jahren Heimgegangenen Bruders des Verstorbenen, Herrn Selig Goldschmidt s. A. Doch nur Wenigen dürfte es bekannt sein, daß Folk Goldschmidt der Gemeinde für diesen Zweck aus eigenen Mitteln eine namhafte Geldsumme — 12,000 Mk. — gänzlich überließ. Aber nicht nur bei außergewöhnlichen Anlässen zeigte es sich, wie sehr ihm das Wohl und Wehe seiner Gemeinde an's Herz gewachsen war. So oft eine Renovierung in der Synagoge, im Gemeindehaus eie. nothwendig wurde, pflegte er dieselbe auf eigene Kosten zu veranlasten, und bezeichnend ist es für die ihm eigenthümlcke heitere Laune, daß er in solchen Fällen zuweilen dem Vorstand scherzweise guittirte Rechnungen schickte. Für die Jeschiba und ihre Hörer zeigte er stets großes, opferfreudiges Interesse. Daß aber dieses Interesse doch etwas mehr war, als bloßes — Interesse, beweist?. B. die Thatsache, daß er alljährlich nach dem sog. „großen Verhör" die Hörer der Jeschiba mit einem Keinen Geschenk zu erfreuen pflegte. Ja, Falk Goldschmidt kannte die Aufgabe gut, die er als jüdischer pp zu lösen hatte. Seine Zedokoh, sein Gemiloth Ehasodim man wußte, daß er auch auf diesem Gebiete Hervorragendes geleistet; doch wann? wo? und wem? — darüber weiß man nur äußerst wenig. Aber diejenigen, die sich an ihn gewandt, oder zu denen er sich gewandt, die werden schon wissen, was er gewesen, die iperden ihm heute,: wo er nicht.mehr auf Erdey weilt, bittere Thränen nachweinen, die werden's schon wissen, daß mit Fall Goldschmidt ein edler, weichherziger Mensch heimgegangen ist, der nur zu bescheiden war, um seinen Edelmuth und sein weiches Herz in der Öffentlichkeit prangen zu lasten. Er war ein jüdischer Wohltäter sein Leben lang. Seine Menschenliebe offenbarte sich nicht in phrasenreichen Worten, wie er überhaupt in seiner Einfachheit ein'Feind aller Phrasen war. Menschenliebe war bei ihm kein hohles, bedeutungsloses Wort. Sie erstreckte sich nicht auf Alle, die er kannte, ja, nicht einmal auf Alle, die ihm nahe waren. Nur die seiner Liebe würdig waren, liebte er. Falk Goldschmidt gehörte zu den Menschen, die im Sinne des Psalmwortes ocpriK -pcrrpnr m pxiew wbn wenn es gilt, auch hasten können. Er hatte in feiner Jugend den Gegensatz zu allem kennen gelernt, was ihm das Judenthum später als erhabene Lebensprinzipien offenbarte. Mit der Zeit lernte er diesen Gegensatz verachten und diejenigen, die er für offene oder verkappte Feinde des gesetzestreuen Judenthums hielt, erschienen ihm nicht bedauernswerth, sondern geradezu verächtlich — als ob es seine persönlichen Feinde gewesen wären. Im Verkehr mit ihnen kannte er keine Rücksicht und keine Schonung. Sie hatten Grund genug, sich vor ihm in Acht zu nehmen. Seltene Schlagfertigkeit, beißender Witz und Spott, aber auch offene Worte des Zornes und der Erbitterung — bas waren die Waffen, mit welchen Falk Goldschmidt gegen die Feinde der Frankfurter Religionsgesellschaft zu Felde zog. Manchmal schaute er sich auch nach seinen eigenen Leuten um, ob auch in ihnen dieselbe Begeisterung glühe, ob sie nicht lästig im Handeln und träge im Ausführen wären; wie konnte er dreinfabren, wenn nicht alles nach seinem Wunsche ging. Doch gab es Keinen in Frankfurt, der ihm dieser Offenheit wegen zürnte. Seine Freunde und Feinde — sie alle wußten, daß hier ein ehrlicher Mann seiner Ueberzeugung gemäß handelte, daß sein Haß sowohl, als seine Liebe, daß sie beide ungekünstelt waren. Offenheit und Ehrlichkeit, das waren die hervorstechenden Eigenschaften seines Charakters. Man pflegte diese Offenheit auf Rechnung seiner Unabhängigkeit zu setzen. Aber fürwahr, es stände bester mit dem orthodoxen Judenthum, wenn alle reichen Juden ihre Unabhängigkeit also benützen wollten, wie es Falk Goldschmidt gethan. Jedoch bei aller Offenheit war er ein liebenswürdiger Mensch. Sein heiteres Wesen verschaffte ihm viele Freunde, die treu an ihm hingen und in seinem Umgang häufig Gelegenheit hatten, seinen Geist und seine Klugheit zu bewundern. Was unser hochverehrter Herr Rabbiner an ihm verloren, das weiß man in Frankfurt allgemein. Seit jenen! denkwürdigen Hesped, den unser hochverehrter Herr Rabbiner in unserer Synagoge auf seinen großen Vorgänger hielt, zählte Falk Goldschmidt zu seinen treuesten Anhängern. Wehe dem, der es von nun an wagte, in sexner Gegenwart sich feindselig iiber Rabbiner Dr. Breuer zu äußern. Es verging fast kein Tag, wo er nicht seinen Rabbiner besuchte. Immer nur auf ein paar Minuten, denn er wollte nicht stören.