Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 44 (5.6.1901)
- Date
- 1901-06-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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993 Simultanschulen wollen nur nach dem prozentualen Verhältnisse der jüdischen Schulkinder jüdische Lehrkräfte anstellen. Dieser Grundsatz ist wohl falsch, denn er widerspricht dem Charakter der Simultanschule. Man berufe sich nicht auf eine bekannte Entschließung des Ministeriums, das einem jüdischen Praktikanten in der Pfalz verboten hat, an einer paritätischen Schule als Praktikant thätig zu sein bis zu seiner definitiven Anstellung an einer jüdischen Schule. Wo Simultanschulen und konfessionelle Schulen bestehen, hat der Vater, der sein Kind in die Simultanschule schickt, kein Interesse an der Konfession des Lehrers. Obendrein sind aber in den meisten Fällen nicht so viele jüdische Lehrkräfte angestellt, als dem Prozentsätze der jüdischen Kinder entsprechen. Es ist auch schon der Nath ertheilt worden, die jüngere jüd. Generation abzuhalten vom Lehrerberufe. (Und von einem jüdischen rechtskundigen Kultusvorstand ist einer jüdischen Leserversammlung gesagt worden, die Juden vom Viehhandel abzuhalten.) Diese Rathschläge sind so lange unnütz, als uns Juden nicht gesagt wird, was eigentlich unsere Jugend werden soll, da ihrdoch fast alle Staatsämter etc. verschlossen sind. Dann aber: Sollen die vorhandenen jüdischen Lehrkräfte todtgeschlagen werden? ' Wir wollen' offen sagen, wie wir diese Scheingründe — andere kann man nicht finden — für unsere Abweisung auffassen: Man will uns auch an den Simultanschulen nicht und will dies nicht eingestehen. Daß es soweit gekommen ist, daran sind zum guten Theilunsere jüdischen Vertreter in den gemeindlichen Kollegien mit schuld. Wenn diese Herren der konfessionellen Schule abhold sind, aus Freisinn und Toleranz, warum sorgen sie nicht dafür, daß auch die Lehrer aller Konfessionen an den Simultanschulen tolerant behandelt werden bei der Anstellung? Aber auch die Kultusvorstö.nde in den Kleinstädten und Dörfern sind ihren Lehrern gegenüber nicht frei von Schuld und Fehle. Wie viele jüdische Gemeinden gibt es in Bayern, die. die vorschriftsmäßige Zahl jüdischer Schulkinder zur Gründung einer Elementarschule besitzen. Und doch wird keine gegründet, wenn auch die Kosten unbedeutend sind. (Ja, es ist schon vorgekommen, daß solche Umwandlungen der Gemeinde Steuererleichterung gebrackit haben durch namhafte Staatshilfe, wie z. B. in Hüttenheim.) Der autokratische Kultusvorstand will leinen Elementarlehrer, den die Regierung ernennt. Er will einen Vorbeter und Schächter in erster Linie, der nebenbei auch Religionslehrer sein soll. Mit dem kann man nach Herzenslust umspringen und ihn die starke Hand fühlen lassen. Es soll nicht geleugnet werden, daß viele Landgemeinden von Jahr zu Jahr abnehmen. Die leistungsfähigen Mitglieder ziehen nach der Stadt, einerseits wegen ihrer Geschäfte, andererseits wegen ihrer Kinder, die in der Stadt höhere Schulen besuchen sollen. Da ist es kein Wunder, daß auch deßhalb nicht viel Lust besteht, zur Gründung neuer Elementarschulen zu schrei - ren. Vielfach werden bereits definitive Schulstellen in Verweserstellen umgewandelt oder hören überhaupt aus, zu existiren. Und der Lehrer? Wen kümmert dessen Schicksal? Man klagt so oft und gerne darüber, daß die Lehrer auf dem Lande, besonders die Religionslehrer, Vertretungen von Lebens- und Feuerversicherungen, Fahrradagenturen u. s. w. übernehmen und so mehr Geschäftsleute seien als Lehrer. Wir haben auch keine Freude an diesen Zuständen. Aber völlig verkehrt ist es, den Lehrer dafür verantwortlich zu machen. Diese Nebengeschäfte übernimmt er nur der Noth gehorschend, nicht dem eigenen Triebe. Wir verschweigen hier bekannt gewordene Nothstandsfälle. Namen können leicht genannt werden. Selbst in bayerischen Abgeordnelenkreisen bestehen über die soziale Lage der jüdischen Landlehrer merkwürdige Ansichten. (So konnte ein einflußreiches Mitglied der Finanzkom Mission sich äußern: So lange die Religionslehrer Geschäftsleute sind, bewilligen wir nichts für deren Unterstützungskasse.) Mit allgemeiner Anerkennung ist es zwar bekannt geworden, daß der „Landesverein zur Unterstützung nothleidender isr. Kultusgemeinden in Bayern" Zuschüsse zu Lehrergehältern leisten will, um so die Lehrergehälter zu erhöhen; der Verein ist aber für andere Zwecke schon derart belastet, daß er nicht auf diesem Gebiete in finanzieller Hinsicht Nennens werthes wird leisten können. Es soll aber eine durch greifende Reform geschaffen werden, die Allen zu Gute lommt und Keinem ein Gnadenbrot reicht. In Baden liegen die konfessionellen Verhältnisse ganz ähnlicb wie bei uns. Auch dort besteht ein Schulkampf wie in Ravern. Dennoch nimmt Niemand seit langen Jahren daran Anstoß, daß die jüdischen Lehrer an den öffentlichen Volksschulen Anstellung finden, so bald nur eine ganz geringe Zahl jüdischer Kinder vorhanden ist. Auch die Religionslehrer erfreuen sich in Raden geordneter Verhältnisse und ebenso in Württemberg. Dem Ausschuß des bäuerischen „Landesverein" gehören angesehene Männer aller Stände an, nur keine Lehrer. Man wähle auch Lehrer hinein, und mit diesen zusammen berathe man, wie die Lage der jüd. Lehrer in Bauern verbessert werden kann. Nur frisch an's Werk; „es wird und muß gehen." Wenn es uns nur ernst ist, die Regierung wird sicher das weiteste Entgegenkommen zeigen, sobald wir „furchtlos und maßvoll" zu unseren „Pflichten auch Rechte verlangen." Dann werden auch jene Abweisungen aufhören, von denen wir eingangs berichtet haben. Wie in der Politik, gilt aucb hier die Wahrheit, daß keinem Menschen mehr zugemuthet wird, als er sich eben gefallen läßt.