Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 44 (5.6.1901)
- Date
- 1901-06-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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980 sührer, welche während der letzten Monate, sowohl in ihrem officiellen Amtsblatt, als auch in öffentlichen Versammlungen gegen die Leiter der „Israelitischen Allianz" die schwersten ehrenrührigsten Anklagen erhoben hatten, die Gelegenheit ergreifen werden, diese Anschuldigungen vor der Generalversammlung zu begründen und das Urtheil der Generalversammlung zu provoziren. In Erwartung einer solch' klärenden Auseinandersetzung waren zahlreiche Mitglieder erschienen. Die Erwartung indeß ging nicht in Erfüllung. Die Generalversammlung wurde diesmal an Stelle des nicht erschienenen Präsidenten Herrn David Ritter v. Gutmann, durch den Vice-Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern gelietet. Der Bereinsselretnr Herr Dr. K r a u s brachte den Rechenschaftsbericht zur Verlesung. Hierauf ergriff Herr Dr. Niemirower, Oberrabbiner in Iassp, das Wort zu folgenden Ausführungen. Im Berichle der „Allianz" ist von den drei Ländern der klassischen Iudennoth die Rede. Während man jedoch in Bezug auf die Juden Rußlands und Boryslaws eine günstige Veränderung verzeichnen tonnte, bat sich die Lage der rumänischen Juden keinesweges gebessert, lieber die politischen Verhältnisse will ich selbstverständlich nicht svrechen, da mein Rabbineramt es mir verbietet, Politik zu treiben. In sozialer Hinsicht sind die unglücklichen Juden Rumäniens nach wie vor auf die Hilfe der ausländischen Philantropie angewiesen. Die errichteten Volksküchen sollten erhalten und arbeitslosen Bauarbeiter, die fiir lange Zeit keine Aussicht auf Arbeit haben, iu jeder Beziehung un lerstützt werden. In erster Reihe aber muß für die in Rumänien zurückgebliebenen Emigrantenfamilien gesorgt werden. Als im vorigen Jahren viele Juden in Rumänien zum Wanderstabe griffen, waren sie gezwungen, das ihnen Theuerste und Heiligste zurückzulassen — sich von ihren Frauen und Kindern zu trennen. Für die Auswanderer sorgten die „Allianz"- Gesellschasten zu Wien, Paris u. s. w. Bis heute jedoch verzichten diese bedauernswerthen Männer auf jede Häuslichkeit und verhungern ihre Familien in Rumänien. Bei der Armuth der rumänisch-jüdischen Gemeinden, die nicht organisirt sind und zur Erhaltung von Krankenhäusern, Schulen u. s. w. große Summen benöthigen und nur von wenigen Bemittelten aufbringen können, bei der großen Anzahl von Hilfsbedürftigen, die oft den dritten Theil der Gemeinde bilden, ist es den rumänischen Juden unmöglich, die Auswandererfamilien aus eigener Kraft nach Amerika zu befördern. Die großen Spenden, die aus Frankreich, Deutschland, England, Oesterreich und Amerika kommen, sind in Anbetracht der Anzahl der Armen gering. Die verzweifelten Arbeitslosen werden wild, die verlassenen Frauen und Kinder, die unglücklicher als Wittwen und Waisen sind, laufen Gefahr, zu Grunde zu gehen. Auch vom Standpunkte der Moral ist es eine heilige Pflicht der Juden aller Länder, „moralische Katastrophen" in Rumänien, die eine Schande für's gesammte Iudenthum lvären, zu verhüten. Die „Israel. Alliance" sollte mit flammenden Worten für die Wiedererrichtung des zerstörten Familienlebens so vieler (Glaubensgenossen, fiir die thatkräftige Fortsetzung des rmnänischFüdischen Hilfswerks eintreten und an das Herz aller Edelsinnigen appelliren. Der Redner schilderte die Nothlage der Emigrantensamilien mit tiefergreifenden Worten und schloß mit einem feurigen Appell an alle Parteien innerhalb der Generalversammlung. Der Vorsitzende, Herr Dr. Alfred Stern, erwiedert, daß es dieses Appells gar nicht bedurft hätte. Der Vorstand der „Israelitischen Allianz" hat sich wiederholt an die Komitees in Paris und in Amerika zu Gunsten dieser unglücklichen Emigrantenfamilien gewendet und immer wieder den Bescheid erhalten, daß die Landung der Frauen und Kinder von der amerikanischen Behörde nicht zugelassen werde, so lange nicht der Rachweis erbracht fei, daß das betreffende Familienbauvt nunmehr in einer Lage sei, welche ihm die Ernährung seiner Familie gestattet. Nichtsdestoweniger ist der Vorstand gerne bereit, die Angelegenheit dieser unglücklichen Familien bei den betreffenden .Komitees nochmals in eindringlicher Weise in Anregung zu bringen. (Lebhafter Beifall.) Frankreich. Parisi, Ende Mai. Am Samstag, 25. Mai, fan den vor dem Zuchtpolizeigerichte von Algier die Verhandlungen gegen die Antisemiten statt, die sich bei den verschiedenen Tumulten in der letzten Zeit, besonders bei dein Angriffe auf die „Maison de pendle" hervorgethan batten. Von den neunzehn Angeklagten ivaren zehn Ausländer, meistens mehrfach vorbestrafte Verbrecher. Der Staatsanwalt Eon verlangte eine unnachstchtliche Bestrafung dieser Leute: Algier müßte von den Banden von Strolchen und Missethätern, die die Straßen der Hauptstadt derKolonie unsicher machten, gesäubert werden. Der Gerichtshof folgte auch dieser Aufforderung und verurtbeilte die Angeklagten zu einem bis fünfzehn Monaten Gefängnis;, wozu für die Bandenführer Verbote des Aufenthaltes in Algier hinzukommen. Der aus der Untersuchungshaft herveigeführte Stadtrath Lionne kam in diesem Handel mit 300 Fres. Buße davon, bat sich aber nun noch wegen Gewaltthätigkeile," gegen Beamte im Dienste zu verantworten. Rumänien. Bukarest, Ende Mai. (Jüdische A u s w a n - d e r u n g s - B e w e g u n g.) Die wohlgemeinte und hoffentlich auch von guten Erfolgen begleitete Thätig-