Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 43 (3.6.1901)
- Date
- 1901-06-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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42. Jahrgang. Meitage zu M 43 des „Israelit". Leitender Artikel. Kiiit Vc>>i»»il> iUiii Pch'nii in Mm. Mainz, 29. Mai. Wenn von Galizien, dem jüdischen Galizien und dem Riesenelend die Rede ist, unter dem Hunderttausende unserer dortigen Brüder und Schwestern leiden, so denkt man gewöhnlich an den materiellen Nothstand. Bon ihm soll hier nicht die Rede sein, sondern von dem geistigen Rothstand soll gesprochen werden, der sich innerhalb der jüdischen Bevölkerung Galiziens mit einer Schärfe geltend macht, wie vielleicht nirgends sonst. — Unter dem materiellen Nothstand leidet allerdings der große Theil der nahezu 800,000 Seelen zählenden Juden Galiziens. Aber unter dem geistigen Nothstand leiden alle ohne Ausnahme und Jeder auf seine eigene Weise. Dem lvateriellen Glend haben sich schon wiederholt die Wohlthätigkeitsbestrebungen von Einzelnen und 'Korporationen zur Abhilfe zugewandt. Wohl haben diese Bestrebungen den Zusammenhang zwischen der materiellen und ideellen Nothlage erkannt tlnd durch Gründung von Schulen und Bildungsstätten verschiedener Art ihr entgegenzutreten gesucht, aber, tvie die Dinge liegen, haben sie die Gegensätze eher verschärft, als beseitigt. Galizien ist das Land der Gegensätze. Wie sich die Minderheit eines großen Reichthums erfreut, während Re Mehrzahl in bitterster Armuth schmachtet, so ist es auch in religiöser Hinsicht der Fall, nur mit dem Unterschied, daß das Zahlenverhältniß mit einigen die Regel bestätigenden Ausnahmen hier ein umgekehrtes ist. Der größte Rcichthum an religiösem Fond findet sich bei der großen Zahl der Enterbten, während die Minorität jeder religiösen Regung bar und speziell dem überlieferten Jndenthnm der Baker abhold ist, ja, ihm geradezu feindlich gegenübersteht. Da sich diese Minorität aus den sogenannten „Gebildeten" rekrutirt, so besitzt sie einen großen Einfluß, der von Tag zu Tag an Bedeutung zunimmt, während die Reihen derer, die in Treue dem überlieferten Judenthum anhangen, sich in erschreckender Weise lichten. Ein Ausgleich dieser Gegensätze scheint ausgeschloffen. Wohl verschließt man sich auch in den weiten Kreisen des gesetzestreuen Judenthums Galiziens nicht der Thatsache, daß eine gründliche Bildung der Jugend das materielle Nebel an der Wurzel packe, aber sie stehen allen Versuchen, die bis jetzt nach dieser Seite hin ge^ macht wurden, mit Mißtrauen gegenüber. Sie fürchten, daß ihren Kindern diese Bildung ihr Judenthuin kosten werde. Und nach den praktischen Erfahrungen, die bis dahin vorliegen, ist diese Befürchtung nicht ungerechtfertigt. Die Persönlichkeiten, welche dieser Bildung das Wort reden, die Mäcen, welche sie fördern, und die Lehrer, welche sie verbreiten, haben fast ausnahmslos mit dem positiven Judenthum gebrochen und rechtferstgeu daher die ernsten Bedenken, die Erziehung der Jugend solchen Händen anzuvertrauen. Die gesetzestreuen Juden, welche sich zum großen Theil selber nicht der Segnungen allgemeiner Bildung erfreuen, haben sich gevoöbnt, diese nach den Persönlichkeiten zu oeu Ehesten, welche dieser Bildung das Wort reden. Sie find der Bildung abhold, weil sie für ihre Kinder denselben Abfall von dem Glauben der Väter fürchten, den sie in den Trägern der Bildung dort täglich verkörpert sehen. Den „Aufgeklärten" ist wiederum die Bildungsfeindlichkeit ein Dorn im Auge, der sie bei den sie umgebenden Orthodoxen auf Schritt und Tritt begegnen. Eine Aussöhnung dieser Gegensätze könnte nur durch die Persönlichkeit eines Mannes erfolgen, oer gründliche Thorakenntniß und aufrichtige Frömmigkeit mit gediegener wissenschaftlicher Bildung vereinigt und durch die Tbat seines Lebens zeigt, daß diese Gegensätze in Wirklichkeit gar keine sind und es jedenfalls nicht zu sein brauchen. Bis jetzt aber hat man nicht den Versuch dieser Lösung gewagt. Den Frommen galt jeder „Doktor" kür neolog und den anderen galt jeder '.vahrhatt Fromme als bildungsseindlich. Die großen Dimensionen, die der weitschichtige Abfall innerhalb der galizischen Judenheit bereits erreicht bat und tagtäglich inehr annimmt, hat die Gemeinde Drob o b v c z bestimmt, diesen Versuch endlich zu »vagen, indem sie am 12. d. M. Herrn Rabbiner Dr. I u n g aus Ung. Brod zum Oberrabbiner erwählte. Wir beglückwünschen die 79 Geineinden, welche dieses Rabbinat umfaßt, aus ganzem Herzen zu dieser glücklichen Wahl, in der alle Kenner der einschlägigen Verhältnisse einen entscheidenden Wendepunkt für das Judentbum "rblicken. Die erprobte Frömmigkeit, die umfassende Thoraknnde und die vielseitige profane Bildung, die auch den Lesern des „Israelit" ans den fesselnden Abhandlungen des Herrn Rabbiner Dr. Jung bekannt sind, bieten eine erfreuliche Bürgschaft dafür, daß sich hier der rechte Mann auf dem rechten Posten befindet. Des neugewählten Drohobyczer Oberrabbiners lvartet eine Riesenansgabe, deren befriedigende Lösung bei aller Hingebung und Befähigung nur durch das Vertrauen und die Mitlvirkung seiner Wähler möglich sein lvird. Die Einstimmigkeit, mit Ivelcher die Wahl