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Der Israelit · 1901-06-03 · Heft 43 (3.6.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 43 (3.6.1901)
Date
1901-06-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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965 er lernte und lernte, die Neginoth wollten heute nicht in seinen Kopf. Schon war die Zeit nahe, da er zu Kiddusch geutfett werden würde, und noch hatte er kaum drei Pesukstu bebakten. Endlich glaubte er die ilrsache seiner Zerstreutheit gefunden zu haben; das rothe Schild, nor seine!!' Fenster knarrte heute ganz fürchterlich und schien es darauf abgesehen zu haben, ihm immer die falschen Neginotb vorzusingen. Flugs öffnete er das Fenster, hob das Schild aus seinen Angeln, brachte es in sein Zimmer herein und verfchlost es in die finstersten Räume seines Bücherschrankes. Mit jener gehobenen Stimmung, die man empfindet, n:?nn man eine Heldenthat begangen hat,, machte sich Rebbe Eilil nunmehr wieder an seine Sidrah und stehe, jetzt ging es ganz flott; nach kaum zehn Minuten palte er die drei Parsckioth so inne, als hätte er schon die ganze Woche daran ftudirt. Inzwischen war die „Schul" aus und Rebbe Stoppel ging, um schwärm: von seinen Freunden, der heimatblicben Stätte zu. „Kvvpei," sagte der dicke Ehajem, als sie vor des erstereu Hause angelangten, „Koppel, habt Ihr Euren Seforimbandel usgesteckt?" „Warum soll ich," fragte dieser erstaunt. „Nu, Euer Schild ist doch weck," antwortete dieser, indem er aus die zlvei "errofieten Stangen deutete, die nunmehr ihres Schmuckes baar. wie zwei hilfesuchende Arme in die Luft ragten. Keines Wortes mächtig starrte der Svnagogendiener bald aus die zlvei Stangen, bald aus die ihn mit spöttischen Blicken musternden Freunde. Endlich löste sich seine Zunge und mit Donnerstimme rief er in's Haus: „Gutes, Jüdel, Sarle, habt Ihr mein Schild weckmache laste?" lknd als Frau, Tochter und Tienstmagd herausgestürzt kamen und bock, und theuer ihre klnschuld versicherten, fuhr er zu schimpfen fort: „Dann war's kein Anderer, wie der Schuft von Soft'-, dem bin ich schon längst ein Dorn im Aag, weil ich die Luches 'n halbe Albes*) billiger verkauf, aber ich steh' Euch dafür, ich krieg's heraus, un wenn ich bis zum Kurferscht muß." Gerade hatte Nebbe Eisik, befriedigt über das Resultat seiner Mühe, sein „Tikenchen" zugeklappt, als er den Skandal auf der Gaste bemerkte und auch sofort Alles errieth. Nun lvar die Verlegenheit groß, noch nie ivar unser Eisik in solcher Seelenpein. Wenn es herauskäme, daß er der „Gannef" des rothen Schildes, der nie einer Fliege etwas zu Leide gethan, er sollte sich als gemeiner Verbrecher entpuvpen. Mit mächtigen Schritten durchmaß er sein Zimmerlein, bin und her überlegend, was da zu thun sei. Endlich schien er zu einem Entschlüsse gelangt zu sein — er wollte nämlich *) Albus, Weitzpfennige, westdeutsche Lilberscheidemünze, bis 1789 in Mainz gangbar. heute Nacht, da Alles in Morpheus Armen lag. in aller Stille das Schild wieder an seinem ihm gebührenden Plaste befestigen, und mit diesem Entschlüsse in der Brust begab er sich beruhigt an des Schammes festlich geschinückten Sabbattisch. Natürlich bildete das abhanden gekommene Schild fast ausschließlich den Stoff zur Tischunterhaltung, und während sich Familie Koppel in tausend Vermuthungen erging, wechselte auf Eisik's Antlitz Rothe und Blässe mit merkwürdiger Regelmäßigkeit. Aber er hatte Glück; denn da Verlegenwerden nichts Seltenes bei ihm war, so merkte Niemand seine Verlegenheit. Nach Tisch unterhielt man sich noch lange im Koppel'schen Familienkreise und spät in der Nacht erst kam Nebbe Eisik dazu, seine Lagerstätte aufzusuchen. Behutsam öfinete er das Fenster in seinem Zimmer und blickt." aus die Gasse, sie war ganz leer. Hastig holte er das Schild aus seinem Schranke und steckte es wieder aus seinen gelvohnten Platz. Als Nebbe Koppel den andern Morgen erwachte und vor sein Haus trat, um die Fensterläden zu öffnen, blickte er instinktiv in die Höhe — und o Wunder! das Schild war lvieder an seinem alten Orte. Nun war cs ihm klar, daß es keine „Genaiiwe," sondern nur ein bloßer Schabernak war und ebenso stand es bei ihm fest, daß es kein anderer, wie der „Schuft von Sofer" gethan haben könne, der ihn aus purem Coneurrenzncid in diele Aufregung versetzt hatte. — Ackst Tage waren feit dem Erzählten verflossen. Wiederum rief Rebbe Koppel Freitag Abend die Gemeinde in die Svnagoge zur Andacht und auch Rebbe Eisik stand auf seinem gewohnten Platze. Da am folgenden Tage „Mataus Umaste", die größte Doppelstdrab des Jahres ging und Rebbe Eisik kaum erst die Hälfte davon einstudirt hatte, so nahm er sich schon bei Beginn des Gottesdienstes vor, lvieder wie vor acht Tagen die Svnagoge vor Schluß des Gottesdienstes zu verlassen. Und wie gesagt, so gethan. Roch ehe der EHasan mit den: „Bameh Madlikin" begonnen, huschte er zur Schul hinaus, begab sich in sein Zimmerchen und machte sich an leine Sidrah. Und wiederum war es das rothe Schild, das ibn heute in noch viel höherem Maße störte. Aber trotz der vor acht Tagen ausgestandenen Unannehmlichkeiten entfernte er es diesmal wieder, bossend, es noch vor Beendigung des Gottesdienst'- wieder anbringen zu können. Aber er hatte sich getäuscht. Die Schul war aus, noch ehe er die geringsten Anstalten machte, des Schammes rothe Flagge wieder aufzuhissen. Wurde Rebbe Koppel schon vor acht Tagen, als das Schild znm ersten Male auf die Wanderung gegangen, von leinen Freunden gefoppt und,gehänselt, so kann man sich denken, daß. dies heute in noch viel höherem Grade der Fall war. „Dein Schild hält auch seine Schabbesmennche," sagte der kleine Gumpel, „wie der Schabbes angeht, is es fort."

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