Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 43 (3.6.1901)
- Date
- 1901-06-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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964^ Feuilleton. -K T«s rstlit 8d)ili) i>tS lxlhtii Siotipfl. kin Slstürlhcn aus Der Maillzer ZiiiltWsse. Wer heute die beiden Mainzer Judengassen, die nunmehr ihre Namen mit den vornehmer klingenden: Vordere und Hintere Synagogenstraße vertauscht haben, durchschreitet, wird wohl noch vielfach die schmalen, drei- und vierstöckigen Häuschen aus alter Zeit dort finden, auch wohl noch mal einer kleinen Gruppe neugierig die Kopte zusammensteckender Glaubensgenossen begegnen, aber das Leben und Treiben, wie es noch vor ungefähr hundert Jahren in denselben herrschte, dies ist, sagen wir Gott sei Dank, vorbei. Aber obschon die Juden daselbst gar eng zusammengepfercht waren und sich nur mit der schwersten Muhe zu ernähren vermochten, so fehlte es doch auch an heiteren Episoden nicht, wozu wohl die große Jeschiba, oder richtiger die vielen Vachurim, die sich hier aufhielten. um ibren Wissensdurst zu stillen, das Meiste beitrugen. Ein solches heiteres Geschickstlein wollen wir heute zum Besten geben. An der Ecke der vorderen Synagogen- und Löwenhofgasse, wo heute das Haus, genannt zum rothen Ochsen, sich besindet, stand in der zweiten Halste des vorigen Jahrhunderts ein kleines, zweistöckiges Häuschen, das der Schammes der Gemeinde bewohnte. Dieser war unter dem Warnen der votbe Stoppel betannt, welchen Titel er seinem schönen rothen Vollbarte, auf den er nicht wenig stolz!var, verdankte. Außer dem Amte eines Synagogendieners hatte er auch noch einen kleinen Bücherhandel, was der gesummten Judenheit durch ein großes, rothes Schild, welches über seiner Hausthüre befestigt war. kund gemacht wurde und auf loelchem die Worte zu lesen waren -ro pycc* 2 rpr C1CC. Ein besonderes Kunstwerk war das Schild gerade nicht und auch den gewöhnlichsten Anforderungen des Sinnes für Schönheit und Symetrie entsprach es kaum, dagegen besaß es eine Eigenschaft, durch die es, wie wir später sehen, einmal eingreifend in die Schicksale der Menschen wirkte, und diese Eigenschaft war, daß es sich Jahraus, Jahrein durch den durch die Straßenecke hervorgerufenen Luftzug hin- und herbewegte und hierbei Töne erzeugte, wie man ne selbst in Siegfried Wagner's neuesten Opern vergebens suchen würde. Das Häuschen, das in jedem Stock nur zwei Zimmer aufzuweisen hatte, wurde von unserem Schammes allein bewohnt, bis auf das Erkerzimmer im ersten Stock, welches er an einen Bachur inklusive Kost für . 50 Gulden per Jahr vermiethet hatte. I Rebbe Eisik, so hieß der Talmudbeflissene, wohnte bereits seit drei Jahren bei dem Schammes, und dieser, :oenn er auch an sämmtlichen Mitgliedern der Gemeinde lein gutes Haar ließ, auf den Bachur ließ er nichts kommen. Und er hatte auch alle Ursache dazu. Nebbe Eistl war ein bescheidener, tiichtiger Mensch, der Tag und Nacht lernte und von den Gassenstreichen seiner Gefährten, als da waren: den Balbattim Männchen mit 5treibe aus den Rücken malen, in Schul die S'hnupstabaksdose aus des Einen Tasche ziehen und in die Tasebe des Anderen praktizieren, oder wenn Jemand ausaerusen wurde, rasch dessen Tefillinriemen in die Bank' sestklcmmen, oder an Tischo Beaw in den in der Ecke stehenden Stiefeln eine solche Verwirrung anrichien, daß nach Beendigung des Gottesdienstes Niemand mehr die seinigen herausfinden konntean allen diesen Dingen hat sich Rebbe Eisik nicht betheiligt. Allerdings war er ein wenig linkisch und wäre vielleicht schon beim ersten Streich ertappt worden, aber das wollte der Schammes nicht eingestehen, und wenn Jemand ihm e t w a s darüber sagte, pflegte er gewöhnlich zu antworten: „Laßt mir den nur gehen, der ist mir lieber, wie zwanzig Andere, die zehnmal so tief Maudim bucken, aber nachher statt zu lernen, nichts wie Narrenpossen machen." Nun muß man aber nicht glauben, daß die Liebe des sonst so großen „Pegras," oder wie die Bachurim sagten „Zebra's". so ganz uneigennützig gewesen wäre. Schon längst hatte die schlanke Judith, das einzige Kind des rothen Koppel, ihre schwarzen Gluthaugen aus des Bachurs wackeliger Gestalt ruhen lassen und aus dieser ihrer Neigung ihrem Vater gar kein Hehl gemacht. Dem Schammes war der Schidduch auch ganz recht. „Denn," pflegte er zu sagen, „Söhne Hab' ich keine, und ioer könnte einmal meine Massematten besser fiihren, als Rebbe Eisik, der alle Seforim in- und auswendig kann?! Nur," setzte er in Gedanken hinzu, „will ich meine Kowed nit weckwerfen, sondern warte, bis er selbst kommt." Und daß auch Eisik der schönen Judith in Liebe zugethan war, das hatte der schlaue Synagogendiener längst heraus. Daß er bis jetzt nicht um sie angehalten, schrieb er nur seiner großen Schüchternheit zu. Es war an einem schönen Freitagabend. Die ganze Gemeinde war in der Synagoge versammelt und auch unser Bachur stand andächtig auf seinem Platze und betete: doch plötzlich fuhr er erschreckt aus; er hatte nämlich allsabbatlich bei dem reichen Schlome Löb, der in seinem Hause einen Frühgottesdienst abhielt, den betreffenden Wochenabschnitt aus der Thora vorzulesen und nun fiel ihm heiß ein, daß er die drei letzten Parschoth noch zu lernen hatte. Er beschleunigte daher sein Gebet, ging, noch ehe die Schul aus war, nach Hause in sein Zimmerchen und machte sich eifrigst daran, das Versäumte nachzuholen. Aber es war eigenthümkich, müssssässaammmmmm