Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-05-30 · Heft 42 (30.5.1901) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 42 (30.5.1901)
Date
1901-05-30
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449186--53443-2504111
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

949 Als Mutier und Tochter nach Nagy-Marchegg zurüakehrten, war Alles auf den Beinen. Jeder wollte sich überzeugen, ob es wirtlich Ilona sei.- Ja, nun sab man. daß sie nicht ermordet worden; sic lebte und erzählte all Denen, die es hören wollten, wie schändlich Dr. Bathorn an ihr gehandelt, weil sie ihm nicht zu Willen sein mochte. Wahrhaft sensationell aber wirkte die Verlesung der pävstlicben Urkunde, die am folgenden Sonntag in allen Kirchen der Diöcese stattfand. Mit hocherhobener Stimme las der Geistliche Folgendes: ..Se. Heiligkeit Papst Gregorius ist tief bekümmert, daß seine Getreuen, alle Gebote christlicher Nächstenliebe Nergeffend, Judenverfolgungen anstellen, die alte Mähr vom rituellen Mord wieder ausleben lassen! Hochangesehene Kirchenväter, die den Talmud gründlich studirt, haben längst bewiesen, daß auch nicht eine Stellt im Talmud darauf hindeutet, daß die Juden am Passahseste Christenblut brauchen! Se. Heiligkeit pflichte dieser Ansicht vollkommen bei und ermahnt traft des ihm von Gott gewordenen hohen Amtes die ganze Christenheit, einmüthig der Wahrheit die Ehre zu geben und von den Verfolgungen unschuldiger Juden abzulassen! Die christliche Religion gebietet: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! Diesen Spruch beherziget, lasset ab von Haß und Verunglimpfung Eures Nächsten, auf daß Euch das Himmelreich werde! Wer aber seinen Nächsten verfolgt, verleumdet, der ist des Namen Christ unwürdig und hat alle Höllenstrafen zu erwarten, die den Sündigen treffen!" Kleinlaut und zerknirscht hörten Diejenigen, die noch kurz zuvor laut in die Posaune gestoßen, man inüffe die Juden vernichten, diese Worte des Heiligen Vaters, Worte, die einen Wiederhall selbst in den Herzen der Fanatiker fanden. Die durch Rassenhaß geschürte Bewegung schien im Keime erstickt. Dr. Eli Lazzlo war wieder in Ehren ausgenommen. Jeder betheuerte, daß er ja nie ernstlich geglaubt, er hätte sich eines Vergehens schuldig gemacht, aber in Dr. Lazzlo's Herzen nagte der Wurm. Es war ibm, als könne er nie wieder fröhlich werden. In den langen, langen Monaten der Kerkerhaft hatte er Zeit gehabt, über Welt und Menschen nachzudenken, die Triebfeder ihrer Handlungen zu studiren! Ihm graute vor ihren Leidenschaften, ihrer Mißgunst, ihrer Falschheit. Am liebsten hätte er sich mir Weib und Kindern in ein weltenfernes Dorf zurückgezogen und da als Cinüedler gelebt. Die, die üch seine Freunde nannten, denen er viel Gutes gethan, batten sich, als er in Noth und Vedrängniß war, nicht um ihn gekümmert; er mochte auch jetzt nichts von ihnen wissen, war auf dem besten Wege, ein Hypochonder zu werden. Anders Frau Aranka; sie war des Glückes voll, den geliebten Mann wieder zu haben. „Last' uns vergessen," mahnte sie; „es war eine Schickung des Himmels! Vor uns liegt noch ein langes Leben, das wir in Freuden genießen wollen!" „Wer kann nach solchen Erlebnissen noch an Freude denken!" sagte Dr. Eli wehmüthig. Und doch stand ihnen eine große, eine echte Herzensfreude bevor. Der Sommer nahte seinem Ende; in wenigen Tagen feierte man das Neujahrsfest. Für Dr. Eli, dem Märtyrer seines Glaubens, waren in der Synagoge alle Ehren vorbereitet; er sollte seinen Platz neben dem Rabbiner haben, zur Thora gerufen werden, die heilige Lade öffnen. Dankend lehnte er ab. Er mochte überhaupt nicht am Gottesdienst tbeilnehmen, wollte daheim mit den Seinigen in Privat-Minjan beten, jede Aufregung, die seinem kranken Herzen schaden könnte, vermeiden. Dr. Eli fühlte, daß er herzkrank war, daß ihm absolute Ruhe nöthig sei. Still, in sich gekehrt, saß er am ersten Feiertage in seinem Zimmer, das Gebetbuch aufgcschlagen vor sich; aber er konnte nicht beten; ein Alp bedrückte das todtmüde Herz. Da wurde die Thüre geöffnet; ein Fremder trat ein. — Ein Fremder? — Nein! Konnte er denn seinen Augen trauen? War der, der da vor ihm stand, nicht Aladar, sein leiblicher Bruder? Schon hatte ihn Eli an sein Herz gezogen und ihn lange mit beiden Armen umfangen haltend, sprach er unter Schluchzen: „Bruderherz! Du hast mir gefehlt! O, daß ich noch das Glück habe, Dich zu sehen! Nie kann ich Gott genug dafür danken!" Das war eine echte Weihestunde, die die beiden Brüder verlebten. Im Tempel ertönte das Schofar, ertönte die rührende Stimme des Bal Tephiloh, lautes Beten der andächtigen Menge: in ihrem stillen Stübchen war es nicht minder feierlich: auch sie beteten und dankten Gott, daß sie sich wiedergesunden nach des Lebens Irrungen und Enttäuschungen. „Einen schöneren Rosch Ha-Schonoh," sagte Eli, „hätte ich mir nicht wünschen können! Und was nun erst Aranka sagen wird! Wie gönne ich ihr diesen Lichtstrahl nach der jammervollen Nacht unseres Kummers!" Und da war sie, strahlend wie ehedem in voller Schöne! Sie kehrte aus dem Tempel heim, hörte, daß ein Herr bei ihrem Gatten, wollte erst nicht eintreten, sah durch die halbgeöffnete Thür, und Aladar erkennend, eilte sie mit trendigem Aufschrei in seine Arme. Aranka war des Glückes voll und wußte in-ihrer Freude gar nicht, was zuerst beginnen. Sie wollte ein Frühstück richten, konnte sich aber oon Aladars Anblick

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.