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Der Israelit · 1901-05-30 · Heft 42 (30.5.1901) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 42 (30.5.1901)
Date
1901-05-30
Page
– (sequence 18)
Language
German
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948 wurde sofort vorgelassen, theilte dem Papste mit, was er vernommen und bat um thatkräftige Unterstützung. Theilnehmend hatte der Papst zugehört; derselbe war ein vorurthcilsloser, aufgeklärter Mann, stets bereit, zu helfen, die Unschuldigen, auch wenn sie Andersgläubige waren, zu schützen. Für den folgenden Tag wurde eine Sitzung anberaumt, zu der alle in Rom anwesenden Cardinäle geladen wurden. Caplan Bostarlp erläuterte in längerer Rede, was ihm Nico mitgetheilt. Seine Worte machten Eindruck. Mehrere Eardinäle sprachen sich dafür aus, daß man der Christenheit im Allgemeinen die Mahnung zugehen lasse, das Ritualmärchen nicht stets von Neuem aufzutischen, im Besonderen aber den Fürst-Erzbischof von Waitzen beauftrage, den betreffenden Fall zu untersuchen und für die Freilassung des Dr. Eli Lazzlo einzutreten, für dessen Unschuld sich ja der von ihnen allen hochgeehrte Herr Caplan Mostarlv verbürge. Papst Gregorius war der Ansicht, daß ein Abgesandter aus Rom an Ort und Stelle zu erscheinen habe; es sei endlich Zeit, jene durch keine Schriftstelle zu beweisende Beschuldigung, daß die Juden am Passahfeste Christenblut verwenden sollen, zu widerlegen; er selbst werde das betreffende Schriftstück verfassen, das sein Gesandter Signore Spalato zu überbringen habe. Die Cardinäle beglückwünschten Caplan Mostarlv, daß er, der Güte und Weisheit des Papstes vertrauend, den rechten Weg gefunden, um eine Frage von so großer Tragweite zur Erledigung zu bringen. Signore Svalato wurde angewiesen, sich reisebereit zu halten und mit Energie und Klugheit an Ort und Stelle des Pavstes Wunsch und Befehl zum Ausdruck zu bringen. Nico sollte ihn begleiten. Als Spalato aus den Händen des Papstes Tags darauf den aus Pergament geschriebenen, mit dem päpstlichen Siegel unterfertigten Brief erhielt, den er dem Fürst-Erzbischof zu übergeben hatte, gelobte er feierlich, Alles einzusetzen, um die für ihn ehrenvolle Mission zu erfüllen. Papst Gregorius hatte es dem Caplan Mostarly freigestellt, einen Urlaub zu nehmen und seinen Gesandten zu begleiten. Doch Aladar lehnte dankend ab. In allzulebhafter Erinnerung war ihm noch, was ihn damals bestimmte, der Heimath zu entfliehen; in der Ferne batte er Ruhe und Seelenfrieden wieder gefunden; weßhalb das mühsam Errungene auf's Spiel setzen? Was er den Seinigen durch seinen Einfluß nützen konnte, wollte er mit Freuden leisten; doch warum alte Wunden aufreißen, die kaum vernarbt waren? Nicht wenig erstaunt war man in dem kleinen ungarischen Städtchen, als sich die Kunde verbreitete, im nahen Domstift wäre ein Abgesandter des Papstes eingetroffen, der beauftragt sei, die Prozeßakten in Sachen der Ilona Kusmik zu prüfen. Sämmtlichc Zeugen, die ehedem vernommen worden waren, wurden nochmals vorgeladen. Der vornehme römische Herr, in dem sie wohl den Papst selbst sahen, flößte ihnen ungeheuren Respekt ein. Ihre Aussagen lauteten jetzt wesentlich anders, um so mehr, als Dr. Bathorp. der von ihnen Gefürchtete, plötzlich verschwunden war; es hieß, er habe einen längeren Urlaub genommen. Wenige Tage schon nach Ankunft des Signore Spalato war Dr. Eli Lazzlo in Freiheit gesetzt. Welch' ein Wiedersehen! Frau Aranka schluchzte und weinte wie ein Kind. Dr. Eli schien um Jahre gealtert. ..Lass' uns zunächst Gott danken," sagte er, „daß er unsere Richter erleuchtet hat!" „Gott und diesem braven Mann." sagte Frau Aranka, den Zigeuner vorführend, „der mit seltenem Scharfblick erkannt hat, von wo die Hilfe kommen muß, und nicht Müh' und Entbehrungen gescheut hat, um diese Hilfe zu bringen." Dr. Ei; horchte gespannt auf, als Aranka jetzt erzählte, wodurch die Wandlung bewirkt worden. Gerührt schloß der Arzt den Zigeuner in seine Arnw. küßte ihn und sagte: „Das lohn' Euch Gott, Nico! Ihr seid so brav, wie Ihr klug seid! Fortan ist mein Haus das Euere! Ihr sollt uns Jreund und Bruder sein!" Und nun mußte Nico von Aladar erzählen, der so hoch in Ehren beim Papste stünde und, obgleich Christ, ein so guter Mensch geblieben sei. Da der seither als Richter in Dr. Lazzlo's Prozeß fungirende Dr. Bathorp spurlos verschwunden war, wünschte Signore Spalato, der als Gesandter des Papstes hohes Ansehen genoß, daß in Bathory's Bureau sämmtlichc Papiere einer genauen Durchsicht unterzogen würden. Diese Revision ergab das überraschende Resultat, daß die vermißte Ilona Kusmik noch lebe. Das arme Mädchen, das Bathorp an einen Mädchenhändler verkaufte. hatte ihn mit Briefen bestürmt, er möge Etwas für ihre Befreiung thun, sie könne das Schicksal, zu dem er sie verurtheilt, nicht ertragen. Selbstverständlich wurde sofort das Geeignete veranlaßt. um Ilona aus den Händen jener Elenden zu befreien, die trn Complott mit Dr. Bathorp waren. Außerdem ergaben weitere bei der Durchsicht des Bureaus Vorgefundene Briefe, daß Jlona's Mutter in einem ungarischen Dorfe unweit der türkischen Grenze auf Bathorp's Befehl festgehalten wurde. Das Geld hatte man ihr abgenommen und sie hungern und darben lassen. Der alten Frau war schon jede Hoffnung geschwunden. daß sie ihre Tochter je Wiedersehen werde. Welch' eine Freude, als sie ihr, ohne daß sie eine Ahnung hatte, daß gute Menschen für ihre Befreiung thätig, zugeführt wurde.

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