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Der Israelit · 1901-05-30 · Heft 42 (30.5.1901) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 42 (30.5.1901)
Date
1901-05-30
Page
– (sequence 20)
Language
German
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950 nicht trennen und blieb im Zimmer, seinen Worten lauschend, ohne das Auge von ihm zu wenden. Und was Aladar erzählte, war darnach angethan, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Er hatte mit der Elerisei gebrochen, seinen Abschied genommen und war willens, sich dem Iudenthume wieder zuzuwenden. Das dem Bruder von Christen bereitete traurige Schicksal hatte ihn gegen Alles, was mit Raffenhaß zusammenhing, erbittert. In Rom selbst war ihm Gelegenheit geworden, einen Einblick in das die Welt bewegenden Getriebe zu erhalten. Er war von Ehrenstellung zu Ehrenstellung befördert worden, aber die erhoffte Glückseligkeit hatte er nicht gefunden. Auch die Gunst des Papstes vermochte ihn nicht für das, was er aufgegeben. zu entschädigen. Er sehnte sich darnach, unter seinen Brüdern zu leben, dem geknechteten, getretenen, in seinen Rechten bedrohten Judenvolke wieder anzugehören. Staunend hörte Eli, pochenden Herzens lauschte Aranka seinen Worten. Aladar wieder bei ihnen, Aladar, den ste einst mit allen fasern ihres Herzens geliebt, dem sie jetzt so viel zu verdanken hatte. Am zweiten Feiertage schritten die Brüder Arm in Arm dem Tempel zu. Aladar wollte am Gottesdienste theilnehmen. Er betete lange und inbrünstig; ihm war, da Schauern der Andacht seine Seele durchbebten, als hätte er Zwiesprache mit Gott gehalten, seine Verzeihung dafür erlangt, daß er in eitler Verblendung den Glauben seiner Väter abgeschworen. Die Kunde, daß Aladar Lazzlo zum Judenthum zurückgekehrt, Rang, Neichthum, Ehren im Stich gelassen, um seinen Glaubensgenossen in ihren Nöthen beizustehen, durchlief mit Blitzesschnelle die ganze Gemeinde. Man feierte ihn wie einen der Großen Israels nannte ihn eine Leuchte seines Volkes; vergessen war Treubruch und Religionswechsel, sie Alle waren stolz, ihn wieder den Ihren zu nennen. Aladar blieb hernach Jahre hindurch litterarisch thätig; seinem erleuchteten Geist war Einblick in zwei Weltreligionen geworden; was er darüber schrieb, fand ein begeistertes Publikum. Er hatte, selbst fürchtend, des Bruders häusliches Glück zu stören, seine Vaterstadt verlassen und in Prag Aufenthalt genommen. Hier war er gar bald der Mittelpunkt eines Kreises einflußreicher Männer von Geist. So oft er auch Gelegenheit hatte, mit hochgebildeten Frauen zu verkehren, er mied ihren Umgang, "kn die Eine, die seinem Herzen nahe gestanden, die ihm aber ewig fernbleibcn mußte, ragte keine hinan; und die Anderen waren ihm gleichgiltig. Von Rom aus kamen ihm wiederholt verlockende Anträge, wen-n schon nicht als Geistlicher, so doch als Lehrer zu wirken. Er lehnte alle ab, er wollte seinem wiedergewonnenen Bäterglauben von ganzem Herzen treu bleiben. „Daß ich mich demselben jemals abwandte." sagte er einst zu Eli, der ihn mit seiner Gattin und Kindern in Prag besuchte, „war eine Irrung, die aber der allbarmherzige Gott zum Guten führte, denn wer weiß, zu welchen Ausschreitungen die antisemitische Hetze geführt bätte, wenn ihr nicht des Papstes Machtwort Einhalt geboten hätte! Dr. Eli verbrachte einige Wochen mit den Se-inigen in dem schönen Prag. Als sie nach Verlauf derselben von Aladar Abschied nahmen, mußte derselbe versprechen, sie bald in ihrem Heim zu besuchen. Er wollte sein Wort einlösen, fand aber nicht die Kraft dazu in sich. Aranka, um deren willen er einst das Vaterhaus verlassen, war ihm noch die Heißgeliebte; ihr nah sein und fern bleiben zu müssen — welche Seelengual! Ja, wäre sie nickt des Bruders Weib gewesen! Doch so hieß es entsaaen. Wie schwer ihm das mit seinem liebeglühenden Herzen wurde, ahnte Niemand. Und als er zu kränkeln begann, wußten auch die Aerzte nicht, wo es ihm fehlte. Tiefe Melancholie hielt feine Sinne umfangen. Der schöne, jugendstarke Mann siechte dahin, war kaum mehr ein Schatten seiner selbst. Die Einen meinten, er sehne sich nach Rom, Andere. er sei nicht Jude, nicht Christ und dcßhalb mit sich zerfallen. — Freude und Frohsinn waren aus seinem Leben gewichen, auch die rechte Schaffenslust, die ihn ehedem beseligte. Seit Wochen bettlägerig, verlangte er darnach, die Seinigen zu sehen. Bruder und Schwägerin eilten an sein Krankenbett. Er fieberte stark, erkannte den Bruder nicht mehr, wohl aber Aranka, die er leidenschaftlich küßte, den heißen Kopf an ihre Brust lehnte und nach wenigen Augenblicken, selig lächelnd, in ihren Armen verschied. Unter seinen hinterlassenen Papieren fand sich manch' schwungvolles, v»n Entsagung und glühender Liebe durchgeistigtes Gedicht, in denen er Aranka seines Lebens entschwundene Sonne, sein verlorenes Glück nannte. Der Bruder war aufrichtig genug, diese Papiere Aranka zu übergeben. „D. ich wußte es, daß er mich liebte," sagte sie, indem sich ihre An.gen mit Thränen füllten, „ich wußte, daß ihn diese Liebe in die Ferne trieb; „doch glaube mir, kein Wort, kein Blick ist je zwischen uns gewechselt worden, stets bin ich Deiner würdig geblieben!" „Brauchst Du das zu betheuern?" fragte Dr. Eli, ..ich weiß, daß eine gute jüdische Frau dem Gatten Treue bewahrt, und Du, meine Aranka, bist eine Mustersrau und mir jetzt doppelt theuer, da ich erkenne, welche Opfer Ihr Beide, Du und der theure Entschlafene, mir gebracht! Lass' uns sein Andenken in Ehren halten!

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