Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 42 (30.5.1901)
- Date
- 1901-05-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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941 Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. 28. Mai. In der russischen Paßangelegenheit hatten der „Bresl. Ztg." zufolge vor einigen Tagen mehrere Herren vom Magistrat und vom Verein selbstständiger Kaufleute in Kattowitz eine Unterredung mit dem Regierungspräsidenten Holtz in Oppeln. Der Präsident sagte den Herren zu, alles, was in seinen Kräften steht, zu unternehmen, um die plötzlich entstandenen Pasischwierigkeiten zu beseitigen. Er glaube bestimmt, das; die neuen russischerseits getroffenen Aenderungen im Grenzverkehr in kurzer Zeit ausgehoben werden. Nach Berlin habe er bereits in diesem Sinne berichtet. Ai«S dem Regierungsbezirk (Gaffel. Während eine größere Anzahl jüdischer Gemeinden die Errichtung eigener Elementarschulen erstreben, andere die Erhaltung derselben durch Aufwendung pekuniärer Opfer sich in anerkennenswerther Weise angelegen sein taffen, hat die jüdische Gemeinde in Witzenhausen ihre seit Jahren bestehende, von einer guten Lehrkraft geleitete Schule vreisgegeben. Der Vorgang, der sich hierbei abspielte, dürfte auch weitere Kreise intereffiren. Witzenhausen ist ein Kreisstädtchen. Auf Grund des vreußischen Besoldungsgesetzes von 1897 erhalten die Lehrer an den Volksschulen in Witzenhausen 1200 Mk. Grundgehalt. Der jüdische Lehrer erhielt aber nur 1000 Mk. und bemühte sich vergebens, eine Gleichstellung mit den übrigen Lehrern herbeizuführen. Die Gemeinde blieb Siegerin. Die Königs. Regierung in Caffel erblickte in der „Nichtgleichstellung" des jüdischen Lehrers mit den christlichen eine Härte und gewährte mit Genehmigung des Herrn Ministers, eine Staatsbeihilfe von 200 Mk. pr. Jahr. Das genügte dem Vorstande der jüdischen Gemeinde nicht, weil die Staatsbeihilfe unter der Bedingung des Widerrufes gegeben wurde, und das Anerbieten der Königlichen Negierung wurde abgelehnt. Kommentar überflüffig. Der Herr Negierungsrath hat in gerechter Entrüstung über dieses Gebühren die Auflösung der Schule in sichere Aussicht gestellt. In Witzenhausen wirkte Jahrzehnte lang der durch sein Wohlthun weit belannte Rabbiner Dr. Frankel s. A. Solche Vorkommnisse zeugen leider von dem Rückgänge der religiösen Gesinnung auf dem Lande und geben Veranlassung zu ernsten Besorgnissen um die Erhaltung unserer p'n nrcs. Münster i. W., 23. Mai. Die fünf Seminaristen des ersten Kurses des hiesigen „Jüdischen Lehrerseminars" (Marks Heidend'orf'sche Stiftung) haben vor der Königlichen Prüfungskommission in Soest und Gütersloh das erste Examen mit gutem Erfolge bestanden. Beiden Prüfungen wohnte auf Einladung des König!. Provinzialschulkollegiums Herr Seminar-Direktor Dr. Spanier (vom genannten Seminar) bei. Sämmtliche Kandidaten waren bereits vor dem Examen in Gemeinden der beiden Provinzen Rheinland und Westfalen engagirt. Vurtlsteinfurt, 27. Mai. Am 2. Tage myntP entschlief sanft im hohen Greisenalter von 92 Jahren der Rentner Herr Moses Coppel W e r t h e i m. Mit ihm ist das älteste Mitglied unserer Gemeinde, der älteste Bürger unserer Stadt, dahingegangen. Ausgerüstet mit herrlichen Geistesgaben, war es ihm durch seinen rastlosen Fleiß, seine seltene Energie und seinem eisenfesten Willen gelungen, sich aus kleinen Anfängen emporzuarbeiten in dem schweren Kampfe des Lebens. Was ihn aber besonders ausgezeichnet und ihn bei allen, die ihn kannten, so verehrungswürdig gemacht hat, das war neben seinem einfachen, biederen Sinn seine innige Religiosität, seine wahre, ungeheuchte Herzensfrömmigkeit. Die Ausübung der heiligen Gebote war sein Lebenselixir, und weder sein hohes Alter, noch ein körperliches Gebrechen, von dem er in den letzten Jahren befallen war. konnte ihn daran hindern. Einem edlen Zuge seines Herzens folgend, hat er sich der Armen und Bedrängten jederzeit warm angenommen. Bei jeder Gelegenheit bekundete er seinen mildthätigen Sinn; er wirkte am liebsten im Geheimen, in stiller, anspruchsloser Verborgenheit. Allgemein beliebt und verehrt, was sich so recht anläßlich seines 90. Geburtstages zeigte, den er vor zwei Jahren in bewunderungswürdiger Geistesfrische im Kreise der Seinen begehen fomiie, wird er seiner Familie, unserer Gemeinde und seinen zahlreichen Freunden und Verehrern unvergeßlich bleiben. .71202b pnx 127 O e st e r r. - U n g. Monarchie. Karlsbad, im Mai. Der Antisemitismus hat leider jetzt auch in der berühmten Svrudelstadt Eingang gefunden. Oskar Vlumenthal schreibt hierüber in einem Feuilleton des „B. T.": Leider habe ich in diesem Jahre das idyllische Bild wesentlich verschaltet gefunden. Ich suchte den Frieden, und ich fand den Krieg. Einen peinlichen Bürgerkrieg, der sich von Zeitung zu Zeitung, ja fast von Haus zu Haus in zornigen Streitreden ausgrollt. Schrill und häßlich gellt der politische Hader durch Karlsbad. Die Stadtvertretuna ist in zwei Lager gespalten, und eine Minderheit von zehn „Alldeutschen" hat plötzlich in den Ort, der schon durch die weltbürgerliche Mischung seiner Gäste vor allen politischen Einseitigkeiten geschützt sein sollte, das Gistkraut des Antisemitismus gepflanzt. Man hat auch schon in früheren Jahren über das latente Eindringen dieser Zeitkrankheit allerlei gemunkelt und gemurrt, aber sichtbarlich ist sie nirgends in die Erscheinung getreten. Im Gegentheil, ich habe immer den Eindruck gewonnen, daß die Bürger Karlsbads in seltener Unparteilichkeit und k»nfeffionsloser