Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 42 (30.5.1901)
- Date
- 1901-05-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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937 Feuilleton. Mine gebildete Wrau. Von Werkelte Ilried. 17, (Schluß.) Den Schwall von Entschuldigungen, den der Meister vorbrachte, als er diesen Etikettefehler bemerkte, unterbrach Müllner freundlich mit der Bemeriung, daß er sich als Freund des Hauses betrachte, dem gegenüber keine Umstande gemacht werden dürfen. Der Doktor hatte seinen ganzen Urlaub in der Nähe seiner geliebten Elise zugebracht. Nur allzubald näherte sich dieser seinem Ende, und die Zeit rückte heran, wo er seine Braut und deren Pflegemutter, sowie deren auch ihm liebgewordenen Freunde verlaßen sollte. Bevor er wegging, hatte er noch eine wichtige Sache zu erledigen, die er von Tag zu Tag aufgeschoben hatte. Er konnte immer nicht den rechten Ton finden, um sein Ziel zu erreichen, ohne eine Taktlosigkeit zu begehen. Dieses vorgesteckte Ziel war nichts geringeres, als die in dieser Beziehung halsstarrige Rösl zu veranlaßen, ihm eine genaue Untersuchung ihrer kranken Augen zu gestatten, da er immer noch hoffte, daß dies Nebel durch eine Operation behoben werden könne. Es war dies nicht so leicht zu erlangen, denn selbst den unabläßigen Bitten Gundel's setzte Rösl stets die Behauptung entgegen, daß dies ein Familienleiden sei, dem sie unrettbar verfallen, und welches sie noch durch ihr unsinniges Lesen beschleunigt habe. Gundel ließ sich wohl damit abfertigen, nicht so der Mediziner, welcher der Augenheilkunde während seiner ganzen Studienzeit ungewöhnliches Interesse entgegenbrachte. Während Rösl wieder einmal allein in ihrem Zimmer war, den Strickstrumpf in den Händen und ernste Gedanken im Kopfe, machte sich der eintretende Doktor ein Herz und steuerte gerade auf sein Ziel los. Er kam schlecht an. „Auch meine Mutter ist blind gestorben. Es ist dies ein Fatum, gegen das sich nicht ankämpfen läßt," sagte Frau Rösl. „Wenn aber doch?," meinte dringlicher werdend der Doktor. „Zu jener Zeit stand die Chirurgie noch auf keiner solch' hohen Stufe, wie jetzt. Was damals unmöglich, ja undenkbar schien, ist heute eine ungefährliche Operation, die alljährlich mit gutem Erfolge vorgenommen wird. Es braucht nur etwas Muth Ihrerseits, einen festen Entschluß, und die Finsterniß, welche Sie jetzt umgibt, wird dem göttlichen: „Es werde Licht!" weichen, und dann werden mit der äußeren Finsternis auch die finsteren Gedanken verschwinden, welche so oft hinter dieser hohen Stirne arbeiten, und diese in krause Falten ziehen." „Lasseil Sie mir meine Blindheit, ich tauge nicht mehr in diese Welt!" „Was, das sagen Sie, eine so gebildete Frau!" Die Blinde fuhr vom Lehnsessel, auf dem sie gesessen, empor, und stellte sich vor ihren Besucher auf. „Auch Sie, Sic nennen mich mit diesem unglückseligen Worte, welches fast mein ganzes Leben vergiftet hatte?" Der Doktor wußte es von seiner Braut, daß Frau Rösl das Wort „gebildet" als die größte Beleidigung, die man ihr anzuthun vermochte, empfand, sonst hätte er wahrhaftig annehmen müssen, die gute Frau sei plötzlich von Irrsinn befallen worden. „Sie wissen sehr wohl, daß es nicht in meiner Absicht gelegen. Sie zu beleidigen oder zu kränken. Niemand kann besser sc wie ich weibliche Bildung würdigen, der ich mein Leben lang nur mit hochgebildeten Damen verkehrt habe, deren wohlthätiger Einfluß den Hang zum Bösen, den ich etwa von meinem Vater er erbt hatte, vernichtete. Wenn ich Sie also eine gebildete Frau nannte, so geschah es darum, weil ich Ihnen mit diesem Ausdrucke meine besondere Hochachtung beweisen wollte." „O, Sie wissen nicht," rief Rösl schmerzlich bewegt aus, „was ich Jahre lang unter dem ungerechten Vorwurfe gelitten, daß ich durch Erlangung meiner sogenannten Bildung dem Unternehmen meines Mannes hinderlich gewesen, daß ich Haus und Familie vernachlässigte u. s. w. Alle haben ja kein gutes Haar an mir gelassen," rief sie aus, mit den Händen gewohnheitsmäßig die erblindeten Augen bedeckend, gleichsam, als wollte sie all die Oualen nicht sehen, die sie im Herzen mitgemacht. „Arme Frau!" sagte der Doktor, von tiefem Mitleiden ergriffen und nahm ihre Hände in die seinen. „Wissen Sie denn nicht, daß Bildung frei macht? Frei vom Drucke aller Vorurtheile, frei von kleinlichen Bedenken und Rücksichten. Biele haben Sie verleumdet, weil Sie, die ärmere, es gewagt haben, diese in geistiger Beziehung zu überragen. Diese Nichtigkeit hätte keinen solch' großen Einfluß auf Ihr ganzes Leben ausüben sollen, denn Sie mußten sich selber sagen, daß nur Geistesbildung im Stande ist. den Armen davor zu bewahren, daß er nicht im Schlamme des Gewöhnlichen versinke und untergehe." „Sie haben in manchem Recht, lieber Freund," unterbrach Rösl den eifrigen Sprecher, „und ist es mir auffallend, woher Ihnen, dem jungen Manne, der kaum die flotten Studentenjahre hinter sich hat, diese ernste Erfahrung kommt?" „Diese Erfahrung hat mir meine durch die Flucht meines Vaters verdüsterte Kindheit gebracht. Was