Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 42 (30.5.1901)
- Date
- 1901-05-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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934 Geschäftsjahre 48 Bewerber in geeigneten Stellungen untergebracht. In Anbetracht der zur Zeit noch bescheiß denen Mittel des Vereins und der großen Schwierigkeiten, die gerade auf diesem Thätigkeitsgebiete bestehen, ist dieses Ergebniß für den Anfang immerhin ein befriedigendes zu nennen. Es wäre dringend wünschenswerth, wenn diesem Verein, der eine wahrhaft ideale Aufgabe verfolgt, die Sympathien in den weitesten Kreisen zu Theil würden. Vorsitzender des Vereins ist Herr Moritz Merzbach, Berlin, Behrenstraße 33, an den Meldungen zum Beitritt etc. zu richten sind. Ponitz, 28. Mai. Unter großer Betheiligung der Bürgerschaft wurde am 23. d. Mts. die Hülle des verstorbenen Stadtverordneten, Likörfabrikanten Hermann Bereut, zur letzten Ruhe bestattet. Vertreter des Magistrats, des Stadtverordnetenkollegiums und der Loge waren in dem großen Zuge der Leidtragenden. Da sah man auch nichts von dem prinzipiellen Antisemitismus unserer Bürgerschaft, von dem das Konitzer Tageblatt immer spricht. Es waren viel mehr Christen als Glaubensgenossen des Verstorbenen, die in der Leichenballe der ergreifenden Rede des Rabbiners Dr. Kellermann zuhörten, und die auf den Sarg des Verblichenen eine Hand voll Erde warfen. Posen. „Die Moral des Talmud" betitelt sich ein Artikel, den der Redakteur Stanislaus Kaczmarek hier in seinem Blatte „Postep" veröffentlicht hat. Das Landgericht Posen hat darin eine Beschimpfung des Rabbinerthums, einer Einrichtung der jüdischen Religionsgemeinschaft, erblickt und Herrn Kaczmarek am 24. Januar zu zwei Wochen Gefängniß verurtheilt. In dem Artikel wird behauptet, einem Juden sei einem Nichtmden gegenüber alles erlaubt. Der Nutzen sei das höchste Recht. Unrecht solle man nach dem Talmud nur deßhalb nicht thun, weil es dem jüdischen Thäter Schaden bringe könnte. Nur die Juden seien, so lehre der Talmud, Menschen und stammten von Gott ab; die anderen Menschen seien Thiere. Wenn ein Jude ein nichtjüdisches Weib entführe, so sei das daher auch kein Ehebruch. Der Angeklagte will den Artikel aus den „Deutschsozialen Blättern" übersetzt haben. Allerdings findet üch dort, wie das Urtheil bemerkt, ein fast gleicher Artikel. Das Gericht erblickt die Beschimpfung des Rabbinerthums in der Behauptung des Artikels, die Rabbiner hätten durch ihre Tüfteleien aus dem Talmud diese Ansichten herauskonstruirt und verbreitet. Ob der Talmud jene Grundsätze lehrt, kann nach Ansicht des Landgerichts dahingestellt bleiben, jedenfalls sei das Rabbinerthum durch die Behauptung beschimpft, daß es solche Lehren heranSgetiiftelt und verbreitet habe. Die Revision des Angeklagten, welche sich nur gegen die thatsächlichen Feststellungen richtete, wurde vom Reichsgerichte verworfen. Kiffingen, im Mai. Zu den segensreichsten Wohlfahrtseinrichtungen, welche die moderne Zeit innerhalb des Iudenthums geschaffen hat, gehören sicherlich die israelitischen Kinderheilstätten, welche siechen Kindern — den armen unentgeltlich, den bemittelten gegen mäßige Bezahlung — ihre Pforten öffnen. Daß die bereits bestehenden derartigen Anstalten einem fühlbaren Bedürfnisse entsprechen, ist durch die Thatsachen bewiesen. Die Zahl der Bittsteller wächst von Jabr zu Jahr und ist oft so groß, daß allen Aufnahmegesuchen gar nicht entsprochen werden kann. Es werden bisher jährlich etwa 500 Kinder in den jüdischen Kinderheilstätten verpflegt und behandelt. Da mit den erschwerten Erwerbsverhältnifsen und den verschlechterten Lebensbedingungen die Zahl dieser Kinder stetig zunimmt, ist es mit doppelter Jreusie zu begrüßen. wenn die bereits bestehenden Anstalten durch die Begründung einer neuen Kinderheilstätte entlastet werden. Eine solche neue Anstalt wird auf eine seinerzeit gegebene Anregung des Herrn Dr. med. Münz in Nürnberg in dem durch seine schöne Lage und seine vorzüglichen Quellen gleich ausgezeichneten Bade Kiffingen mit Gottes Hilfe in's Leben gerufen. Die Kinderheilstätte in Kissingen ist bestimmt zur Aufnahme von kranken, schwächlichen oder sonst in der Entwickelung zurückgebliebenen Kindern beiderlei Geschlechts im Alter von 4—16 Jahren. Das edle, humanitäre Merk rückt, Dank des einmüthigen Zusammenwirkens der Kreise aus allen religiösen Parteirichtungen, seiner Vollendung näher. Es sind bereits größere einmalige Beiträge, darunter allein die hochherzige Spende von 10,000 Mk. seitens des als Wohlthäter bekannten Herrn S. Bergmann-Jürth und seiner edlen Iran Gemahlin, dem Unternehmen zugewandt worden. Dadurch war man in die Lage versetzt, einen geeigneten Bauplatz sür die Kinderheilstätte in Kiffingen käuflich zu erwerben. Es fehlen freilich noch bedeutende Summen, um nur den Bau, ein bleibendes Wahrzeichen jiidischen Wolhthätigkeitsinnes, in Angriff zu nehmen. Das Komitee, welches sich aus angesehenen Männern aller Landestheile zusammensetzt unb die Begründung der israelit. Kinderheilstätte in Kiffingen anstrebt, wendet sich darum an den oft bewahrten jüdischen Mobltbätigkeitssinn edler Menschenfreunde mit der Bitte, das hochherzige Werk durch Gewährung eines einmaligen Beitrags zu unterstützen und mitbegründen zu Helsen. Eine jede Zuwendung stiftet reichen Segen und 'oarf des wärmsten Dankes sicher sein; auf jeder Gabe ruht der Segen aus Kindermund, ruht der Segen Gottes. Die gute Sache spricht für sich selbst und auch wir wünschen ihr viele Freunde und Gönner. Beiträge bittet man zu richten an die Adreffe des Hrn. Banquier Wilhelm Ottensooser - Nürnberg, oder an Herrn Banquier A. Löwenthal - Kiffingen, sonstige An-