Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 61 (5.8.1901)
- Date
- 1901-08-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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' lf l> ^MMI^EGHWVW 1353 Wiffensdurst nicht mehr stillen. Hinaus zog es ihn mit allmächtiger Gewalt in die weite Welt, wo er die Fesseln abstreifen konnte, welche die streng-religiöse Lebensweise, die in seinem Elternhause herrschte, um ihn legte. Hinaus in die Welt, wo die Gelegenheit winkte, die Geheimniffe der allschaffenden Natur zu belauschen, deren Kräfte und Walten zu ergründen. — Da war es vor allem die Universitätsstadt Prag, deren Ruf auch bis zu ihm in das weltverlorene polnische Städtchen gedrungen, die ihn lockte. Schwer, nur sehr schwer war von seinem Vater die Erlaubniß zu dieser Reise zu erlangen. „Gehe nicht nach Böhmen, mein Sohn! Dort in diesem Lande wirst Du bald die Grundsätze verlernen, in denen ich Dich so sorgfältig erzogen habe. Wenn Dir schon die Heimath zu enge ist, und Dein Lerneifer Dich in die weite Welt hinaus drängt,so gehe doch lieber nach Deutschland. Die dortigen Glaubensgenossen sind uns sinnverwandt; gehe, wenn nicht anders, nach Ungarn oder Mähren, auch dort ist das Gift der Neuerung nicht so üppig aufgeschossen, wie im Lande der Böhmen." Aber was halfen alle diese Vorstellungen. Rabbi Naftali Bernstein hatte es bei all seiner Gelehrsamkeit nicht gelernt, den Bitten seines einzigen Kindes zu lviderstehen, und so zog eines schönen Tages Jung- Rafael aus seinem Elternhause fort. Der fürsorgliche Vater hatte seinem Liebling nicht nur seinen Segen mit auf die weite Reise gegeben, sondern auch eine wohlgefüllte Brieftasche, sowie einen Empfehlungsbrief an seinen Jugendfreund und einstigen Studiengenossen, dem gelehrten R. Salomon Rappoport, Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde zu Prag. Dieser hervorragende Gelehrte und Menschenfreund nahm sich des jungen, ihm von so lieber Seite warm empfohlenen Landsmannes auf's Beste an, umsomehr, als derselbe ein erstaunliches Wissen und geradezu immense Arbeitslust zu entfalten begann; bald wurde der junge Pole der Liebling seines Lehrers, welcher ihn allen Andern vorzog, und ihn allen Talmudbeflissenen zum Vorbilde empfahl. Nach einiger Zeit erlahmte dieser rege Wissensdrang auf merkliche Weise. Immer seltener erschien Rafael bei den Vorträgen des Meisters, bis er schließlich gänzlich ausblieb. Er hatte sich auf ein anderes Studium geworfen. So wie er sonst Erstaunliches geleistet hatte, wo es das Talmudstudium galt, so hatte er in kurzer Zeit durch privates Studium auch das profane Wissen nachgeholt, wozu andere junge Leute viele Jahre ununterbrochener Arbeit aufwenden müssen, und welches für ihn unumgänglich nöthig war. Als er nun fertig und alle Prüfungen mit Auszeichnung abgelegt hatte, da stellte sich ihm zur Erlangung seines vorgesteckten Zieles ein unerwartetes großes Hemmniß in den Weg: sein Religionsbekenntniß. Rafael sah ein, daß, wenn er seinen Glauben nicht wechsle, an die Erlangung einer Professur nicht zu denken war. Seine Freunde und Kollegen setzten dem noch immer Zaudernden eifrig zu — im Grunde handelte es sich ja nur um eine bloße Form, denn thatsächlich hatte er den Glauben seiner Väter schon längst über Bord geworfen, wie einen schweren Ballast, der ihn am Vorwärtsdringen hinderte, und so beging er das Letzte, Schwerste, er legte den Glauben, in dem er geboren und erzogen wurde, ab. Nun stand ihm nichts, mehr im Wege, frei und uneingeschränkt durfte er lernen und lehren, forschen und vorwärtsdringen. Er blickte auf. Vor ihm lag der Berg, von dem er etwa vor einer Stunde herabgestiegen war. Doch welche Wandlung war mit dem Berge selbst, oder mit ihm vorgegangen? Wie kam es, daß er vorhin die seltsame Form desselben gar nicht beachtet hatte, wie sie ihm jetzt ausgefallen ist? Schon einmal hatte er auf einer seiner Forschungsreisen, es war, so schien es ihm, bei Gelegenheit seiner großen Orientrcise, einen ähnlichen Berg bestiegen, nur konnte er sich auf nichts Näheres besinnen. Rafael bedeckte mit der Hand seine Augen, um durch Verdunkelung seines äußeren Auges dem inneren einen weiteren Spielraum zu verschaffen. Ein heftiger Blitz, dem ein furchtbarer Donnerschlag folgte, ließ ihn aufsehen. Der Berg, der seine Gedanken soeben beschäftigte, stand in Flammen. Ununterbrochen niederfahrende Blitze mischten sich mit den Flammengluten, Donnergeheul mit Sturmesbrausen. Ja, jetzt wußte er, was das für ein Berg sei. Das war ja der Horeb, der rauchende, flammende Sinai, jetzt war ihm die Erkenntnis; gekommen. Und aus diesem Flammenmeere löste sich eine Menschengestalt, welche unbeirrt durch die sie umzüngelnden Feuersgluten denselben Weg herunterschritt, den er vorhin gegangen war. Wer mochte dies wohl sein? Wer? Er fragte noch, wer anders, als Moses, der da oben als Hausgenosse seines Gottes aus- und eingii'g^- „Komm nur herab, alter Knabe!" so rief er in übcrmüthigem Scherze; „längst schon gelüstet es mich, Dich zu sprechen, und über so manches, was mir dunkel schien, auszufragen. Bist ein guter Politiker gewesen, der Du die entflohenen Sklavenhorden so schön zu gängeln verstandest, hast Deine Kenntnisse der Staatskunst, Medizin und Taktik in ein demokratischesMäntelchen gehüllt, und dadurch unsterblich Großes geleistet. Die ganze zivilisirte Menschheit bis auf heute hat an die Göttlichkeit Deiner Lehre geglaubt, nur Einer nicht: Rafael Bernstein!" Indessen war die Gestalt näher gekommen, so daß Rafael die Umrisse derselben, ja sogar Einzelnes aus dem Gesichte deutlich erkennen konnte. „Wie!?" rief er