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Der Israelit · 1901-05-23 · Heft 40-41 (23.5.1901) · page 31

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 40-41 (23.5.1901)
Date
1901-05-23
Page
– (sequence 31)
Language
German
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I 921 die Nacht durchzufahren und Sonntag früh bei dem Fürsten vorzusprechen. Es war aber kein Wagen aufzutreiben, da keiner der zahlreichen Frankfurter Fuhrwerksbesitzer eine solche Reise bei Nacht wagen wollte. Oer Schnee lag nämlich drei bis vier Fuß hoch und die Kälte war grimmig. Mein Lehrer war damals ein alter, schwacher Mann, und konnte auf offenem Schlitten die Reise nicht wagen. Mit einem Wagen mußte man aber riskiren, mitten in der Nacht im Schnee stellen zu bleiben. Alle Freunde und Bekannte riethen daher von der Reise ab und drangen in den Greis, dieselbe doch bis zum Tage zu verschieben. Er aber wies alle diese Rathschläge mit der Bemerkung ab, daß man die Erfüllung einer Mizwa, die sich ihm so unerwartet biete, nicht hinausschieben dürfe und daß er mit jeder Minute, die er unnöthigerweise verstreichen laste, das Verbot übertrete: „Du sollst nicht stille stehen beim Blute Deines Bruders.,, Er schickte mich noch einmal nach einer Kutsche und beauftragte mich, jeden Preis dafür zu versprechen, nur sollte ich nicht ohne Wagen zurülllommen. Das half. In einer kleinen Stunde war ich mit einem Wagen und zwei starken Pferden da, und nun ging's fort in die Nacht und in den Schnee hinein. Es war selbstverständlich, daß ich meinen Lehrer begleitete. Bei solchen Gelegenheiten hatte ich die beste Veranlassung, die schier unglaubliche geistige Größe meines Lehrers anzustaunen. Wir lernten zusamnien ohne Licht und ohne Buch. Mein Lehrer hatte nicht nur den ganzen Talmud, sondern alle Kommentare wörtlich im Gedachtniß und trug sie im Dunkeln vor, als lese er den Wortlaut vom Blatte ab. So merkten wir gar nicht was draußen vorging, bis etwa nach drei- bis vierstündiger Fahrt der Wagen plötzlich hielt. Der Kutscher war vom Bock gestiegen, hatte den Kutschenschlag geöffnet und bemerkte ganz lakonisch: „Ich muß den Herren mittheilen, daß wir nicht weiter können. Der Schnee wird immer tiefer und die Roste werden immer müder, es geht nicht mehr." Ich stieg aus dem Wagen, wir warem im freien Feld, umgeben von einer Schneewüste,- jetzt war guter Rath theuer. Mein Lehrer aber sagte dem Kutscher, er solle den Magen hier ruhig stehen lasten, mit einem Pferde in's nächste Dorf reiten und dort Vorspann holen, er bekomme dafür fünf Gulden extra außer den Vorspannkosten. Das zog. Der Kutscher trabte fort; wir schloßen die Kutsche, stellten uns in unsere Pelze und setzten die Diskussion fort, als ob nichts vorgefallen wäre. Ich war so verlieft in den Gegenstand, der uns beschäftigte und hatte so alle Geisteskräfte nöthig, den scharfsinnigen Ausführungen meines Lehrers zu folgen, daß ich erst durch das Schellengeklingel des etwa nach drei Stunden zurückkehrenden Kutschers wieder an die Situation erinnert wurde, in der wir uns befanden. Der Kutscher hatte eben frisch eingespannt, als mein Lehrer plötzlich den Wagenschlag aufriß und hinaus in den Schnee sprang. In der Eile hatte er die weiten warmen Pelzschuhe im Wagen zurüllgelasten und stand nun mit seinen dünnen seidenen Strüpfen im gefrorenen Schnee, nein er stand nicht, er tanzte und sprang in einer Freude, die ich noch nie an ihm gesehen hatt?. Eine Zeit lang sah ich dem zu meinem größten Erstaunen zu, aber begreifen konnte ich's nicht und noch weniger konnte ich's ertragen — daß der gebrechliche Greis ohne Schuhe im Schnee sich bewegte. Ohne ein Wort zu sagen stieg ich ebenfalls aus und hob meinen Lehrer aus dem Schnee wieder in den Wagen. Er aber sprang wieder heraus und sagte zu mir: „Siehst Du denn nichts?" indem er auf die Bespannung des Wagens zeigte. Jetzt erst gewahrte ich worum es sich handelte. Der Kutscher hatte kein Pferd in dem Dorf auftreiben können und hatte Ochsen gebracht, die er mit den Pferden zusammen vor den Wagen gespannt hatte. „Lieber Johann," sagte ich zu dem Kutscher, „den Vorspann können wir nicht brauchen. Die Bibel verbietet uns Juden zwei verschiedene Thiergattungen zusammen zu spannen. Ihr müht in Gottes Namen noch einmal in's Dorf und zwei Roste bringen. Euer Weg wird Euch aber extra vergütet." „Thut mir Eure Wege kund, Rabbi," sagte ich zu meinem Lehrer, als der Kutscher fort war und wir wieder im Wagen saßen, „warum habt Ihr Euch so ungewöhnlich gefreut, daß Ihr vor Freude mir nicht einmal den Grund derselben sagtet?" „Du fragst noch?" fragte in seiner Seelengrötze erstaunt der Meister. „Du weißt doch wie sie unS alle in Frankfurt abgerathen haben, heute Nacht die Reife zu machen, und wie ich gegen den Willen Aller trotzdem die Reise unternahm. Und nun sieh doch, wie Gott unsere Mizwa belohnt hat! Wir hätten doch alt und grau werden, hätten noch hundert Jahre in der Frankfurter Judengaste leben können, wo wären wir bei den Bahnen, in welchen sich unser Leben bewegt, je dazu gekommen, dem Verbot im 5. Buch der Thora Cap. 12, V. 10 zu begegnen und der Vermeidung seiner Uebertretung ein Opfer zu bringen, wie wir es in diesem Augenblick thun? Begreifst Du jetzt meine Freude?" „Daß mein Lehrer seine damalige Mission glänzend erledigte, brauche ich jetzt nicht zu erzählen," fuhr Rabbi Moscheh Sofer fort. „Länger als vierzig Jahre liegt dieses Begegniß zurück und niemals war ich in der Lage es meinem Lehrer nachzuthun bis zu dieser Stunde. Wo kommt im gewöhnlichen Leben ein Rabbiner dazu, Geld zu verleihen, und so die Gesetze des Zinsoerbotes praktisch zu erfüllen? Nun hat der Himmel es wunderbar gefügt, daß ich einmal dem Roschhakohol hundert Gulden leihen und einen so respektablen Zins dafür erlangen konnte. D«S

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