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Der Israelit · 1901-05-23 · Heft 40-41 (23.5.1901) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 40-41 (23.5.1901)
Date
1901-05-23
Page
– (sequence 30)
Language
German
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920 Minuten lang. Der Rabbi ließ den Stein in allen Stellungen und Farben leuchten, steckte ihn von einem Finger an den andern und konnte gar kein Ende mit seinem Lobe finden. Niemand war glücklicher, als Rabbi Wolf Pappenhecm, daß er den Geschmack seines Wohlthäters so gut getroffen hatte und bei jeder wiederholten Anerkennung verklärten sich auf's neue die Züge des Gebers. — Aut die beiden jungen Leute machte die ganze Scene aber einen ganz andern Eindruck. Sie befanden sich da vor einem unerklärlichen Räthsel. So viel stand fest, der Roschhakohol hatte vom Rabbi hundert Gulden geliehen und sie jetzt zurückgebracht. Wie kommt der steinreiche Roschhakohol dazu, vom Rabbi hundert Gulden zu leihen? Aber was noch diel räthselbaster schien, wie darf der Rabbi mit den hundert Gulden den Ring als Erkenntlichkeit für die geübte Wohlthat nehmen, der Ring ist ja der reine Zins für das geliehene Kapital? Und der Rabbi sollte das übersehen? „Wir sind verpflichtet," raunte einer leise dem andern zu, „den Rabbi auf die Sünde aufmerksam zu machen, die er zu begehen im Begriffe ist." „Bist Du von Sinnen," flüsterte der andere zurück, „w i r sollten unseren Lebrer an das Gesetz Gottes erinnern dürfen, das er im Schlafe bester inne hat, als wir im wachen Zustande? Das wäre eine unverzeihliche Anmaßung, zu der ich mich niemals hergebe." — „Wenn der Name Gottes entweiht wird, tritt die dem Lehrer schuldige Ehre zurück, sagen unsere Weisen. Sieh doch die Freude, die der Rabbi mit dem Ringe hat und wie er ihn von einem Finger an den andern steckt. Ich rufe jetzt laut nur das eine Wort: Ribbis (Zins), das sind wir verpflichtet." „Vielleicht hast Du Recht. Aber jedenfalls wollen wir der Sache doch erst einmal ihren Lauf lasten, vielleicht fällt es dem Rabbi noch selber rechtzeitig genug ein. Wenn der Raschkohol das Zimmer verlassen und der Rabbi den Ring behalten wird, dann ist für uns erst die Zeit zum Reden gekommen." Wieder vergingen zwei lange Minuten, die der Rabbi mit Ausdrücken der Verwunderung über den prächtigen Ring ausfüllte, als sich Rabbi Mosche Sofer plötzlich an den Roschhakohol wandte: „Ich wiederhole Euch, daß ich mich nicht erinnere, je ein solches Kunstwerk gesehen zu haben. Hättet Ihr mir den Ring in einigen Wochen zum Geschenk gemacht, so hätte ich ihn dankbar angenommen. Aber jetzt kann ich ihn niemals in meinem Leben annehmen; das wäre ja Ribbis. Nehmt den Ring und bringt ihn Eurer Frau mit, sie wird damit eine große Freude haben und 'überall gerechtes Aufsehen erregen." Der Roschhakohol schlug sich vor den Kopf: „Ich Am Hoorez" (Unwissender), ries er aus, „wie konnte ich auch eine so naheliegende Sache übersehen! Es scheint, der Vater im Himmel will dem Rabbi seinen Lohn allein voll und ganz auszahlen, er läßt sich von unsercinem nichts hineinpfuschen. Lebt wohl, Rabbi, ohne Dank und ohne Ring." Mit diesen Worten verließ der Roschhakohol den Rabbi, um sein Haus aufzusuchen. Als Lehrer und Schüler wieder allein waren, ergriff der ältere der beiden das Wort: „Wir müssen den Rabbi um Verzeihung für die Anmaßung bitten, mit welcher wir in jugendlichem Leichtsinn vorhin den Rabbi erinnern wollten, daß hier eine Verletzung des Zinsverbots vorliege. Wir sind jetzt sicher, daß der Rabbi schon vom ersten Augenblick an nicht im Zweifel darüber war, aber wir sind in unserer Uebereilung deßhalb an der Handlungsweise unseres Lehrers irre geworden, weil der Rabbi fast volle fünf Minuten seiner Freude über das kostbare Geschenk in so überschwenglicher Weise Ausdruck gab, und damit stehen wir vor einem neuen Räthsel. Wenn, worüber wir ja nicht im Zweifel sind, der Rabbi von vornherein gewußt hat. daß die Annahme des Ringes eine Verletzung der Ribbisgesetze bedeutet, warum hat der Rabbi sich so mit dem Ringe gefreut und den Roschhakohol — und damit auch uns — so lange in der Meinung gelassen, als wolle der Rabbi das Geschenk annehmen?" „Eure Frage ist berechtigt," erwiederte der Rabbi mit einem Anflug von innerer Ergriffenheit, die ihn unwillkürlich überkam, so oft er von seinem eigenen großen Lehrer sprach. „Das, was ich hier gethan habe, habe ich von meinem unvergeßlichen Lehrer Rabbi Nathan Adler, das Andenken des Gerechten werde zum Segen, einmal bei einer merkwürdigen Veranlassung zu lernen das Glück gehabt." Und Rabbi Moscheh Sofer begann: „Als ich noch in meiner Vaterstadt Frankfurt am Main zu Füßen dieses meines einzig großen Lehrers saß und sein Licht auch über meinem Haupte leuchtete, trug sich einmal folgende Begebenheit zu: Eine kleine jüdische Genleinde im Odenwald war durch gehässige, lügenhafte Anklage in ihrer Existenz bedroht und sollte von Haus und Hof verjagt werden. Das Städtchen gehörte zu den Besitzungen des Fürsten von Dalberg, der zu den treuesten Beschützern der Juden zählte und mit dem auch mein theurer Lehrer persönlich befreundet war. Davon hatte die hart bedrängte Gemeinde Kenntniß, sie batte deßhalb eine Deputation an Rabbi Nathan Adler geschickt, er möge sich für sie bei dem Fürsten verwenden, da sonst der Bestand der Gemeinde und Gut und Blut ihrer Mitglieder auf's äußerste gefährdet sei. Die Devutirten waren in Frankfurt eine halbe Stunde vor Eintritt des Sabbat Chanuka eingetroffen. Der Fürst war zur Zeit nicht in Frankfurt, sondern weilte aus einem seiner Güter in der unmittelbaren Nähe von Gelnhausen. Sofort nach Ausgang des Sabbat schickte mein Lehrer nach einem Wagen, um

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