Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 40-41 (23.5.1901)
- Date
- 1901-05-23
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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916 angesehenst?' Mann der Gemeinde, Roschhakohol Rabbi Wolf Pappenheim selber, und die Höhe und Würde des Eintretenden bekundeten mit jeder Bewegung seinen hohen Rang; jeder Zoll ein Roschhakohol! „Wie man sich doch irren kann," sagte Rabbi Moscheh, „ich hätte sicher geglaubt, ein armer Mann poche an die Thüre, denn ich kenne seit vielen Jahren unseres Verkehrs jeden Schritt und Tritt Eures Ganges, sowie Eure Art und Weise, an die Thüre zu klopfen." „Rabbi. Ihr seid ein Engel Gottes. Eure vermeintlichen Jrrthümer enthalten mehr Wahrheit, als die tiefgründigste Weisheit von Menschen unseres Schlages: kann ich den Rabbi einige Minuten ganz allein sprechen?" Statt jeder Antwort schloß der Rabbi die Thüre ab und nöthigte seinen Gast, Platz zu nehmen. Der Letztere holte tief Athem und mußte einige Sekunden vor innerer Erregung innehalten, dann stieß er in kurzen, abgebrochenen Sätzen die wenigen Sätze hervor: „Ich habe dem Rabbi ein tiefes Geheimniß mitzutheilen und möchte dafür den Rath des Rabbi erbitten. Ich bin ein verlorener, unglücklicher Mann, der vollkommen ruinirt ist." Erschrocken blickte Rabbi Moscheh Sofer in die von tiefem Gram durchfurchten Gesichtszüge seines Gastes. Er konnte seinen Blick nicht prüfen, da er die Augen wie ein Schuldiger zu Boden geschlagen hatte. Aber der fliegende Athem, die pochenden Schläfenpulse und der silberbeschlagene Stock, der jede Bewegung der zitternden Hände verrieth, das alles sagte dem aufmerksamen Beobachter, daß etwas ganz Ungewöhnliches sich ereignet haben müsse. „Welche Sünde habt Ihr denn begangen, daß Ihr Euch für so unglücklich und für vollkommen verloren erachtet?" fragte leise der Rabbi. Da leuchtete das trübe Auge des Gefragten in freudiger Gluth auf und er blickte mit heiterer Zuversicht in das Antlitz des Rabbi. „Einer Sünde bin ich mir, dem Himmel sei Dank, nicht bewußt. Nicht darum handelt es sich, sondern ich bin ein armer Mann, ich habe mein ganzes Vermögen und zwar ohne mein Verschulden verloren!" „Ihr habt Euer Geld verloren, sonst nichts als Euer Geld, und da wäret Ihr ein verlorener, ruinirter und unglücklicher Mann? Seid Ihr denn Euer Geld, baß Ihr verloren seid, wenn Euer Geld verloren ist? Die Liebe, die Achtung und Verehrung, die Euch die ganze Gemeinde, die Euch Jeder entgegen bringt, mit dem Ihr je in Berührung gekommen seid, gilt Euch, gilt nicht Eurem Geld. Wohl habt Ihr Euer Geld jederzeit dazu verwendet, um arme Thoragelehrte zu unterstützen, um Hungernde zu speisen, Nackte zu kleiden und Kranke zu heilen, aber man hat trotzdem in Euch nicht Euer Geld, sondern Euch selber geschätzt und geliebt. Wer kann je diese Juwelen aus der Krone Eurer zahlreichen Verdienste brechen? Ihr seid und bleibt unsäglich reich, auch wenn Ihr im Augenblick lein Geld mehr habt. Aber verzeiht, damit habt Ihr ganz sicher gesündigt, daß Ihr so sprächet, wie Ihr gesprochen habt. Ihr hängt doch noch zu viel am Geld, wenn Ihr Euch ohne seinen Besitz für unglücklich und sür verloren haltet. Und nun erzählt mir doch einmal alles der Reihe nach, wie es sich zugetragen hat." Der weise Menschenkenner hatte die letzten Sätze in hartem, vorwurfsvollem Tone gesprochen und damit dem Unglücklichen wieder die Selbstachtung und die Zuversicht in sich selbst zurückgegeben, so daß er aufathmend und sichtlich erleichtert begann: „Meine Sache ist bald erzählt. Ich habe mich mit großen Summen für solide, brave Geschäftsfreunde verbürgt und bin dadurch schon vor mehreren Monaten empfindlich geschädigt worden. Aber neuerdings bin ick durch Fallissemcnte, schlechte Geschäftsverhältnisse und Widrigkeiten aller Art so hart mitgenommen worden, daß ich selber genöthigt bin, meine Zahlungen einzustellen." Rabbi Moscheh erschrak und warf in der Erregung die Bemerkung hin: „Dazu darfs und wirds nicht kommen." „Amen," sagte bestätigend der Roschhakohol, „das möge Gottes Wille sein. Aber wie es weiter gehen soll, das weiß ich nicht und darüber wollte ich den Rath des Rabbi erbitten. Ich sollte morgen zur Leipziger Herbstmesse reisen, — glaubt mir der Rabbi, daß ich die Mitte! dazu nicht mehr habe? Ich bin allen Verpflichtungen bis zu dieser Stunde auf's gewissenhafteste nachgekommen, dadurch bin ich aber jetzt von allen Mitteln so entblößt, daß ich gewiß nicht zehn Gulden mehr fände, wenn ich auch alle Kisten und Kasten durchsuchte." „Weiß Jemand etwas von dem Stand Eurer Sache?" „Keine menschliche Seele, außer Ihr, Rabbi, nicht einmal meiner Frau habe ich bis jetzt davon etwas mitgetheilt; ich dachte mir, sie wird es noch früh genug erfahren müssen. Wenn ich aber dieses Jahr nicht nach Leipzig reise, so wird es die Welt in wenigen Tagen wissen." „Wie viel braucht Ihr für die Reise nach Leipzig?" — „Bis jetzt haben mich meine Reisen in die Messe nicht nur nichts gekostet, sondern sie haben mir im Gegentheil so großen Gewinn gebracht, durch die vielen Gelegenheiten, die sich dort zum Kaufen und Verkaufen boten, daß ich das gar nicht genau angeben kann. Ich nahm immer große Summen Geldes mit und bestritt davon die Reisekosten. Die letzteren waren so verschwindend klein, daß sie gar nicht in Betracht kamen, im Vergleich mit den großen Summen, um die es sich dabei handelte. Aber dieses Jahr habe ich keine Kapi-