Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 40-41 (23.5.1901)
- Date
- 1901-05-23
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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908 Elimelech, der Gatte der Noomi, war einer der Vielen. Seine selbstische Gesinnung zeigte sich beim Eintritte der Leidenszeit. Er, der wohlhabende Mann, verläßt seine unglücklichen Stammesgenoffen und zieht in die fremde, um sich den Bitte und Hülfe suchenden Verwandten zu entziehen. Die Armen gibt er ihrer Noth preis und denkt nur an seinen Vortheil. Treffend charakterisirt ihn die Agada: rhix xnpy nnxn p'a pr6 npari „Kommt das Leid, denkt er nur an sich und überläßt die Andern ihrem Geschick;" Noomi scheint ihm Vorstellungen gemacht zu haben, sie suchte sein verhärtetes Gemüth für Mitleid und Milde zu erschließen, doch vergebens. wx X3P Der Mann wollte aus der Heimath ziehen und Noomi mußte ihm als getreues Weib folgen, rb nS&to inwxi np? x'n. Hier traf den Elimelech die Hand des Ewigen; er erkrankte und starb. Auch seine beiden Söhne wurden von schwerem Siechthum befallen. Die hingebenfte Pflege ihrer Frauen Orva und Rut erwies sich als ohnmächtig. Bald führte auch sie der Todesengel in's Reich der Stille. Noomi stand jetzt gatten- und kinderlos, wie ein entlaubter Baum oder — um ein altes Bild zu gebrauchen — „wie der ärmliche Rest einer glänzenden Festesgabe." ronae xrt nnw:. Aber jetzt im Leid zeigte sie sich ihres Namens werth. Noomi heißt die Liebreiche, und wirklich war ihr Walten liebevoll und edel. new >np: ne ’:bc b'cjw D'x; on'wve iw. Des eigenen Schmerzes nicht achtend, war sie bestrebt, die schwergebeugten Schwiegertöchter aufzurichten und ihnen im tiefem Weh Trost zu spenden. Sie suchte ihnen nach Kräften mit ihrer wunderbaren treuen Liebe Ersatz zu geben für den schweren Verlust. So vergingen einige Jahre gemeinsamen Zusammenlebens. Die alte Frau bezwang die Sehnsucht nach ihrer Heimath. Schließlich aber, weil sie dereinst in geweihter Erde wollte bestattet werden, beschloß sie, ihr Vaterland wieder aufzusuchen, zumal auch die frohe Nachricht kam: vnb vnb nrib nx ’.n npc 2 „daß der Ewige sein Volk bedacht habe, ihm Brod zu geben." Nun sollte sie erfahren die Wahrheit des Wortes: ..Wer Liebe säet, der erntet Liebe!" Was sie in banger, schwerer Zeit den Schwiegertöchtern in treuer Liebe geleistet, konnten diese ihr nicht vergessen. Wie mit diamantenen Banden fühlten sie ihre Herzen an Noomi gekettet. Sie sind daher fest entschlossen, Noomi zu begleiten, und ihretwegen die Moabitische Heimath aufzugeben. Noomi erwehret sich ihrer, sie will das Opfer nicht annehmen, doch die Treuen weichen nicht von ihrer Seite. Sie kommen an des Landes Grenze, da versucht Noonii sie noch einmal wankend zu machen in ihrem Entschluß: „Gehet heim, kehret um, eine Jede in ihr Heimathhaus. Möge der Ewige Euch Ruhe geben, mrx rra nwx. Eine^r jeden opn Euch ein neusss, trautes Heim an der Seite eines liebendes MmayleSk" ' Äbtt die Treuen wollen sich nicht trennen, zu tiefe Wurzeln hatte die Liebe zu Noomi in ihren Herzen geschlagen. Thränenden Auges und bewegter Stimme sprechen sie: a*w; -jnx „Nein, mit Dir ziehen wir zu Deinem Volke." Aber Noomi will nicht, daß die lebensfrohe Jugend ihr Geschick an das der lebenssatten Greisin knüpfe. Sie bangte für ihr eigenes Loos, weiß sie doch nicht, ob sie daheim bereite Helfer finden werde, die sie aus der Armuth Fesseln erlösen. Kann sie es dulden, daß die jungen Frauen freiwillig all' diese schweren Kämpfe auf sich nehmen? Oder hoffen sie vielleicht, in Palästina einen Mann zu finden? Wer wird die armen Wittwen aus fremden Landen heimführen und ihnen ein Haus gründen? cae nxe b 10 wie bx ’n n' '2 nxjr 2. „Nicht doch, meine Töchter, denn mir ist gar sehr weh um Euch, fürwahr, mich traf die Hand des Ewigen." Und Orpa ließ sich umstimnien, sie, die vielleicht selbst eine alte Mutter zu pflegen hatte, küßt noch einmal die greise Freundin und wendet sich weinend zur Umkehr. Rut aber, nmsn nana nnx-iw die nach der Rabbinischen Deutung einen tieferen Sinn in die mahnenden Worte Noomi's gelegt und in ihnen den treuen Rath sah, sich von den heidnischen Sitten und Gewohnheiten zu befreien, die ihr etwa noch anhafteten, na npan nm, Rut bleibt bei ihr. Weiter wandern sie des Weges, Noomi versucht noch einmal, die Liebevolle zur Umkehr zu bewegen: „Folge doch Deiner Schwägerin!" Aber Rut bleibt fest und spricht jene innigen Worte, die wir immer in tiefster Ergriffenheit lesen: „Dringe nicht in mich. Dich zu verlassen und von Dir zu gehen, denn wo Du hingehst, da will auch ich hingehen und wo Du weilst, da will auch ich weilen. Dein Gott sei mein Gott, und Dein Volk sei mein Volk, nur der Tod soll trennen zwischen Dir und mir!" So lohnte Liebe ihr mit Liebe! Die Schwergebeugte stand nicht allein da, sie hatte ein Herz gefunden, das bei ihr ausharrte, sie hatte Liebe gesäet, und wie reichlich konnte sie jetzt bei Rut Liebe ernten! Mit kindlicher Zärtlichkeit hing die noch im Lenze ihres Lebens Stehende an der Alten, die schon dem Grabe zuwankt. Wie verzichtete sie auf die rosigen Freuden der Jugend, auf fröhliche Gesellschaft, auf heitere Vergnügungen, und widmete sich ganz der übernommenen heiligen Pflicht. Vergessen wir nicht, daß Rut eine moabitische Fürstentochter gewesen, wie der Midrasch versichert. Im Elternhaus hatte sic nur Glanz und Ueberfluß kennen gelernt, die köstlichsten Speisen zur Nahrung, die prächtigsten Stoffe zur Kleidung, die schönsten Perlen zum Schmuck erhalten. Jetzt nachtete sie mit Noomi in einer armseligen, verfallenen Hütte, statt auf weichen Pfühlen mußte sie sich jetzt auf die nackte Erde betten, statt der leckeren Gerichte mußte sie ihren Hunger an gerösteten Aehren stillen/'"Und sie, die gewohnt war, einer Schaar von willigen Dienerinnen Befehle zu ertheilen, mußte jetzt