Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 40-41 (23.5.1901)
- Date
- 1901-05-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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901 das Getreide in den Speichern überwachten, es reinigten, abwogen und verluden. Endlich kam noch eine größere Anzahl von Kommissionären und kleinen '„Kaufleuten" hinzu, die mit einem kleinen erborgten Kapital es fertig brachten, sich „beim Getreide" eine Existenz ztt verschaffen. Durch die Mißernten der letzten beiden Jahre ist diese reichlich fließende Nahrunosquelle versiegt und über 800 Familien sahen sich plötzlich völlig auf's Trockene gesetzt. Schon im vorigen Jahre ist die in Bjelzy zur Verladung gelangte Getreidemenge von 9 Millionen rapid auf 114 Million Pud gesunken, um in diesem Jahre völlig aufzuhören. Die Folge war, daß gegenwärtig in Bjelzy nicht weniger als 800 Familien mit ca. 5000 Köpfen in bitterster Notb sind, aus der sie vor September kaum erlöst werden. Dazu kommt noch, daß die 4OO jüdischen Fuhrleute ihre Pferde verkauft haben und in Folge dessen beim Beginn der im Herbst eintretenden neuen Getreidecampagne nicht im Stande sein werden ihre frühere Beschäftigung wieder aufzunehmen. Petersburg. Eine Abänderung der Maigesetze soll, wie verschiedene Petersburger Blätter zu melden wiffen, die russische Regierung planen. Es handelt sich in erster Reihe darum, die Stellung der jüdischen Kaufleute erster und zweiter Gilde zu verbeffern, welche bis jetzt eine sehr gedrückte war. Bekanntlich dürfen gegenwärtig die jüdischen Kaufleute zweiter Gilde gar nicht und diejenigen erster Gilde nur dann im Innern Rußlands wohnen, wenn sie fünf Jahre hintereinander einer kaufmännischen Korporation eines außerhalb des Ansiedelungsravons gelegenen Ortes angehört haben. Setzt sich ein solcher Kaufmann erster Gilde, der jahrelang außerhalb des Ansiedelungsrayons ein Geschäft betrieben hatte, zur Ruhe, so verliert er mit dem Momente, wo er die kostspielige Gilde zu zahlen aufhört, Taut etner vor wenigen Monaten gefällten Senatsentscheidung sofort das Recht, überall in Rußland wohnen zu dürfen und darf, sofern er außerhalb des Rayons wohnen sollte, diesen seinen Wohnsitz nicht verlassen. Die neugeplante Modifikation geht nun dahin, daß sämmtlichen jüdischen Kaufleuten, gleichviel ob erster oder zweiter Gilde, das Recht, sich im ganzen russischen Reiche aushalten zu dürfen, ohne weiteres eingeräumt werde. Damit jedoch die Juden Rußlands über diese grenzenlose Ausdehnung ihrer Rechte nicht gar zu übermüthig werden, soll ihnen sofort dadurch ein Dämpfer aufgesetzt werden, daß ihnen auf der einen Seite genau so viel wieder genommen, als ihnen auf der andern Seite gegeben wird. Dieses Aequivalent besteht darin, daß das Verbot, außerhalb der Städte und Städtchen unbewegliches Eigenthum zu erwerben (ein Verbot, welches bisher sich nur auf das Gebiet des Ansiedelungsravons erstreckt bat) fortan für das gesammte russische Reich gelten soll. Dadurch soll gleichzeitig auch der „Gefahr" vorgebeugt werden, daß die jüdischen Kaufleute, denen nunmehr ganz Rußland offen steht, nicht allzuviel vom orthodoxen, strenggläubigen. Heilgen russischen Boden erwerben. Die neue Prohibitivmaßregel ist eine schwere Beeinträchtigung der Rechte der russischen Juden und könnte den schlimmsten Maigesetzen würdig an die Seite gestellt werden. Um die Tragweite dieses schlimmen Gesetzes einigermaßen zu mildern, wird nun beabsichtigt, den Juden eine kleine Entschädigung zu bieten und ihnen zu gestatten überall, wo sie wohnen dürfen, in erster Reihe also im Ansiedelungsrapon selbst, Land nicht unter 65 Ha. unter der Bedingung zu erwerben, daß sie dasselbe eigenhändig bebauen sollen. Die Begünstigung ist insofern werthvoll, als dadurch den im Ansiedelungsrayon wohnenden jüdischen Massen die Möglichkeit geboten wird, in Rußland selb st Ackerbau zu treiben und somit für sich selbst und ihre Nachkommen eine neue, überaus ergiebige Nahrungsquelle zu eröffnen. Odessa. (Aus demBerichte desHerrn P o l j a k o w) Herr S. L. P o l j a k o w wurde vor einiger Zeit von dem Odessaer Komitee kür die nothleidenden Juden in Südrußland auf eine Inspektionsreise entsendet. Derselbe hat bereits die nördliche Hälfte des Kreises Elisabethgrad besucht und über seinen Befund Bericht erstattet. In 20 Ortschaften gibt es gegenwärtig 731 Familien mit 3739 Seelen, die nicht etwa in Noth sind, sondern die im buchstäblichsten Sinne des Wortes Hunger leiden. Die Arbeitslosigkeit unter den Juden ist so groß, daß erwachsene Männer von einem täglichen Verdienst von 10 Kopeken <20 Pfennige) träumen. Ein jüdischer Schneider war glücklich, als er einen Bauernrock für 8 Koveken zu machen bekam, für den er in normalen Zeiten 75—100 Kopeken Macherlohn gezahlt wird. Trefflich wurde die Lage von einem Raw einer Gemeinde von 400 Familien geschildert. „Vor 30 Jahren, da ich Raw meiner Gemeinde wurde," berichtete er, „gab es in derselben nur einen einzigen Armen. Mir hatten Niemand." fügte er mit einem bitteren Lächeln hinzu, „bei dem wir das „Moaus Ehitim" (Geld für Mazzoth) los werden konnten. Jetzt gibt es unter den 400 Familien meiner Gemeinde kaum 15. die sich nur so durchschlagen. 20—30 Familien suchen erfolglos ihre Armuth zu verheimlichen, 160 Familien leiden große Noth, während 112 Familien, d. h. 28 pCt. der ganzen Gemeinde buchstäblich Hunger leidet. Dieses Verhältniß trifft im Durchschnitt für alle anderen von Herrn Poljakow besuchten Gemeinden zu. Die Stimmung der jüdischen Bevölkerung in den nothleidenden Gouvernements ist geradezu verzweifelt. Die Leute sind bläß und apathisch und wandeln geräuschlos wie die Schatten einher. Es ist ihnen augenscheinlich bereits ganz egal, was aus ihnen werden wird. Nur die Mütter wollen sich noch in ihr Schick-