Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 40-41 (23.5.1901)
- Date
- 1901-05-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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892 Erde, und was sie füllet, ummodelt, umformet er nach Herzenslust. Er menget, mischet, bauet auf und reißet nieder, zerstört und richtet wieder auf. Und was verleiht ihm diese uneingeschränkte Macht? Das Denken. Das Denken ist ein Riesenwerkzeug einer Riesenarbeit. Es macht den Menschen zum Herrn, zum Bezwinger und Herrscher der ganzen Schöpfung; es erhebt, krönt und adelt ihn. Was ist und was heißt aber denken? Denken heißt! Dinge einander nähern, ihre Merkmale loslösen, sie vergleichen, Ungleiches absondern, Gleiches zusammenfiigen. Wenn wir ein mathematisches Problem läsen, nähern wir die uns bekannten Stücke möglichst einander, lösen ihre Merkmale los und vergleichen sie, sondern das Ungleiche ab, fügen gleiches zusammen und finden auf diesem Wege das gesuchte Unbekannte. Diese Arbeit vollzieht aber unser Geist fast stetig; nur mit dem Unterschiede, im einen Falle spielend leicht, unbewußt, im andern mühsam, Schritt für Schritt. — Das Vermögen, die feinsten Unterschiede der Dinge und ihre entferntesten Berhältniffe zu einander aufzufinden, nennen wir Scharfsinn. Denken und scharfsinniges Denken, oder, was dasselbe ist, Klugheit, entspringen beide einer Quelle, das ist die Erkenntniß. Denn sollen wir das Verhältniß zweier Dinge zu einander finden, so muffen wir vorerst Eigenschaften und Merkmale des einen, Eigenschaften und Merkmale des anderen Dinges erkennen. Somit beruht das Denken auf der Erkenntniß. Wir unterscheiden demnach ein Dreifaches: Kenntniß der Dinge als für fick allein siebend, Einsicht in ihre Merkmale in Bezug aufeinander und drittens das Vermögen, von beidem ausgiebigen. vielseitigen und raschen Gebrauch zu machen — Scharfsinn, Klugheit. Drei Ausdrücke der hebräischen Sprache bezeichnen trefflich diese Stufenfolge geistiger Arbeit. Sie heißen: rpi (Erkenntniß), 1121 (Einsicht), 7:22-1 (Weisheit, Klugheit). Diese Reihenfolge — entgegen der herkömmlichen, die i:'2n als Höchstes bezeichnet — erschließt uns das Berständniß vieler Schriftstellen, von denen hier nur einige angedeutet seien: (Genesis 41. 83) 22-17 p2; L"x n»ie kt irr. Und nun ersehe sich njne einen einsichtsvollen, klugen Mann. wünscht also einen Landesverwalter, der erst p2J dann C2n ist, einen Mann, der die Stufenleiter geistiger Vollkommenheit in logischer Reihenfolge erstiegen, einen 231 der aus "2: sich entwickelt und nxiv — dieses wohl erwägend — erwiedert: pa: px nxr P nx -jrpx 2’pP rnn -ns 7:2 C2m. Da Gott dich dieses alles hat wissen lassen, ist keiner so einsichtig und weise wie du! 'pp ynn Du bist ein gottbegabter nyi P2. die Basis, woraus du zum p2J und 231 dich entwickelt. Auch Exodus 36, 31 wird uns klar, wenn wir uns an dieser Stufenfolge geistiger Arbeit: Daas, Tevonoh, Chochmoh. halten: nvnsi nranr 122-12 crpix m urs xp*\ „Und ich erfülle ihn mit göttlichem Geiste, mit Weisheit, Einsicht und mit Erkenntniß. In unmittelbarem Anschlüsse an 2-j?P ni folgt als das Höchste — noan; von da in regressiver Folge: nrin und dann ran, oder auswärts: nasn 1*21 ,njn. Siebt sich also der Mensch unter allen Erdengeschöpfen in der Daas-, Tevunoh-, Chochmoh Einlage bevorzugt, so sollte er auch — könnte man glauben — hierin sein Lebensziel erblicken. Wenn wir also unsere Technik bis zur Vollendung vervollkommnen, in der Naturwissenschaft mit Riesenschritten vorwärts schreiten; wenn wir durch unsere .1221 weiteste Entfernungen aneinander rücken, Meerestiefen ergründen, Himmels - höhen erschwingen, so haben wir gelebt, haben unser Ziel erreicht, unsere Aufgabe erfaßt und erfüllt — so könnte man ineinen, da fällt der Blick cuif das Prophetenwort. der uns nüchtern zuruft: :i;:p Der Qchs kennt auch seinen Herrn. Auch die niederen Geschöpfe besitzen nvi-Anlage. Und 122-1.? — 1221, meint der große Sittenprediger, tann man zuweilen auch von der Ameise lernen 221: 162: P -jS! Liegt also der Vorzug des Menschen in der njn, man Ipn - Anlage nicht, so muß er anderwärts zu finden sein. Wenn wir von einem jungen Tempelherrn in „Natban der Weise" lesen, daß er ein Menschenleben mit Einsetzung des eigenen aus Rauch und Flammen vom sicheren Tode gerettet; wenn wir sehen, wie ein Tell sich der wilden Brandung einer sturmgepeitschten See aussetzt und den todtgeängstigten Baumgarten an's Rettungsnser rudert, so findet diese That unfern Beifall; wir nennen sie edel, schön, gut. Das Vermögen, das Schöne schon, das Gute gut und das Wahre wahr zu finden, neunen wir Vernunft. Im Hebräischen: Pr?. Dieses Vermögen besitzt aber unter allen Erden wesen der Mensch allein. Er allein besitzt die Anlage, das Gute, Wahre und Schöne aut, wahr und schön zu finden, es seinem Geiste darzustellen. es ursprünglich sich zu vergegenwärtigen. Der Mensch allein besitzt pL' Vernunft. Hierin wird er also mit Erfolg seinen Lebenszweck und sein Lebensziel suchen. Denn, ist es Vernunft, die ihn auszeichnei, die nur bei ihm und bei leinenandern Wesen in der ganzen Schöpfung anzuireffen ist. so liegt der Schluß nahe, daß die Vernunft, oder Pr? auch iene Ursache ist. der er sein Dasein verdankt und jenes Ziel, das zu erstreben, zum mindesten aber dem nachzusireben er hat, wenn er leben will — leben und nicht vegetieren' — Nicht 1-22.1 sondern Pb? adelt also den Menschen. Daher (Jeremia 9, 22, 33): Pmai Pin’ rs72 ex '2—-12212 221 Pin’ P in'.x jm b2 s>i. „Es rühme sich nicht der Kluge seiner Klugheit, sondern damit rühme sich, wer sich rühmen mag. — wer seine Vernunft zur Thatigkeit angeregt Ptri und mich — mich den Ursprung der Vernunft, die Quelle des Wahren, Guten und Schönen erkennt. . Die Vernunft unterscheidet sich wesentlich von dem Verstände. Der Verstand abstrahirt vom Gegebenen, rergleicht oas Gegebene, reflektirt auf das Gegebene;