Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-05-20 · Heft 39 (20.5.1901) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 39 (20.5.1901)
Date
1901-05-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449184--53376-2504024
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gesicht war geröthet, er war augenscheinlich sehr erregt, der spöttische Zug um seine Lippen war verschwunden. „Aber ich möchte auch nicht in den Jomtauf hineinfahren, ich möchte auch einmal wieder die Weihe eines Jomtaufs verleben, ich werde den Schwuaus mit Ihnen verbringen." In ihren Augen leuchtete es: „Wollen Sie das? O, das ist schön von Ihnen. Aber was werden wir jetzt beginnen?" ..Zuerst natürlich müssen wir telegraphisch in M. unser Mißgeschick mittheilen und unser Nichtkommen motiviren. Dann, denke ich, gehen wir in ein Hotel, oder." sie waren inzwischen in den Wartesaal eingeireten, „wir setzen uns vorerst mal hierher und lassen uns was Gutes zu essen kommen. Ich verspüre entschieden Appetit!" „O. wenn Sie das ivollen, dann können Sie meinetwegen auch abreisen. Mich wenigstens bekommen Sie dazu nicht, hier unerlaubte Speisen zu genießen." „Sie stnd eine kleine Tyrannin. Doch auch hierin will ich Ihnen folgen." Und nun ließen sich beide am Wartesaalbüffet das Adreßbuch geben. Bald hatten sie die Adresse eines jüdischen Restaurants gefunden, auch einige Dr. Roth nicht unbekannte Namen jüdischer Familien. Bei denen konnte man sich ja erkundigen, ob das Restaurant streng koscher sei. Ferner gab es dort auch noch einen Metzger, bei dem man allenfalls etwas bekam. Der vor ganz kurzer Zeit noch so skrupellose, glaubenslose Doktor mußte über sich selbst lächeln, mit welchem Eifer, welcher Genauigkeit er sich jetzt über die streng rituelle Zubereitung der Speisen erkundigte. Komisch! Was seine Freunde wohl sagen würden, wenn sie's erführen! Nach langen Irrfahrten endlich waren sie glücklich bei einem Metzger Blümlein untergebracht. Die kleine Lea, die der Doktor für seine Schwester ausgab, war schon ganz erschöpft von all' den Strapazen, die sie durchgemacht hatten. Wie heldenmüthig sie sich all' den Unbequemlichkeiten aussetzte, um auch das kleinste der vorgeschriebenen Gebote genau zu halten und zu erfüllen. Lea konnte vielleicht den verlorenen Glauben m ihm neu beleben, — vielleicht! Es war übrigens recht gemüthlich bei den alten Metzgersleuten. Die Jomtaufsreude lag ihnen auf den alten, verrunzelten Gesichtern. Ans dem runden Tsch inmitten der geräumigen Stube war ein weißes Tischtuch ausgebreitet und zwei Leuchter mit brennenden Kerzen standen darauf. Wie den Doktor dies an seine Kindheit erinnerte, an seine fröhliche, glückliche Kindheit! Auf einem Seitentischchen aber drängte für das morgische Frühstück der zu jeder Schwuausfeier gehörende Käsekuchen. Sie hatten'? sich Beide bequem gemacht bei den braven Metzgersleuten. Lea hatte sich das Gesicht mit kühlem Wasser erfrischt und das Haar neu geordnet. Auch Doktor Max Roth hatte, so gut es eben ging, den Reisestaub von sich abgeschüttelt. Das einfache, aber gut bereitete Mahl schmeckte ihnen vortrefflich, trotzdem die alten Leutchen, wie sie sagten, auf so vornehme Gäste nicht gerichtet waren, und diese nun vorlieb nehmen mußten mit dem, was da war. „Allerneueste Depesche, schreckliches Unglück!" tönte es da auf der Straße. Alles stürmte an die Fenster. Im Nu hatte Dr. Roth eine Depesche in der Hand. „Großer Zusammenstoß zweier Züge. Zahl der Todten und Verwundeten konnte noch nicht ermittelt werden." Wo und an welchem Zug war denn das passirt. Träumte er? Nein, der Schreck, der zufällig entgangenen Gefahr, lähmte ihn fast, nein, es war wirklich derselbe Zug, den er benutzt härte, wenn Lea nicht gewesen wäre. Ihr verdankte er sein Leben, seine Rettung und-— was noch mehr ist, den wiedergewonnenen Glauben. Ein nie gekanntes Gefühl von Jubel und unbeschreiblichen Dankes zu Gott befiel ihn, ein seliger Friede kam über ihn. Was er Jahre lang nicht mehr gethan hatte, — er ergriff ein jüdisches Gebetbuch und sprach in der heiligen Sprache der Hebräer das Festgebet für Schwuaus. Obwohl Lea das Schwuausfest nun in der Ferne beging, hatte sie doch noch nie ein so herrliches, schönes verlebt. Und als sie dann nach Ausgang des Jomtauf, den Nachtzug benutzend, nach Haus fuhr, da wußte sie, sie hatte den Mann gefunden, dem für ewig anzugehören ihr die höchste Seligkeit war, und ihre Hand erwiederte leise den Druck einer andern Hand, die sie umschlossen hielt, der Hand des Geliebten. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Mainz, 19. Mai. Vorstand und Damenkomitee der „Israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem" haben an die Lokalkomitee und sonstigen Freunde und Förderer, sowie deren Damen, eine Einladung zu einer am Dienstag, 28. Mai, in Ahlem stattfindenden Versammlung erlassen. Zweck dieser Zusammenkunft ist nicht nur Kenntnißnahme der gesammten Einrichtungen, Besichtigung der Kulturen etc., sondern auch eine „allgemeine Aussprache" über die ferneren Ziele der Anstalt, namentlich über die neu zu bauende „Mädchenanstalt." Es ist auch der Wunsch des Vorstandes, daß aus der Mitte der Versammlung zweckmäßige Anträge gestellt werden. Lei dem wachsenden Interesse, welches sich in jüdischen Kreisen für eine rationelle „Erziehung der Kinder," sowie für Förderung von Handwerk und Bodenkultur unter unseren Glaubensgenossen allenthalben kundgibt, wird auch eine rege Betheiligung an dieser Versammlung erwartet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.