Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 39 (20.5.1901)
- Date
- 1901-05-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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42. Jahrgang. Aeitage zu Jfs 39 des „Israelit". Feuilleton. Die Heimreise zu Achwusus. Von Id Nod. Es ist Frühling, strahlender, leuchtender Frühling; der Himmel lacht in lichter Bläue, und die Erde hat ihr Festgewand angelegt: es blüht und knospet und duftet. . . Wenig bemerken hiervon zwei im Ostende-Frankfurter Eilzua sitzende Reisende. Beide sind in ein so angeregtes Gespräch vertieft, daß ihre Augen nur flüchtig an der Lenzespracht haften, an der sie der dahinsausende Eilzug vorbeiträgt. Die Beiden kennen sich noch nicht lange. Aber ein paar Stunden gezwungenen Beisammenseins bringt oft zwei Menschen einander näher, als dies Jahre flüchtigen Verkehrs je vermögen. Sie kommt von England, wo sie eine Stelle als Erzieherin inne hatte. Schon ein ganzes Jahr lang hatte sie die geliebten Eltern und Geschwister nicht mehr gesehen. Nun will sie heim, das schöne, herrliche Schwuausfesi bei den Ihren zu verbringen. Wie sie sich freut! Dieses Jahr bat sie wahrhaft doppelt „geomert." Und die Freude strahlt ihr aus den Augen, die das Schönste an der ganzen kleinen Person sind. In diesen Augen liegt eine Seele, eine große, feurige Seele. Sonst war eigentlich nichts Hübsches an ihr zu bemerken. Das Gesichtchen war etwas zu schmal und braun, die dicken zu krausen schwarzen Haare machten es noch düsterer, als es so schon war. Kurz, man erkannte in ihr sofort die Jüdin. Anders ihr Gegenüber. Dieser war eine durchaus „teutsche" Erscheinung. Schlank und groß, blauäugig mit blondem Haar und flottem Schnurrbart, konnte er eher als ein in Civil reisender Gardeleutnant gelten, denn als Sohn eines Rabbiners, was er wirklich war, der Sohn des früh verstorbenen Dr. Jsak Roth, Rabbiner in L— stadt. Und er wollte auch nicht viel vom Judenthume mehr wißen. Die Religion seiner Väter war ihm nichts als eine sentimentale Hingabe an phantastische Ideen, was einem modernen, realistisch gesinnten Menschen durchaus nicht ansteht. Und dann, was gingen ihn Die Ereignisse an, die vor tausenden von Jahren sich einmal zutrugen, wenn sie überhaupt jemals geschehen waren? Er war Arzt Und Naturforscher, er glaubte wobl' rln.ein allfchaffendes,' alles regierendes; Wesen, aber all' den „Humbug" der drum herumhing, all die Ueberlieferungen. das konnte und wollte er nicht glauben. Und das kleine, braune Ding ihm gegenüber sah ihn an tlnd in den dunklen Augen lag Wehmuth und Mitleid zugleich für den armen „weisen" Mann, der nicht mehr kannte, welch' eine Weihe die stille, erhabene Sabbatruhe verbreitete, der nichts mehr wußte von der seligen, innigen Freude, die ein Jomtof mit sich brachte, . der nichts mehr zu opfern vermochte für seinen Glauben, — für seinen Glauben, für den so viele der Vorahnen das Leben gelassen hatten. Armer Mann! Was der Blick bekundete, das sprach auch bald der Mund, sprach es in so einfachen, ergreifenden Worten, daß man merkte, sie kamen ihr von Herzen. Da ertönte ein Pfiff! Der Zug hielt. Hastig ergriffen Beide ihr Handgepäck, schnell aus dem Coupe, den Anschluß nicht versäumt! Doch kaum waren Beide auf dem Bahnsteige, da ertönte wieder ein Pfiff — fort sauste der Zug, der sie hatte aufnehmen sollen, aus der Bahnhofshalle, der Anschluß war. versäumt. Große Thronen standen in den Augen der kleinen Lea, die dem davon eilenden Zuge hilflos nachblickte. „Beruhigen Sie sich doch," sprach da der junge Dr. Roth auf sie ein, „in zwei Stunden geht wieder ein Zug. Sie kommen dann zwar erst spät gegen Abend an, aber ich werde Sie schon sicher nach Hause geleiten!" Erstaunt sah Lea den Sprecher an. „Ja, aber den kann ich ja gar nicht benutzen. Da käme ich ja erst an, wenn der Jomtauf längst schon begonnen hat." — „Nun, was macht denn das? Sie wollen doch wohl nicht das Schwuausfest, auf das Sie sich so freuten, hier einsam verbringen und das Wiedersehen mit ihren Eltern, von denen Sie ein Jahr lang getrennt waren, auch noch verschieben?" „Und warum nicht? Dies kleine Opfer kann man doch seinem Glauben bringen!" Stolz warf sie den Kopf zurück, ihre Lippen umspielte ein spöttisches Lächeln, ihre Thronen waren längst getrocknet. „Sie werden ja wohl den nächsten Zug zur Heimath benutzen. Grüßen Sie die Meinen und leben Sie wohl!" Sie reichte ibm die kleine behandschuhte Rechte. Er hotte stck abgewandt. Einen Augenblick kämpfte etwas in ihm. Dann fuhr er plötzlich herum. „Aber nein, ich kann Sie doch nicht so schutzlos zurück'afsen. Ich bleibe selbstverständlich bei Ihnen." „O. um mich brauchen Sie sich nicht zu sorgen," erwiederte Lea heiter, „ich stehe im Schutze eines höheren Herrn. Der liebe Gott wird mich nicht verlassen!" Wieder schien er einen Augenblick,.mit sich zu kämpfen. Ihr Gottvertrauen schien ihm - zuimponiren. Ganz unerwartet stand er plötzlich dicht vor ihr, sein