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Der Israelit · 1901-05-15 · Heft 38 (15.5.1901) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 38 (15.5.1901)
Date
1901-05-15
Page
– (sequence 19)
Language
German
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869 Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde thaten selbstverständlich alles Mögliche, um klarzulegen, daß die Beschuldigung, Juden verwendeten Christenblut, eine ganz widersinnige fei; man berief sich auf Aussprüche bedeutender Kirchenlehrer, die, der Wahrheit drs Ehre gebend, in Wart und Schrift dafür eingetreten-, daß das Märchen vom „Ritualmord" jeder Glaubwürdigkeit entbehre: Dr. Lazzlo's makelloses Vorleben, sein stets dem Wohlthun zugewandter Sinn wurde in Betracht gezogen, umsonst, die Verhandlungen nahmen ihren Fortgang, es gelang nicht, die Anklage niederzuschlagen, noch weniger Lazzlo's Enthaftung zu erwürken. Aranka bewies in dieser schweren Zeit eine bewunderungswürdige Standhaftigkeit. Nur einmal hatte sie ihren Gatten sehen dürfen; wenngleich ihr das Herz blutete, zwang sie sich zur Ruhe, sprach ihm Muth zu, Ihr felsenfestes Gottvertrauen wirkte stärkend und Hoffnung anregend auf den ganz gebrochenen Mann; aber als die Unterredung beendet und sie wieder allein war, da verließen sie ihre Kräfte. Laut aufschluchzend sank sie im Vorhose des Gcfängnißhauses zusammen. Hier war es, uw sie Dr. Bathory, der eben eine Inspektion vornahm, antraf. „Nun, schöne Frau," sprach er, indem er sie aufzurichten suchte, „liegt Ihnen jetzt etwas daran, Ihres Mannes Lage zu verbessern?" Er winkte dem Beamten, der an der Thüre stand, sich zu entfernen. „Rathen Sw, was kann ich anfangen, um meinen Mann zu befreien?" kragte Aranka, sich mühsam erhebend. „Thun Sw doch nicht, als wären Sie ein dummes Schulmädchen," antwortete Dr. Bathory rynisch lächelnd. „Ich bin bereit, Alles zu thun, jedes Opfer zu bringen," sagte Aranka, „so weit es sich mit meiner Ehre verträgt!" „Rur keine volltönenden Worte," sagte Dr. Bathorn, „Ihr Gatte wird seine Freiheit noch heute wieder erlangen, wenn —" er zischelte ihr einige Worte in's Ohr, bei deren Klang ihr Gesicht sich verfärbte, ihre Augen Blitze sprühten. „Nie, niemals!" rief sie zornbebend; „lernen Sie ein jüdisches Weib achten! Meine Ehre ist mir selbst um diesen hohen Preis, meinen Mann frei zu wisien, nicht feil! Seine Unschuld muß und wird zu Tage treten! Nach lebt ein Gott in der Höh! Mir stehen in Seiner Hut!" Hoch erhobenen Hauptes verließ sie das Haus des Unglücks. Es war ihr, als fühlte sie Trost und Beruhigung in das todtmüde Herz einziehen. Als sie daheim ihre Kleinen umarmte, fragte sie sich: „Gibt es wirklich Frauen, die ihre Ehre opfern, ohne daran zu denken, daß sie damit der Achtung ihrer Kinder verlustig gehen?" Sechstel Kapitel. Der Verhandlungstag nahte. Es war Dr. Lazzlo's Gegnern ein Leichtes gewesen, die Zeugen, die sie aufftellten, zu bearbeiten; sie sagten unter Eid so graoirend aus, daß selbst ein unparteiischer Richter an Lazzlo's Schuld hätte glauben müssen. Der Schreiber Miskolz wollte von Ilona gehört haben, daß Dr. Lazzlo sie schon früher einmal in den Keller gelockt, daß sie ihm aber. Böses ahnend, entrvichen sei. Josef Hish, ein bekannter Raufbold, sagte aus, Dr. Lazzlo habe im vorigen Jahre zur Osterzeit seine Tochter, die damals in seinem Hause diente, behelligt, sie sei aus Furcht entflohen und bis heute nicht zurückgekehrt; Therese Hinczes, eine Näherin, hatte, als sie ihr Fenster öffnete und von da aus einen Blick in Lazzlo's gegenüber liegendes Studierzimmer warf, gesehen, daß er ein großes Messer geschliffen und, als er sich beobachtet sah, eilig das Rouleaux herunterließ; Paul Meßlay, ein alter Tischler, sagte gravirend aus, er hätte, als Lazzlo den Keller mit der bewußten rothen Flasche verließ, Blutspuren an seinem Rock gesehen; Alexander Hovaes, ein im Nebenhause wohnender Privatbeamter, wollte gar Hilferufe gehört und deutlich Ilonas Stimme erkannt haben; als er nach Dr. Lazzlo's Haus hinübereilte, hätte er diesen verstört und leichenblaß aus dem Keller heraufkommen sehen und sei, auf seine Frage, was geschehen, mit den Worten abgefertigt worden: „Nichts ist geschehen! Sie träumen wohl?" Lazzlo's Vertheidiger, Advokat Dr. Herrer, hatte gegenüber diesen unter Eid abgegebenen Aussagen einen schweren Stand. Dieses Gewebe von Lug, Verleumdung, Bosheit zu zereißen, ging, wiewohl er sonst ein guter Vertheidiger war, über seine Kräfte. Alles, was er erreichen konnte, war, eine Vertagung zu bewirken; er hoffte zu beweisen, daß die Zeugen gekaufte, ihre Aussagen unglaubwürdig seien; inzwischen aber blieb Dr. Lazzlo in Haft. Frau Aranka, die sich der trügerischen Hoffnung hingegeben, die Verhandlung müsse die Schuldlosigkeit ihres Gatten beweisen, war trostlos; selbst die Kleinen, an denen sie sonst mit ganzer Seele hing, waren ihr lästig, sie war nicht im Stande, ihre vielen Fragen nach dem Papa zu beantworten. „Mein ganzes Vermögen gäbe ich hin," sagte sie einst, als sie, um auf andere Gedanken zu kommen, ihrer Freundin Thekla einen Besuch machte, „wenn ich diese schändliche Anklage entkräften, meinem Gatten die Freiheit wiedergeben könnte!" Im Zimmer der Freundin war eine Näherin anwesend, die, lebhaft aufhorchend, der Unterhaltung folgte. Als Aranka schon im Begriffe war. sich zu entfernen, bat sie um die Erlaubniß, der Frau Doktor eine Mittheilung machen zu dürfen. „In ihrem Hause,

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